BloggerInnen für Demokratie – die offene Gesellschaft braucht uns

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BloggerInnen für Demokratie

Zunächst einmal ist es ja so, dass ein großer Teil der Blogosphäre erschreckend apolitisch um sich selbst kreist. Das tut weh, aber es ist wahr. Dabei kann es so sinnstiftend sein, sein digitales Wirken auch in den Dienst einer größeren Sache zu stellen, eines Engagements, das mehr beinhaltet als den eigenen Geschmack, den eigenen Erfolg und Avocadotoast. Bezeichnend, dass die beiden Bilder, die ich gestern in den digitalen Äther hinausblies, unterschiedlich beliebt sind: der wohl arrangierte Bücherstapel findet mehr Anerkennung, als der Aufruf zu einer politischen Challenge, die sich für Demokratie und gegen Wahlermüdung einsetzt.BloggerInnen für Demokratie

BloggerInnen für Demokratie

Als würden die Menschen einfach nicht begreifen, dass unser politisches System und seine Unversehrtheit erst den Lebensstandard und die Freiheit generieren, in der wir uns tatsächlich friedlich und fröhlich um uns selbst drehen können. Dabei liegen die Antihelden so nah: Man muss nur einen Blick über den großen Teich werfen, in die USA, in denen grundlegende Werte wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Gleichbehandlung vor dem Gesetz plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind. Oder in die Türkei, die der Weltgemeinschaft demonstriert, wie man einen Rechtsstaat aushöhlt.

Und ich hätte mir niemals vorstellen können, dass das politische Klima sich so entwickelt hat, wie es das getan hat. Dass man im Netz angegriffen wird, wenn man sich für eine vielfältige Gesellschaft stark macht. Das wäre zu meinen Teenagerzeiten undenkbar gewesen. Die Leserkommentare unter den Artikeln der Nachrichtenseiten wären undenkbar gewesen. Der Ton ist so rau geworden. Da hat eine völlige Enthemmung stattgefunden. Klar, Nazis gab es auch damals. Gegen die ging ich mit meinen MitschülerInnen auf die Straße.

Aber die Gesellschaft als solche, die habe ich nicht als fremdenfeindlich erlebt. Das ist jetzt anders. Die AfD droht drittstärkste Kraft im Bundestag zu werden. Mit einem Wahlprogramm, bei dem es mir kalt den Rücken herunterläuft. Wer es noch nicht gelesen hat: Bloggerin Katharina Nocun hat eine kommentierte Sammlung von Auszügen aus den Wahlprogrammen auf ihrer Seite erstellt.

Was Du wissen solltest, bevor Du die AfD wählst

 

Ich war entsetzt, als ich im Zuge der Thementage „Demokratie Dämmerung“ auf 3sat die Doku „Mit Hass und Gewalt – Angriff auf die Demokratie“ sah: Lokalpolitiker werden von Rechtsextremen drangsaliert, beleidigt, bedroht und angegriffen. Im Artikel auf 3sat.de heißt es:

Experten der Europäischen Union haben in einer Studie 18.142 Fälle von Hasskriminalität in Deutschland identifiziert. 17.597 Taten wären rechtsextremen motiviert. Die Häufigkeit von Hasskriminalität und Rechtsextremismus werde von der deutschen Bevölkerung unterschätzt, so die Studie und oft würden Polizei und Staatsanwaltschaft rechtsextreme Prügelattaken als Trunkenheitsdelikte verharmlosen.

Ich war selbst drei Jahre lang als gewählte Stadtverordnete in der Lokalpolitik unterwegs – solche Szenarien wie das folgende möchte ich mir gar nicht vorstellen: Man sieht in der Doku die Linken-Politikerin Karen Larisch mit einer sehr überschaubaren Anzahl von MistereiterInnen am Rande eines Rechten-Aufmarsches gegen die üblen Parolen ansingen. Unglaublich mutig. Schließlich wurde der Landtagsabgeordneten bereits damit gedroht, dass ihre Tochter bald keine Jungfrau mehr sein werde. Wieso stehen, alleine schon aus diesem Grund, nicht viel mehr Menschen an ihrer Seite bei dieser Gegendemonstration? Völlig unabhängig davon, was man von der Partei der Linken hält – ich muss doch als Mensch ein Zeichen dafür setzen, dass NIEMAND sich solche Drohungen ausgesetzt sehen sollte. In der Doku werden auch Übergriffe auf AfD-PolitikerInnen thematisiert, zum Beispiel der Brandanschlag auf das Auto von Beatrix von Storch. Und auch hier kann ich nicht genug betonen: Gewalt und Drohungen sind NIE akzeptabel. Wer glaubt, zu solchen Mitteln greifen zu müssen, hat Demokratie nicht verstanden. Es geht um den Dialog.

