Das kleine Herbarium oder – die Kunst der Dankbarkeit

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An einem besonders schönen Frühlingstag bin ich vor einigen Tagen mit meiner Freundin in einem kleinen Buchladen ums Eck gewesen. Es war das erste Mal, dass ich nach einer zweiwöchigen Magenentzündung, die ich mir durch zu viel Arbeit und zu wenig Ruhe zugezogen hatte, längere Zeit an der frischen Luft war. Während ich auf den Bus wartete, mit dem sie auf dem von Platanen umsäumten Platz ankommen sollte, schien mir die Sonne warm auf den Rücken und ich beobachtete einige übermütige Enten bei ihren Wasserlandungen auf dem nahe gelegenen Bach. Ich genoss es, einmal nichts zu tun, einfach zu sitzen und zu beobachten. Die Flut an Arbeit, Telefonaten und E-Mails, die in den letzten Monaten meinen Tagesablauf bestimmt hatten, erschien mir weit weg und es war herrlich, die Wartezeit über nichts zu tun zu haben, als die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Frühjahrs in Empfang zu nehmen.

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Nachdem meine Freundin eingetroffen war, ließen wir Bach, Enten und Platanen hinter uns und bogen in die alte Hauptstraße ein, an deren Ecke ein kleines Buchgeschäft mit seinen liebevoll gestalteten Schaufenstern regelmässig meine Aufmerksamkeit erregt und mich zwingt, meine immer ein bißchen zu eiligen Schritte zu bremsen. An diesem Freitagnachmittag ist der Laden nur mäßig besucht, unsere Augen müssen sich nach dem gleißenden Tageslicht erst an den dunklen Verkaufsraum gewöhnen. Anders als in den großen Buchhandelsketten in den Einkaufspassagen kann man hier auf eine liebevolle, persönliche Auswahl der Inhaberin treffen. Hier liegen keine meterhohen Türme des neusten Beststellers zum Supersparpreis, die gelangweilte Aushilfen Anfang zwanzig kaugummikauend über den Scanner ziehen. Sorgfalt, Hingabe und die echte Liebe zu Büchern nimmt hier jede Faser des Raumes ein. Auf den Tischen nahe des Eingangs verführen themenbezogene Tische die Besucher, einzutauchen in kleine literarische Welten: Skandinavien zum Beispiel, mit reich bebilderten Reiseführern, norwegischen Krimis oder Rezepten aus dem Land von Bullerbü. Ein anderes Regal beherbergt ein buntes Potpourri aus Büchern, Gedichtbänden und Postkarten-Sets rund um die Epoche der Romantik.

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Der Tisch zu unserer linken, gleich neben dem Eingang, widmet sich heute dem Garten. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Blanko-Büchlein, als einen ersten Schritt hin zu mehr Gelassenheit und weniger Magenschmerzen: Nachdem ich der wunderbaren Podcast-Folge zum Thema Glück von Laura Seiler gelauscht habe, möchte ich ihrer Empfehlung folgen und ein Dankbarkeits-Tagebuch anlegen. Aber irgendetwas hält mich jetzt an dieser Ansammlung gartennaher Bücher fest. Mein Blick fällt auf ein graues, kleinformatiges Exemplar mit leuchtend pinkem Gummiband. „Das kleine Herbarium“, lese ich. „Ein Buch zum Sammeln, Erinnern und Bewahren.“ Sammeln, Erinnern und Bewahren, genau das möchte ich ja zukünftig mit meinen schönen Momenten tun!

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Ich wage einen Blick hinein und finde ein entzückendes Buch zum Sammeln und Pressen von Blüten, mit allerlei Hintergrundinformationen zu allem, was auf heimischen Wiesen duftet und wächst, liebevoll illustriert und bebildert. Gedichte, schöne Sprüche und viele Seiten, die dazu einladen, eigene Notizen festzuhalten. Ich verliere sofort mein Herz an dieses entzückende Kleinod, ein so gar nicht mainstreamiges, leises Buch.

