Ein Einhorn namens Edeka

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Neuanfang

Niemand hat gesagt, Veränderungen seien leicht. Aber warum müssen sie SO schwer sein? Ich liege bäuchlings auf einem Klappbett und weine. Weine heiße Tränen in ein kleines Einhorn mit rosafarbener Mähne und glitzerndem Horn auf der Stirn. Hallo, Realität.

Neuanfang


Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es war, irgendwann zwischen Weihnachten und Ostern, als mir klar wurde, dass mein enthusiastisch begonnenes Zweitstudium doch nur ein Strohfeuer war, eine kurze, heftige Affaire ohne Happy End. Die Literaturwissenschaft war für mich dann doch zu sehr in ihrem Elfenbeinturm gefangen. Mehr Beobachterin in zweiter Reihe, während ich doch eine Schaffende und Künstlerin sein will. Ich will in den Worten wühlen, wie eine Gärtnerin in der Erde, ich will mir die Finger schmutzig machen mit Sätzen und Gedanken, will Wurzeln schlagen in meinen Notizbüchern und die Zeit haben, all meinen Ideen hinterher zu träumen. Sie zu erforschen, zu Lyrik zu verdichten oder in einen Essay zu gießen. Mit der Philosophie wäre ich noch warm geworden. Sie stellt die großen Fragen, die mir im Kopf herumspuken. Aber dann war da eben noch etwas anderes:
Meine Selbstständigkeit. Definitiv eine Diva, sie duldet keine Nebenbuhlerin – es war nicht leicht, es zuzugeben, aber neben diesem Beruf war ein Studium, selbst in Teilzeit, einfach nicht zu schaffen. Nicht, wenn ich auch noch schreiben wollte. Und spätestens, als ich mich missmutig auf dem Teppich sitzend wiederfand, Texte lesend, die ich nicht lesen wollte, die mir aber die Zeit raubten, Texte zu lesen, die ich unbedingt lesen wollte, wurde mir klar, dass die Idee des zweiten Studiums eine schöne, aber meine aktuelle Lebenssituation dafür einfach nicht die richtige war.
Nun hatte ich aber der Uni wegen meine Herzensheimat Berlin verlassen. Als das Studium wegfiel, fehlte das Gegengewicht. Jeden Tag lauter, quälender, vehementer. Die Hauptstadt rief mich zu sich, ihr Versprechen lockten mich wieder.
Und so wuchs der Wunsch, doch wieder in Berlin sesshaft zu werden, dieses Mal richtig, mit Katzenkindern und allem drum und dran.
Bereits im April machte ich eine kleine, aber erfolglose Besichtigungsrunde. Mangels Zeit und Unterkunft musste ich unverrichteter Dinge wieder abreisen – aber nur, um im Juni wieder neu anzugreifen. Einer der beiden Männer, die ich liebe, kehrt ebenfalls nach einigen Umwegen des Lebens nach Berlin zurück. Weil er seine neue Wohnung erst später bezieht, kann ich nun von diesem Domizil aus meine Besichtigungstouren starten. Und es ist dieser Moment, in dem er die Wohnungstür zuzieht und in seine Noch-Heimat fahren muss, in dem mich die Traurigkeit verschluckt wie ein Wal seinen Frühstücks-Plankton. Gefangen zwischen gestern und morgen sitze ich in der Gegenwart fest und fühle mich verdammt einsam. Und verzagt.