Aber immer wieder ist die Kommunikation im Netz eine Einbahnstraße.  Hassrede bleibt viel zu oft unwidersprochen. Und viel zu oft sehen sich die, die die demokratischen Werte, Meinungsfreiheit und eine offene, pluralistische Gesellschaft verteidigen, Angriffen ausgesetzt und erhalten kaum Rückendeckung.

Um DIESE Rückendeckung geht es mir. Hier sehe ich uns alle in der Pflicht. 

Denn dann sehe ich die Likes unter meinem Bücherstapelbild und denke wieder: Daran liegt es. Am Schweigen. Am Eskapismus. Daran, dass wir in einer komischen Art Neo-Biedermeier gelandet sind. An jungen Menschen, die sich mit einer Detailverliebtheit um ihre Wohnzimmereinrichtung drehen, die schnitzen, backen, handlettern und all denen stillschweigend das Feld und das Netz überlassen, die hassen, pöbeln und hetzen. 

Deshalb begrüße ich es sehr, dass ich zur Zeit beobachte, wie auch einige Lifestylebloggerinnen das politische Parkett betreten: Vreni von JäckleundHösle nähert sich zum Beispiel im Podcast-Format dem Feld der Politik,  Nina von Pink Green Blog fordert nachdrücklich zum Dialog auf und Sabine von Hej Gretel lobt unser Recht zu wählen – es ist schließlich ein Privileg.

Und ich freue mich über jede und jeden, der/die Lust hat, bei der von mir ins Leben gerufenen #ichgehewählenchallenge2017 mitzumachen. Vom 1. bis zum 10. September kommen wir ins Gespräch über Politik, Demokratie und unsere Wünsche für die Zukunft. Ihr müsst nicht an allen Tagen dabei sein, denn jeder einzelne Beitrag zählt. Gern könnt ihr auch mit „normalen“ Fotos an der Challenge teilnehmen und in euren Texten Stellung beziehen.

BloggerInnen für Demokratie

Denn wenn ich mir immer wieder die Frage stelle, wie es so weit kommen konnte, dann lautet die Antwort, wie so oft, wenn es um menschliches Verhalten geht: Angst. Auf beiden Seiten: Bei denen, die sich dem rechten Rand zuwenden ist es die Angst davor, etwas zu verlieren, auf das man glaubt, ein Anrecht zu haben. Ein Geburtsrecht.

Aber kein Mensch, der das Licht der Welt erblickt, ob im Kreissaal, in einer Wellblechhütte, auf dem Feld oder in den verarmten Vororten großer Metropolen hat mehr oder weniger Recht darauf, ein glückliches, gesundes und freies Leben zu führen.

Und bei denen, die sich den nationalistischen, rassistischen und sexistischen Äußerungen nicht in den Weg stellen, ist es die Angst davor, angegriffen zu werden. Aber dann räumen wir das Feld. Dann geben wir unsere Werte auf. Wenn wir schweigen und wegsehen, lassen wir zu, dass Fremdenhass in unserer Mitte ankommt und sich dort gemütlich ausbreitet.

Wir müssen dringend einen Weg aus dem „die“ und dem „wir“ finden. Wir müssen einen Weg finden, denen, die an ihr Vormachtsrecht glauben, zu vermitteln, dass die Weltgemeinschaft entweder einen gemeinsamen Weg findet – oder keinen.

Wir müssen ihnen die Kunst der Differenzierung vermitteln, der einzig wirksame Schlüssel gegen Pauschalverurteilungen von Nationalitäten, Religionen, Geschlecht, sexueller Orientierung oder gesellschaftlicher „Klasse“. Anders kommen wir nicht voran. 

Wir brauchen Geduld mit denen, die diplomatische Lösungen vorantreiben, wir brauchen Wachsamkeit und eine klare Linie allen gegenüber, die der Demokratie langsam den Lebenssaft aussaugen wollen. Und wir müssen sichtbar und hörbar sein – sehr viel sichtbarer und hörbarer als alle, die unsere offene Gesellschaft in Frage stellen. Denn JETZT ist die Zeit, laut zu werden. Als schweigende Masse erreichen wir nichts. 

Bild: allthefreestock

15 Comments

    1. kea kea says:

      Liebe Lexa –

      vielen Dank für deine spannenden Links! Ich finde es super, dass du dich auf deinem Blog diesen wichtigen Themen widmest!
      Und die Hoffnung, dass die AfD doch nicht in den Bundestag einzieht, will ich auch nicht aufgeben. Hoffentlich besinnen sich da noch einige Menschen an der Wahlurne eines besseren!