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Laut Vorwort haben Künstlerin Maartje van den Nort und Designerin Saskia de Valk, die die Idee zu diesem Buch hatten, beide eine Faszination für kleine Dinge und die Schönheit der Natur – und ich fühle mich ihnen sofort verbunden! Aber Herbarium ist nicht nur dazu gedacht, Fundstücke aus der Natur zu sammeln, es soll “ ein Trost, eine Inspirationsquelle und ein Nachschlagewerk“ sein für “ die wunderschönen Dinge, für alle, die die kleinen Sachen glücklich machen.“ Vor Begeisterung drücke ich es kurz an meine Brust, lasse die Papierwarenabteilung mit all den ordentlichen Blanko-Heften links liegen und lege das Büchlein schließlich mit einer feierlichen Geste auf den Verkaufstresen. Die Buchhändlerin hatte, nach der freundlichen Begrüßung, geduldig gewartet. Nun nimmt sie ihre Brille herunter, um meinen Schatz zu begutachten. “ Es war einfach spontane Liebe“ erkläre ich bereitwillig. Sie schenkt mir ein wissendes Lächeln, anhand dessen ich ausmachen kann, dass es vielleicht genau so ein Moment ist, den eine Buchhändlerin abends in ihr Dankbarkeits-Tagebuch schreiben würde. An einem Tag, an dem ein Buch seine Besitzerin fand.

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Das kleine Herbarium ist erschienen bei Eden Books für 9,95 UVP.

22 Comments

  1. Caro says:

    Was für ein schöner Text! Musste bei den Bilder total daran denken, wie ich früher immer Blumen in dicken Büchern gepresst habe… hatte damals ein Blumen-Bestimmungsbuch und bin damit immer raus auf die Wiesen! 🙂
    Mir ging es die letzten Wochen tatsächlich auch so, viele, viele Mails zu beantworten und riesige To-Do Lists… da tut es wirklich gut, einen Moment innezuhalten und einfach mal zu entspannen!
    Wünsch dir einen wunderschönen Sonntagabend!
    Caro
    Madmoisell

    1. kea kea says:

      Hallo liebe Caro, ich freu mich, dass dir der Blogpost gefällt und dich an früher erinnert 🙂 Im Herbarium finden sich auch die wichtigsten Pflanzen, illustriert und mit Namen – ich bin schon gespannt, welchen ich auf meinen Streifzügen begegne! Mit den ersten wärmeren Tagen, an denen man draußen sitzen kann, wünsche ich dir ruhige Momente der Entschleunigung und Zeit zum Entspannen! Lass dich am Wochenanfang vom Streß nicht wieder einfangen 🙂 Liebe Grüße, Kea

  2. Carmen says:

    Oooh wie schön! Danke, liebe Kea, für diesen Tipp – und die blumige Beschreibung 🙂
    Ich mach mir gerade in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin mein eigenes Herbarium. Dieses hier könnt mich aber zusätzlich inspirieren und erfreuen, das muss ich mir wohl genauer anschauen.
    Alles Liebe und viel Freude damit (und Dankbarkeit dafür ;-))
    wünscht dir Carmen
    http://www.goodblog.at

    1. kea kea says:

      Guten Abend liebe Carmen 🙂 Das eigene Herbarium einer Kräuterprädagogin klingt ja ganz wundervoll! Ich würde nur zu gerne mal mit dir gemeinsam auf Kräutersuche durch die Wälder und Wiesen streifen, wir hätten sicher eine fabelhafte Zeit! Danke dir sehr für die lieben Wünsche – komm gut & entspannt in die neue Woche 🙂

      1. Carmen says:

        Oooh ja, gemeinsam Kräuter sammeln <3
        Weitere Frage: Schon über einen Österreich-Urlaub nachgedacht? 😀

        1. kea kea says:

          Thaha, nein – aber mir fällt kein guter Grund ein, warum nicht! Ich besprech es mal mit meinem Mann heut Abend 🙂

  3. Christine says:

    Die Zeichnung, die man auf dem einen Foto sieht, sieht schön aus! Dieser Stil gefällt mir sehr. Filigran und ganz sanft. Sieht schon ist nach einem kleinen Kunstwerk in Buchform aus.