Die Zweitwohnung, die ich anderthalb Jahre in Friedrichshain bewohnt hatte, war ein ganz anderer Schnack. Damals hatte ich immer noch einen Fuß im Vertrauen, konnte jederzeit zurück, Reisen mit emotionaler Rücktrittsversicherung. Jetzt bin ich hier, um zu bleiben. Wer bleibt, der verlässt automatisch etwas anderes.
Und ich lasse verdammt viel zurück. Ein Zuhause, das ich unheimlich geliebt habe, das nur leider am für mich falschen Fleck der Erde stand. Das Läuten der Glocken der Dorfkirche vorm Fenster, den Wind oben auf der alten Burg, den Blick über die bewaldeten Hügel rund um Sonnenberg. Ich kenne jedes Geräusch dort, jede Stimme der Nachbarn, jede Farbe des Lichts, das durch den hohen Giebel ins Treppenhaus fällt. Ich weiß, wie die Stimmung in der Straße mit den Jahreszeiten wechselt und wie die Luft riecht, wenn es Frühling wird. Olfaktorische Landkarte der Heimat. All das wird es nicht mehr geben. Auch den Alltag mit meinem Mann wird es nicht mehr geben. Die Dinge verändern sich. Fünf Jahre habe ich hier gelebt und für mich ist das lang – ich bin in meinem Leben schon 13 Mal umgezogen. Man könnte meinen, dass es diese Routine leichter mache, aber das stimmt nicht. Mein Herz hängt gerade deshalb vielleicht umso mehr an den kleinen Inseln, die ich mir in der stürmischen See meines Lebens baue.
Und jetzt also wieder ein neuer Abschnitt. Ich bin jemand, der mit Veränderung und Abschied nicht gut kann. Einer dieser Menschen, die es nicht mal richtig verpackt kriegen, wenn sie mit dem Zug in den Urlaub fahren und plötzlich woanders sind. Ein bißchen so, als hätte meine Seele Jetlag. Und mit eben diesem liege ich nun auf der harten Matratze und schluchze in das Fell eines Einhorns. Das thront seit gestern auf meinem Kissen. Ich weiß, es ist für eine 32-jährige Frau eventuell etwas seltsam, einem Stofftier seinen Kummer anzuvertrauen, aber das hat schon seinen Sinn.
Weil ich weiß, dass Abschiednehmen bei mir alte Kindheitswunden aufreißt und dieser Zustand nicht selten mit einer Verschlimmerung meiner Ängste und Panikattacken einhergeht, lese ich seit zwei Wochen zur Unterstützung das Buch „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ von Erika J. Chopich und Margaret Paul.
Darin heißt es, dass unser innerer liebevoller Erwachsener nicht nur mit unserem inneren Kind sprechen soll, es beruhigen, ihm erklären, wieso was passiert, sondern, dass konkrete Handlungen wichtig sind. Das heißt, das innere Kind nach seinen Bedürfnissen zu fragen und dann auch entsprechend zu handeln, egal, ob unser erwachsenes Ich das etwas albern findet.
In weiser Vorausahnung habe ich meine innere kleine Kea also gefragt, was ihr helfen würde, wenn sie so ganz allein in der noch fast leeren Wohnung sein würde. Neben vielen Treffen mit Freunden wünschte sie sich ein Stofftier. Etwas, das auf dem Kopfkissen auf sie wartet, wenn sie nach Hause kommt. Und was für eins? Ein Einhorn. Ein weißes, liegendes Einhorn mit rosanem Schweif. Gut, dachte ich mir, dann würde ich die Tage wohl mal in einen Spielzeugladen fahren müssen.
Soweit soll es aber gar nicht kommen – mein Anreisetag ist holprig, ich kämpfe im Zug gegen die Tränen und gegen mein Koffermonster. Ist das alles vielleicht eine beschissene Idee? In Berlin sammelt mein Freund mich ein und wir fahren schnell noch zum Supermarkt, fürs Abendessen einkaufen. Die Stadt rauscht an mir vorbei, fremd und vertraut zugleich. Ich fühle mich innerlich wund.
Hüpfe schließlich am Zielort aus dem Auto und in den Edeka. Mit Brot, Käse und Paprika unterm Arm rausche ich an einem Sonderstand vorbei und bleibe abrupt stehen: Da hängt zwischen einem ganzen Arsenal von Kuscheltiere tatsächlich – ein Einhorn! Ein weißes, liegendes Einhorn mit rosaner Mähne. Ich trau meinen Augen kaum! Alles hätte ich in diesem Supermarkt erwartet – aber ganz sicher nicht das Stofftier, um das die kleine Kea mich gebeten hatte.
So sitzt es also kurze Zeit später auf dem Warenband, reist in der Papiertüte mit uns nach Hause und nimmt schließlich auf seinem Platz auf meinem Kopfkissen ein. Wir taufen es auf den Namen Edeka. 

Und gerade bin ich verdammt froh, dass es da ist! Ich weiß, ich werde wieder aufstehen, werde beginnen, Berlin neu zu erobern. Ich weiß, dass die Stadt mich auf’s Neue verliebt machen wird. Und es ist ja auch nicht alles nur grau in grau. Im noch leeren Wohnzimmer breite ich meine Gedichte aus, die Planung meines ersten Lyrikbandes lenkt mich ab.