      Liebe Grüße an dich!
      Kea

  1. Cora says:

    Liebe Kea,
    ich finde es richtig toll, dass du dich für Demokratie und gegen Gewalt und Hetze einsetzt und andere dazu ermutigst, genau das gleiche zu tun. Gerade mir (ich studiere Politikwissenschaft) liegt dieses Thema unendlich am Herzen. Deshalb bin ich auf jeden Fall bei deiner Instagram-Challenge dabei und hoffe, dass sie genauso toll und inspirierend wird wie die vorherige! Und was die Likes angeht: Ich denke, dass knapp 200 Menschen, die sich vermutlich intensiver mit dem Bild der Challenge auseinander gesetzt haben, bedeutend besser sind, als tausende Menschen, die schnell über ein Bild hinweg scrollen und nebenbei ein Herz da lassen. Die Qualität der Likes finde ich hier wichtiger als die Quantität ;).
    Liebste Grüße,
    Cora

    1. kea kea says:

      Liebe Cora,
      vielen vielen Dank für deine ermutigenden Worte! Und deine Sicht auf die Qualität der Inhalte ist eine sehr schöne Perspektive – und stimmt vermutlich auch!
      Deshalb freu ich mich sehr, mit euch in diese Challenge zu starten und bin sehr gespannt auf eure Antworten.
      Hoffentlich können wir mit dieser Aktion die Hemmschwelle herabsetzen, sich am politischen Diskurs zu beteiligen – ich als hochsensibler Mensch weiß, dass es nicht immer leicht ist, sich in diese Arena zu schmeißen. Ich bekomme oft Nachrichten von Frauen, die mir schreiben, dass sie sich nicht trauen, öffentlich Farbe zu bekennen. Zu groß ist die Angst vor Angriffen und Hatern. Aber GENAU deshalb müssen wir uns vernetzten und gegenseitig unterstützen!
      Sonst wird das Schweigen zu einem großen Problem.
      Liebe Grüße an dich!
      Kea

  2. Sabine says:

    ganz wichtiger und großartiger Artikel! Ich fühle mich ganz geehrt hier erwähnt zu werden, danke dir!

    Liebste grüße,
    Sabine

    1. kea kea says:

      Ich danke DIR für dein Engagement!
      Liebe Grüße!
      Kea

  3. Esra says:

    Liebe Kea, Respekt und danke!!
    Ich habe einen nicht ganz politischen Text über den Frieden geschrieben, der am Sonntag online geht – da werde ich deinen Post verlinken.
    Ich befürchte, dass viele Menschen einfach nicht mehr einsehen, dass alle Menschen gleiches Recht auf ein menschengerechtes Leben haben – sie glauben nicht mehr an die Würde des Menschen und wollen ihr keine erste Priorität beimessen. Daraus ergibt sich dann „die“ und „wir“ und „wir“ sind zuerst dran und „die“ hindern uns am glücklichen Leben . – was natürlich totaler Bullshit ist. Wie ich immer sage – schon lange Jahre, bevor die Flüchtlinge herkamen, hatte die Regierung kein Interesse daran, dass es den Deutschen gut geht. Die Lücke zwischen arm und reich wurde schon Jahre davor immer größer. Man müsste die Gesetzgeber unter die Lupe nehmen, und nicht die Flüchtlinge beschuldigen. Sie sind nur Mittel zum Zweck – meine Meinung. Zweck der noch größerer Spaltung der Gesellschaft nach dem Motto „Teile und herrsche“…

    Die Challenge klingt gut, ich versuche mal, mitzumachen!!
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

    1. kea kea says:

      Liebe Esra,
      ui, auf den Beitrag zum Thema Frieden bin ich sehr gespannt!
      Ja, Unzufriedenheit und das Gefühl, zu kurz zu kommen sind wohl die größten Triebfedern für das Erstarken der Rechten.
      Wie bei allen Konflikten gilt: Da muss man an die Wurzel ran. Natürlich wird es auch weiterhin echte Fanatiker geben, aber die große Masse ist das nicht. Da ist auch viel Protest dabei – und ich hoffe, dass die Menschen andere Wege finden, sich in den Dialog einzumischen, statt ihr Kreuz bei der AfD zu machen. Es ist ein langer Weg – aber wenn wir alle engagiert sind, nicht wegschauen und das Gespräch suchen, dann, davon bin ich überzeugt, können wir die Entwicklung Richtung Rechtsruck zumindest abdämpfen.
      Liebe Grüße zu dir!
      Kea

  4. Jenni says:

    Liebe Kea,

    auch hier nochmal: Ich finde dein Engagement beeindruckend und sehr, sehr vorbildlich und bin gerne bei der Challenge dabei. (Ich muss mich wirklich zusammenreißen, um die Termine nicht wieder andauernd zu vergessen, aber ich werde mein Bestes geben.)
    Du hast absolut recht: Demokratie ist kein Selbstläufer – und wir sollten dringend aktiv werden, um das, was uns wichtig ist und was wir als „normal“ empfinden, zu schützen.

