Das Jungsheft – eine Rezension.

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Jungsheft

Es hat sich was verändert, was die Pornografie betrifft, das steht mal fest. Wo die Teenager der 90-iger noch auf Softpornos auf Vox setzten mussten, in ständiger Angst, Mama und Papa könnten unterm Türschlitz das blaue Licht des nächtlich eingeschalteten Fernsehers bemerken, eroberten mit dem Internet Bilder und Filme die Computerbildschirme, die nur wenig Fragen offen ließen. Im Handgepäck hatten sie eine Menge Gedanken, wie „oh, muss ich auch so aussehen“, „kann ich das auch so gut?“ und „machen das wirklich alle?“. Und raubten damit der eigenen sexuellen Erkundungsreise auf wenig subtile Art und Weise die Unschuld. Dafür sorgten sie im Gegenzug auch für Aufklärung, Inspiration und das Gefühl, mit den eigenen Gelüsten nicht allein zu sein. 

Das Vorurteil, dass nur Männer gerne Pornos schauen, dürfte mittlerweile auch hinreichend entkräftet sein. Pornos von Frauen für Frauen, wie die Filme von Erika Lust, erfreuen sich großer Beliebtheit. Und die selbstbewusste weibliche Sexualität treibt dann auch so schöne Blüten, wie das Jungsheft – ein Porno-Magazin für Frauen, das ich über die #femaleempowermentchallengeDE entdeckt habe. Mir war sofort klar: Spannendes Projekt, das schreit nach einer Rezension! 

Jungsheft

An einem sommerblauen Morgen flattern mir also zwei Ausgaben des Jungsheft (und zwei des Giddyhefts, dem Pendant für Jungs) ins Haus. Die eine Hand am Pürierstab meiner Blumenkohlcremesuppe, die andere am Magazin vor der Nase, beginne ich noch in der Küche, zu lesen.

Wer von dem 60 Seiten starken, zweimal im Jahr im Selbstverlag erscheinenden Heft hardcore-porn mit dirty-Talk-Sprechblasen erwartet, wird enttäuscht. Dafür dürfen reichlich nackte Männer bewundert werden, die sich sichtlich heiße Gedanken machen – der Grund übrigens, warum das Heft als Porno deklariert werden muss, da hat das deutsche Gesetzbuch ganz klare Regeln: eine Erektion über 45 Grad ist Porno. Das erklären Nicole und Elke, die Macherinnen der Hefte im Editorial. Ich messe das nicht nach, sondern freue mich an den ganz normalen Menschen, die für’s Magazin Modell stehen. Keine Kampfarena für pornoeske Stiere mit Nackenfalten und Riesengemächt, sondern Männer wie, äh, Du und ich – na, ihr wisst, wie’s gemeint ist! Die eben auch Falten, Rasurpickel oder ein Bäuchlein haben dürfen – das gilt für’s Jungsheft, wie auch für’s Giddyheft gleichermaßen. Ziemlich entspannt und normal und dadurch irgendwie umso aufregender!

Jungsheft

Es gibt aber nicht nur Bilder zum Gucken, sondern auch jede Menge Futter für’s Hirn – sei es der Artikel über Homophobie, der Beitrag über Schamlippenkorrekturen oder der Text von Autorin Susan Aury, in dem sie sich über die heutige Liebesmoral Gedanken macht. Darin werden sensibel und vorurteilsfrei Gefühle von Betrogenen und Betrügenden beleuchtet und kluge Fragen gestellt, wie die, ob wir mit unseren hohen Erwartungen an unseren „significant other“ in monogamen Beziehungen nicht Liebe und Lust unabsichtlich den Hahn zudrehen.

Die Rubrik „coole Frau“ lässt inspirierende Persönlichkeiten zu Wort kommen, zum Beispiel die erwähnte Porno-Produzentin Erika Lust. Und das Gespräch gestaltet sich vielschichtig – so geht es auch um den Vorwurf, gewisse Praktiken in ihrem Filmen seinen anti-feministisch.