Neuanfang

Außerdem halte ich unfassbar stolz die aktuelle Ausgabe des Blonde-Magazins in den Händen, für das ich im Rahmen eines Beitrags über Instagram-Poesie ein Gedicht schreiben durfte. Dass diese Ausgabe sich ausgerechnet dem Thema Neuanfang widmet – an Zufälle glaub ich nicht! 😉 

Neuanfang

Nie hätte ich gedacht, dass Lyrik unter jungen Menschen ein solches Revival feiert, aber nichts freut mich mehr! Die Zukunft ist poetisch! Sie liegt neben Edeka auf dem Kissen und zwinkert mir zu. Noch trau ich mich nicht so richtig, hinzuschauen. Aber ich weiß, dass sie da ist!

Neuanfang

 

10 Comments

  1. Katja says:

    Das hast du wunderschön geschrieben. Es beeindruckt mich wie klar du Gefühle aufs Papier bringst, sie äussern und analysieren kannst. Das ist wirklich eine Kunst. Mit Veränderungen tue ich mich auch schwer. Naja und wenn du nur das Wort „good bye“ erwähnst fühle ich ein Klöpschen im Hals. Ich vermute, dass es vielleicht etwas mit der Vergangenheit zu tun hat, meiner Persönlichkeit und dem Fakt, dass ich in Neuseeland wohne. Meine Familie sehe ich einmal im Jahr, wenn überhaupt. Trotzdem oder gerade deshalb macht dieses Gefühlschaos doch unser Leben aufregend. Geniess Berlin. It’s a journey isn’t it. 🙂 Love Katja

    1. kea kea says:

      Liebe Katja – vielen Dank für deine Worte! Schreiben ist für mich wirklich das beste Ventil – in guten, wie in schlechten Tagen 😉 Dem bin ich wohl auf Lebenszeit verbunden ♥
      Wow – Neuseeland, das ist natürlich noch mal eine andere Hausnummer als die rund 600 km, die mich jetzt von meinem gewohnten Umfeld trennen. Trotzdem ist es eigenartig – wenn ich das bei dir lese, klingt es wirklich nach Aufregung, nach Abenteuer, nach lebendig-sein! Und ich weiß, retrospektiv wird es bei mir irgendwann auch so sein, aber in dem Moment, in dem man springt, da fühlt es sich so gar nicht glamourös an. Eher wie stolpern, statt fliegen. Aber das kommt noch, bestimmt. Ich glaube, das ist es, was man mit dem Erwachsenwerden lernt – der Schmerz vergeht, wir kommen da durch, jedes Mal vielleicht sogar ein klein wenig schneller. Macht die akute Phase der Veränderung jetzt auch nicht schöner, aber so als Backup auf jeden Fall ein guter Gedanke. Auf die Reise, du Liebe!

  2. Anja says:

    Liebe Kea,
    Ich liebe es einfach, mit welchen schönen tiefen Worten du immer deine Erlebnisse beschreibst. Es ist einfach immer etwas besonderes, deine Texte zu lesen.
    Ich glaube dass Berlin auf jeden Fall die richtige Entscheidung ist. Von meinem Bauchgefühl her, passt du da einfach ganz wundervoll hin.

    Habe auch noch einen Buchtipp für dich, den ich bei Poesierausch.com entdeckt habe: Heimat von Daniel Schreiber, der sich in diesem Buch mit seinen Essays mit Heimat auseinander setzt. Ein Buch was zumindest bei mir noch auf der Leseliste steht. Denn bei mir ist das Problem, dass ich gerade so eine ungeheure innerliche Unruhe hier empfinde und unbedingt wieder aufbrechen will. Doch wenn ich jetzt gehe, werde ich dann je irgendwo zu Hause sein? Ich bin jetzt schon fast 9 Jahre hier. Solange war das niemals geplant, haha. Am Anfang ist der Funken übergesprungen, aber umso länger ich hier bin, umso mehr kommt dieses Gefühl zurück.