    Liebe Grüße
    Jenni

    1. kea kea says:

      Liebe Jenni,
      wir haben uns ja heute morgen schon auf Instagram gelesen – ich würde deine Stimme sehr gerne in der Challenge hören! Du hast immer so tollen Input mit Weitblick!
      In meiner Jugend habe ich die Demokratie tatsächlich als etwas Selbstverständliches wahrgenommen, genauso, wie man gegen fanatische Rechte auf die Straße ging. Aber dass fremdenfeindliche Parolen wirklich mitten in der Gesellschaft salonfähig werden – das hätte ich mir nie träumen lassen.
      Deshalb ist es jetzt an der Zeit, etwas zu tun. Sonst fragen uns irgendwann unsere EnkelInnen, warum wir damals geschwiegen haben.
      Liebe Grüße!
      Kea

  5. Linkliebe № 8 – LexasLeben says:

    […] Bloggerinnen für Demokratie – die offene Gesellschaft braucht uns […]

  6. ANNA-E says:

    Word! Ich habe ja schon auf Instagram angekündigt, dass ich bei der Challenge dabei sein werde – ich finde es so toll, dass du die Idee dazu gehabt hast. Ich finde es auch unverständlich, wie unwichtig Politik in großen Teilen zu sein scheint… Dabei ist eigentlich etwas, was unseren Alltag mitbestimmt und uns alle etwas angehen sollte. Umso schöner ist es, wenn es weiterhin Blogger gibt, die sich auch diesen Themen widmen 🙂
    Ganz liebe Grüße!

  7. kea kea says:

    Liebe Anna,

    ich freu mich, dass dich die Aktion begeistert! Ich glaube, viele Menschen hatten nie direkte Berührung mit der Politik, deshalb scheint sie ihnen so weit weg. Das ist ein Aspekt, den ich aus meiner dreijährigen Erfahrung als Stadtverordnete mitgenommen habe: wie leidenschaftlich und engagiert da bis spät in die Nacht gestritten wird darüber, dass in unseren Städten die Busse fahren, Museen und Bildungseinrichtungen existieren, Schulen und Kitas ausreichend Mittel erhalten. Ja, selbst dafür, dass die Müllabfuhr funktioniert. Ich rate jeder und jedem, sich solche Sitzungen einmal anzusehen – sie sensibilisieren für die Notwendigkeit von Kompromissen. Und bringen uns dazu, wertzuschätzen, was wir haben.
    Liebe Grüße,
    Kea

  8. Hallo September {Monatsvorhaben} • kathastrophal says:

    […] haben daher bereits unsere Briefwahlunterlagen beantragt. Wählen gehen ist wirklich so wichtig! Kea hat sich wieder einen Weg überlegt, mehr Aufmerksamkeit für die Wahl zu schaffen, und ich borge mir hier ein paar ihrer Worte, die […]

  9. Eva-Marion Beck says:

    Liebe Kea, Dein Artikel spricht mir aus der Seele. Ich ziehe ganz tief den Hut vor Deiner Offenheit und Deinem Engagement. Ganz, ganz großartig. Ich versuche auch gerade, ein Konzept für meinen ersten Blog zu machen. Und da stelle ich mir dieselben Fragen. Will ich mich mit einem weiteren „Eskapismus“- und „Heile-Welt“-Blog einreihen in die Masse der Bloggerinnen, die nur Kosmetik, Mode, Deko und niedliches Mädchen- und Mutti-Zeug im Kopf zu haben scheinen? Würde mir vielleicht sogar Spaß machen, da ich auch ein „echtes Mädchen“ bin, das man mit Glitzerstaub happy und high machen kann. Es wäre schön, wenn wir uns in unserer Einhorn-Welt einkuscheln und das Daily Business – das Einstehen für Demokratie, Frauenrechte, Gerechtigkeit, Tierschutz etc.- anderen überlassen könnten. Aber wir stellen nun mal fast 50 % der Weltbevölkerung und sollten den Job nicht der anderen Hälfte überlassen. Du bist jedenfalls ein Vorbild für mich, Kea. Danke dafür.

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