Die fantastische Leichtigkeit des Seins

Posted on

Wir haben zu schnell gelebt, wir wollten zu viel, fühlten zu wenig und erwachten zu spät… Klar, man kann sich anpassen. Man kann stromlinienförmig den Weg gehen, den alle gehen, ohne nachzudenken, ob er zu den eigenen Füßen überhaupt passen will. Ja, man kann es machen, wie alle und mehr arbeiten, als leben. Für die größere Wohnung, den besseren Job, die schickeren Schuhe. Für das Gefühl „Ich habe etwas geleistet“ statt einfach etwas zu sein. Ich bin schuldig im Sinne dieser Anklage. Ich habe zuviel gearbeitet. In einer Welt, in der wir alles immer mehr und immer schneller und immer besser haben und machen wollen, habe ich im letzten Dreivierteljahr meiner Selbstständigkeit definitiv zu viel Gas gegeben. Woran ich das erst merke? An meinem Urlaub, dem ersten seit drei Jahren. Was für eine Wonne, nur eine Sache zu tun, ohne, dass noch 30 andere im Hinterkopf in Warteposition herumdrängeln. Ich verbringe meine freien zwei Wochen in meinen beiden Zuhausen und widme mich den einfachen Dingen: Türrahmen putzen (und damit Flecken beseitigen, die ich schon länger kenne als manche meiner Kunden), im Wald spazieren gehen, Gemüsesuppe kochen. Und immer hübsch eins nach dem anderen, ohne Hektik, einfach mit der Muße des Augenblicks. Es ist ein Fest!
Ich war lange nicht mehr so entspannt. Und nehme diesen Urlaub, diese zwei Wochen Leichtigkeit als Zäsur, um danach nicht gleich wieder in mein quietschendes Hamsterrad zu klettern, sondern anders weiterzugehen, auf einem anderen Weg, der noch Zeit lässt, die Bäume am Wegesrand zu begrüßen. Weil ich glaube, dass ich die schickeren Schuhe gar nicht mehr bräuchte, wenn ich mich nicht durch den Job an den Rand der Erschöpfung bringen würde, an dem mich nur noch Dauerkonsum und Freizeitstress betäuben können. Die deutsche Sprache hat so viele schöne Wörter für diese Art zu leben, die ich zukünftig anstrebe: geruhsam, gemächlich, bedächtig, sachte, besonnen und – seelenruhig.
In aller Seelenruhe lässt es sich ganz gut leben. Nur eine Sache zur Zeit erledigen. Und manchmal einfach gar nix tun.  In einem solch ruhigen Moment im Esszimmer, als die Aprilsonne sich bequemt hat, mir eine Portion Extra-Serotonin zu bescheren und sich schön warm auf das Holz von meinem alten Esstisch ausgebreitet hat, kam mir spontan die Idee, den silbernen Holzspiegel umzulackieren. Er ist ein Relikt meiner Schnörkelphase, das immer noch bleiben darf und um ihn ein bißchen aufzuhübschen, habe ich ihn kurzerhand weiß umlackiert. Bloß lackiert. Sonst nichts. Ich habe dabei nicht an all die Dinge gedacht, die ich alternativ gerade tun sollte oder könnte. Ich habe einfach nur lackiert. Es war wunderbar!
Das frische Weiß erinnert mich jetzt jedes Mal an diesen schönen Moment, wenn ich hineinschaue und mich sehe und verkörpert meinen kleinen Neubeginn: Mehr Frische, mehr Luft in Hirn und Herz, mehr Raum, zum Atmen.
Meine Osterdeko fiel dieses Jahr dann auch sehr minimalistisch aus: Kirschzweige mit Holzanhängern in schwarz-weiß, ein paar getupfte Eierkerzen – fertig ist mein entschleunigtes Ostern. Ich wünsche euch und mir, dass wir die Geruhsamkeit dieser Tage mitnehmen können und in den Alltag herüberretten können. Lasst eure Seelen baumeln, meine Lieben! Es tut ihnen so gut!

Bildschirmfoto 2015-04-05 um 13.00.43

Bildschirmfoto 2015-04-05 um 13.01.14

Bildschirmfoto 2015-04-05 um 13.01.01 Bildschirmfoto 2015-04-05 um 13.00.54

 

 

 

 

 

  • Share

4 Comments

  1. SOUSOU DIYSIGN says:

    Du hast sehr schöne Worte gefunden für diese Situation, die fast alle Menschen in dieser Gesellschaft betrifft. Ich bin mir schon etwas länger bewusst, dass ich Zeit – eins der kostbarsten Dinge – nunmal nicht kaufen kann. Ich arbeite bewusst nicht Vollzeit und liebe die Zeit, die ich für all die Dinge habe, ich mich bereichern. Trotz allem unterliege auch ich noch viel zu sehr und zu oft dem Druck der Gesellschaft, der einen zu mehr Leistung drängt, zu mehr Haben als Sein.
    Ich wünsche dir, dass du dieses Gefühl weiterhin in dir tragen kannst und dich gelöst von allem um dich herum für das entscheiden kannst, was deiner Seele am wichtigsten ist.

    1. kea kea says:

      Liebe Souhela, Danke für deinen so lieben Kommentar! Toll, dass du bereits Wege für dich gefunden hast, dem Hamsterrad zu entgehen 🙂 Aber natürlich ist es in unserem Umfeld nicht gerade einfach, da pioniermäßig voranzugehen. Trotzdem glaube ich, dass es der beste Weg ist! Also lass uns weiter unermüdlich sein darin, das Jetzt zu genießen und all die “ ich sollte“-Momente immer mehr abzubauen 🙂

  2. Jenny says:

    Liebe Kea, ich liebe deinen so wunderschön bedacht geschriebenen Text und musste ihn mir zweimal durchlesen. Nicht weil ich dich nicht schon beim ersten mal verstanden hätte, sondern einfach weil er so schön, so wahr und so treffend ist.
    Ich finde es toll, dass du in einer Welt, in der alle immer nach mehr zu streben scheinen für dich andere Werte erkannt hast.
    Ich denke gerade in der Selbstständigkeit ist es besonders schwer seinen Arbeitsdrang zu zügeln, denn die Anforderungen die man an sich selbst stellt sind nicht zu vergleichen mit denen die ein Vorgesetzter an einen hätte.
    Also genieß deinen Urlaub und viel Spaß beim einfach Sein!
    Gruß Jenny

    1. kea kea says:

      Liebe Jenny, wow, ich bin ganz berührt durch deine Worte, vielen Dank! Wie schön das ist, durch persönlichere Beiträge so schön mit meinen Leserinnen in Kontakt zu kommen, das freut mich grad total 🙂 Ich schicke immer noch entspannte und ganz liebe Grüße zurück! Kea

Leave a comment

Your email address will not be published.