    1. kea kea says:

      Das ist es definitiv, liebe Christine 🙂 Ich finde es auch einfach so schön, wenn Menschen ihrer Kreativität folgen und solche Nischen-Bücher machen. Das ist vielleicht nichts für die breite Masse, aber eben für besondere Menschen, die es wertzuschätzen wissen – wie meine Leserinnen 🙂

  4. Polly says:

    Oh je, wie wundervoll! <3

    1. kea kea says:

      Thihi, ja, das ist es! Du hättest bestimmt auch reichlich links und rechts des Wegesrandes zu pflücken auf deinen Touren 🙂

      1. Polly says:

        Ich pflücke mit der Kamera.
        Frank ist jedoch der große Finder 4-Blättriger Kleeblätter und die lege ich dann in meine Bücher und verwahre sie, wie die geheime Botschaft meines Liebsten in weiter Ferne…. 😉

        1. kea kea says:

          Das tust du, das kann ich bezeugen. Und dass Frank das Glück auf den Wiesen dieser Welt findet, ist absolut herzallerliebst 🙂

          1. Polly says:

            Heute habe ich das kleine Herbarium gekauft, um es meiner Freundin zu schicken. Einfach so. Ohne Anlass. <3

          2. kea kea says:

            Ohhhh! Ach das fand ich aber… sowas von schön!!!! Die freut sich bestimmt nen Keks! So eine schöne Geste, Polly 🙂

  5. majavonschwartzenberg.com says:

    Oh oh oh!!! Das klingt zauberschön! Das Buch und Dein Text gleichermaßen. Pass auf Dich auf.

    1. kea kea says:

      Vielen lieben Dank, Maja! Und auf mich achtgeben, das tu ich 🙂 Das Herbarium hilft mit jeden Tag dabei, es ist nach 5 Tagen schon fast ein Ritual geworden, vor dem Einschlafen meine Highlights des Tages darin festzuhalten. Jetzt muss nur noch die Sonne mal öfter hervorblinzeln und die Luft auf mehr erwärmen als gefühlte Eisschranktemperaturen, dann klappts auch mit dem Blumen Pressen 😀

  6. Nadine – breukesselchen says:

    Oh, liebe Kea, erst heute komme ich dazu, hier deinen schönen Text zu lesen.
    Was für eine schöne Vorstellung einen so schönen Buches! Das wäre doch was für meine Mamy zum Muttertag?!
    Du Arme, Magenentzündung klingt wirklich fies! Gute Erholung, meine Süsse!
    Fühle dich gedrückt,
    Nadine – breukesselchen

    1. Nadine – breukesselchen says:

      P.S. Danke für den tollen Podcast-Tipp! Ich liebe ja Podcasts! 😉

  7. Anne says:

    Liebe Kea,

    da hast du ein zauberhaftes Buch ganz zauberhaft vorgestellt. 🙂

    Hast du denn schon die ersten Funde eingeklebt?

    Liebe Grüße
    Anne

    1. kea kea says:

      Liebe Anne, vielen Dank, ich freu mich sehr, dass dir die Buchvorstellung gefällt 🙂 Bisher beherbergt das Büchlein vor allem meine abendlichen Dankbarkeits-Notizen, aber ein paar getrocknete Gräser von dem Spaziergang vor einigen Tagen sind auch schon dabei 🙂 Am Ende vom Sommer zeige ich euch gern mal einen Einblick in das bis dahin sicher gut gefüllte Büchlein 🙂 Liebe Grüße! Kea

  8. Jule says:

    Liebe Kea, das hast du soo wunderschön geschrieben. Ich kann mir förmlich vorstellen, wie deine Romane klingen müssen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit langem den Wunsch hege, die Natur um mich herum besser kennenzulernen – die Idee ein Herbarium zu erstellen, zieht mich sehr in ihren Bann. Danke für die Inspiration.
    Liebe Grüße,
    Jule

    1. kea kea says:

      Sehr sehr gerne, liebe Julia! So ein wunderbares Kompliment, du kannst dir sicher vorstellen, dass mir das behaglich den Rücken heruntergeht wie Öl 🙂 Ich finde die Idee hinter dem Herbarium auch so wertvoll, es lehrt uns, genauer hinzusehen und unsere Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen und wertzuschätzen! Ich hoffe, du legst auch eines an und wünsche dir dabei viel Spaße! Liebe Grüße 🙂 Kea

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