    Liebe Grüße, Anja
    P.S: Ich freu mich schon mega auf deinen Lyrik-Band 🙂

    1. kea kea says:

      Ahhh, Hallo liebe Anja, mich überkommt direkt das schlechte Gewissen, weil ich mich, außer natürlich mit meinem kleinen Bücher-Kaufrausch zu Beginn der Frauen-Lese-Challenge noch gar nicht mit einem eigenen Beitrag beteiligt habt. Shame on me 🙁
      Aber ich hoffe, du siehst es mir nach – gerade ist mein Leben einfach eine ziemlich verrückte Reise und ich fürchte, ich muss erstmal den Stapel an Lebensratgebern durchackern, bevor mich die Belletristik wieder hat und auch in der Muße, die sie verdient 😉
      Ich freue mich sehr über deine lieben Worte zu meinen Texten und die Vorfreude auf den Lyrik-Band (juchuuuu!).
      Vielen Dank außerdem für den Buchtipp! Ich glaube ja, die wirkliche Heimat ist ins uns, in unserem Herzen, die nehmen wir immer mit. Deshalb – ja, du wirst Zuhause sein, aber nicht irgendwo, sondern einfach auf der Welt 🙂 In diesem Sinne: Zieh ruhig los und hab Vertrauen, dass du dein Zuhause immer mit dabei hast! Das wünsche ich uns beiden!
      Liebe Grüße zu dir!
      Kea

      1. Anja says:

        Ach das ist doch gar kein Problem, Kea 🙂 Ich habe auch nur 1 Buch gelesen, obwohl ich 3 gepant hatte.
        Würde mich freuen falls du später irgendwann noch Lust hast, was zu schreiben/lesen. Aber wenn nicht, dann ist das auch überhaupt nicht schlimm 🙂
        Die Heimat ist in uns. Das hast du schön gesagt 😀 <3

        Liebe Grüße, Anja

  3. Birgt says:

    Liebe Kea,

    ich lese so gerne bei Dir. Du weist, mit Worten umzugehen und sie passend zur Situation aus Dir herauszulassen. Ich fühle mich immer, als wäre ich ganz dicht mit im (Nicht-)Geschehen.

    Welch eine schöne Geschichte, diese Sache mit dem Einhorn. Die richtigen Dinge finden uns, wie auch die richtigen Menschen.

    Da ich geschäftlich viel unterwegs bin, muss ich mich auch irgendwie damit arrangieren, und meine Stofftiere sind immer bei mir (und haben schon wichtigen Trost gespendet) und wie vieles haben sie eine Seele.

    Hab viel Freude mit Deinem neuen Mitbewohner!

    Viele liebe Grüße

    Birgit

    1. kea kea says:

      Hallo liebe Birgit,

      was für ein schönes Kompliment, dass meine Texte dich mitnehmen können ♥ ♥ ♥!

      Ja, nicht wahr? Ich wollte euch unbedingt von diesem kleinen Wink des Universums erzählen 🙂 Schön, dass ich mit meinem Stofftierchen nicht alleine bin und auch du Gefährten hast, die dich begleiten! Das Leben ist manchmal hart genug, da braucht es ein bißchen Kuscheliges als Ausgleich!

      Liebe Grüße an dich!
      Kea

  4. Bettina says:

    das ist ein wunderbar geschriebener Text, der zu Herzen geht, alles Gute für den neuen Abschnitt!

    1. kea kea says:

      Ich danke dir sehr! 🙂

  5. finchenmagsmeer says:

    Hallo Kea, glaubst Du an die Wünsche ans Universum? Meine Mutter hat mich darauf gebracht, ich habe es aber selbst noch nicht wirklich ausprobiert. Aber wenn ich Deine Geschichte mit Edeka, dem Einhorn lese, zaubert es mir ein Lächeln ins Gesicht und vor Glück rollen mir Tränen übers Gesicht und ich denke mir: ach guck, es passiert und klappt mit den Wünschen ans Universum! Edeka hat auf Dich gewartet, als Du es gebraucht hast – genauso wie bei mir meine kleine Katze Lilly, die mir so oft schon meine Einsamkeit vertrieben und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat und die Dankbarkeit, dieses wunderbare kleine Wesen in meinem Leben haben zu dürfen… obwohl ich früher überhaupt kein Katzenmensch gewesen bin! Aber nach meiner Trennung ist Lilly mir geblieben und ich bin jeden Tag so unendlich dankbar für diese Fügung, die sie zuerst zu uns und jetzt zu mir gebracht hat! Also lasst uns mehr vertrauen auf unser inneres Kind, unsere Wünsche ans Universum und das es diese Lichtblicke gibt, die es uns möglich machen, weiter zu gehen auf unserem Weg!!!! 🙂 Ich wünsche Dir und allen anderen dafür alles Glück dieser Welt!!!

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