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Für mich ein zentraler und wichtiger Punkt in der Debatte um Emanzipation: die vierte Welle des Feminismus (mehr zu den verschiedenen Wellen der feministischen Bewegung im Artikel von Antje Schrupp) rühmt sich schließlich damit, jedem selbst gewählten Lebensentwurf tolerant gegenüber zu treten und das schließt dann natürlich auch Frauen mit ein, die Spaß und Lust haben an Unterwerfungsfantasien oder Flüssigkeiten, die im Gesichtsbereich landen. 

Esther Perel konstatierte in ihrem grundsätzlich brillianten TED Talk zum Thema Begehren in Langezeitbeziehungen, dass der erotische Geist politisch nicht sehr korrekt sei. Ich denke, er kann sehr wohl politisch korrekt sein – aber diese Korrektheit bezieht sich allein auf „safe, sane, consensual“. Solange zwei Menschen aus freien Stücken und Lust an der Freude miteinander in die Kissen hüpfen, die die Welt bedeuten, dann sollen sie dort tun oder lassen, was immer ihnen beliebt. Und die Frau, die sich gerne fesseln und versohlen lässt, ist dabei nicht weniger emanzipiert als die, die bei Kerzenschein und Kuschelrock die Missionarsstellung bevorzugt. 

Ihr seht schon, das Jungsheft stimuliert also nicht nur unser Lustzentrum, sondern kitzelt auch den Geist. Und Kea wäre nicht Kea, würde sie nicht auch hier nach besondern gelungenen Sahnekirsche-Sätzen suchen, die ihrem ausgeprägten Fetisch für den besonders gewandten Umgang mit Worten entgegen kommen. Gefundener Lieblingssatz von Autorin Susan Aury im Artikel zum Thema Labienresektion:

„Und schon sitzt Frau in der Falle und ein ästhetisches Defizit, dass bis dato vielleicht unter einer 70er Jahre Russ Meyer-Matte verborgen und hübsch überkämmt worden war, steht als Monster-Cameltoe und unfreiwilliger Hingucker mitten im intimen, auch im 21. Jahrhundert noch von Scham und komplexen Unsicherheiten bewohnten Zwischenraum weiblicher Schenkel.“

Ansonsten begegne ich auf den 60 Seiten einigen praktischen Helfern (zum Beispiel einem Vibrator-Wecker, der der Snooze-Taste eine völlig neue Bedeutung gibt) neuen Event-Formaten, wie den „nakes boys reading“ bei dem nackte Männer Texte der Weltliteratur vortragen – und immer wieder Männern mit wenig Klamotten an.

Eine, wie ich finde, erotische, intelligente Mischung, die gerade durch ihre down-to-earth-Haltung ziemlich sexy ist!  Stimulanz für Körper und Geist – für mich ein gelungenes Konzept! Insgesamt leistet die Redaktion einen wichtigen Beitrag zum Thema Vielfalt und Toleranz und ermutigt Männer, wie Frauen, zu ihrem Körper und zu ihrer Lust zu stehen. Daumen hoch!

Jungsheft

Gut, dass ich mir um die Zukunft der Hefte keine großen Sorgen machen muss, wenn ich das Statement der beiden Macherinnen auf der Magazin-Website so lese:

Wir werden das Heft machen, bis wir pleite sind, keine Jungs mehr finden, die sich ausziehen wollen, oder es keiner mehr haben möchte.

Ich hoffe doch, alle drei Szenarien werden niemals Realität 🙂 Aber ich bin eigentlich unbesorgt. In ihrer Jubiläumsausgabe zum Zehnjährigen schreiben Nicole und Elke: „Heute wissen wir, dass es nicht mehr unbedingt niedlich verpackt sein muss, wenn Frauen Pimmel sehen wollen“ – ein ziemlich guter Indikator dafür, dass weibliche Lust mehr und mehr aus der ihr aufgezwungenen Reserve gelockt wird und endlich ganz normal gelebter, vielschichtiger Teil unseres Lebens sein darf.

1 Comments

  1. Feministisches Gipfeltreffen in Berlin – Kea schreibt – Lyrik & Text Blog says:

    […] hatte ich mich gerade erst im Interview auf Tanjas Blog amüsiert darüber ausgetauscht, dass meine Blog-Artikel, die das Thema Sexualität thematisieren, fleißig gelesen, aber kaum kommentiert werden. Ich nehm’s sportlich und habe […]

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