Feministisches Gipfeltreffen in Berlin

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Feministisches Gipfeltreffen

Auf dem Weg zum Feministischen Gipfeltreffen, das anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Gunda Werner Instituts der Heinrich Böll Stiftung stattfindet, mache ich mir ehrlicher Weise ja auf dem Weg dorthin fast in den Schlüpper.

Ein Event zu besuchen, auf dem ich keine Menschenseele kenne, ist für mich jedes Mal eine Herausforderung. Dieses Mal ist die Scheu fast noch ausgeprägter, da ich mir im Vorfeld die illustre Liste von Frauen angesehen habe, die bei der Jubiläumsfeier dabei sind und ich mich neben ihnen ein bißchen fühle, wie ein flauschiges Feminismus-Küken. Trotzdem bewahrheitet es sich ein weiteres Mal: Wenn ich es irgendwie über die Türschwelle schaffe, dann flutscht der Rest von allein.

Feministisches Gipfeltreffen
Feministische „wall of fame“ 😉
Feministisches Gipfeltreffen
Raum für Begegnungen und Gespräche gab es reichlich

An den Stehtischen mit pinken Themen-Schildern komme ich direkt mit einigen Frauen ins Gespräch und so nutzen wir die Zeit für Austausch und Kennenlernen, bevor wir in dem voll besetzten Vortragssaal im ersten Stock Platz nahmen.

„Wo läuft die Häsin in den nächsten Jahren hin und was sollte unterwegs erledigt werden?“ lautet die nicht unanspruchsvolle Frage an die RednerInnen beim Speedtalk: in sechs knackigen Minuten gilt es, Themen für die Agenda der zukünftigen gesellschaftliche Debatte zu setzen. Und die Antworten veranschaulichen für mich einmal mehr, warum Feminismus kein Randgebiet des gesellschaftlichen Diskurses sein kann, sondern deren Grundlage ist. So, wie ich ihn verstehe, beinhaltet er nicht mehr und nicht weniger als eine friedliche, freie und gerechte Gesellschaft für ALLE Menschen.

Ulrike Lembke, Professorin für Gender im Recht an der FernUniversität in Hagen widmet sich dem Thema der reproduktiven Rechte und stellt klar, dass in Fragen des Schwangerschaftsabbruchs weder Staat noch Feuilleton ein Mitspracherecht haben sollten. Außerdem thematisiert sie geschlechtsfestlegende Operationen bei intersexuellen Kindern, die Anerkennung von Care Arbeit, die Akzeptanz pluralistischer Familienmodelle und gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen. Es gehe jetzt und in Zukunft darum, sich zu verbinden und Solidarität in Anerkennung der Differenzen zu leben.

Youtuber Tarik, der sich selbst als Fempopulist bezeichnet und der Meinung ist, Feminismus müsse unbedingt im Mainstream ankommen, wirbelt mit seiner frech-fröhlichen Art und seinem Video zum Gender Hate Gap durch den Saal. Frauen seien im Netz von Vergewaltigungsdrohungen und konstantem Body- und Slut Shaming betroffen. Dabei tue Deutschland zwar gerne so, als ob niemand in diesem Land rassistisch, sexistisch, homophob und transfeindlich sei und das Netz eine Ausnahme bilde, aber Tarik formuliert es so: „Das Netz ist nur deshalb ekelhaft, weil die Gesellschaft ekelhaft ist.“

Gesine Agena, Frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, macht den spürbaren, weltweiten Rechtsruck zum Thema: Die konservativen Stimmen, die wieder lauter werden und der Meinung sind, „nun reiche es aber mit der Gleichstellung“ – ihnen müsse man eine starke feministische Bewegung entgegenstellen, die dem Rückschritt nicht nachgibt und die sich selbst nicht spaltet. Besonders schön der Text auf dem an das Institut überreichten Jubiäums-Geschenk: „Keine Bescheidenheit, Madame!“

Feministisches Gipfeltreffen
Wohin geht’s mit der feministische Bewegung?

Jamie Schearer, Vorständin ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland), Antirassismus-Aktivistin und Mitiniatorin des #schauhin-Twitter-Hashtags, der Alltagsrassismus im deutschsprachigen Raum sichtbar machen will, rückt Intersektionalität in den Fokus der Debatte. Ihr fragte euch gerade: Intersektio…was? Wikipedia sagt dazu: „Intersektionalität beschreibt die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person“. So können sich beispielsweise Erfahrungen von Sexismus und Rassismus überschneiden oder auch getrennt voneinander auftreten.

„Intersektionalität dient demnach als „Lupe“ , die die unterschiedlichen Bedingungen einer Diskriminierung erkennbar macht. Grundlegend für dieses Verständnis ist, dass Diskriminierung Differenzen schafft (zum Beispiel schwarz/weiß, männlich/weiblich) – und nicht umgekehrt.“

Missy Magazine

Noch immer drehten sich viele feministische Debatten um die Norm und die sei nun einmal die weiße, heterosexuelle Frau aus der Mittelklasse, die sich selbst als cis bezeichnet. („als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde bezeichnet.“) Schearer erinnert uns daran, dass Privilegien oft erst dann als solche erkannt werden, wenn sie nicht mehr da sind und fordert uns auf, über unseren eigenen Horizont hinauszudenken, Ressourcen zu teilen und Räume aufzumachen für alle Menschen, die Diskriminierung erfahren. 

Adrienne Goehler, Psychologin, eh. Präsidentin der Hochschule der Künste in Hamburg, setzt sich im Anschluss mit dem Statement „Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen“ für gleiche Startvoraussetzungen für alle Menschen ein. Außerdem plädiert sie dafür, Entschleunigung und Nachhaltigkeit zu Kernwerten unseres Zusammenlebens zu machen, die Grundlage für eine andere Gesellschaft der Zukunft. 

Feministisches Gipfeltreffen
Sitzplätze aller Art 😉

Nach einer Runde köstlicher Verpflegung geht es in die Séparées. Hier stehen die „Idols“ fast allen Fragen Rede und Antwort – zugeteilt wird im Losverfahren.

Feministisches Gipfeltreffen
Oh, yes! Meet and greet mit (S)expertin Laura!

Ist doch kein Zufall, das mein Los mich geradewegs zu Laura Mérrit führt! Laura ist nämlich Kommunikationswissenschaftlerin, Lachforscherin, feministische Linguistin, Aktivistin der Frauenbewegung – und: Vertreterin des sexpositiven Feminismus. Sie betreibt in Berlin Kreuzberg den Shop & Begegnungsraum Sexclusivitäten, gibt Workshops rund um die schönste Nebensache der Welt und hat die PorYes Awards ins Leben gerufen, ein feministisches Porno-Festival. Und das passt mir doch gar nicht mal schlecht in die Blog-Agenda, schließlich hatte ich mich gerade erst im Interview auf Tanjas Blog amüsiert darüber ausgetauscht, dass meine Blog-Artikel, die das Thema Sexualität thematisieren, fleißig gelesen, aber kaum kommentiert werden. Ich nehm’s sportlich und habe Laura natürlich direkt auf ein Interview eingeladen! 

Feministisches Gipfeltreffen
Pink & lauschig: Die Séparées

In netter Gesprächsrunde legen wir dann auch gleich los: verbal, versteht sich 😉 Wir plaudern über weibliche Ejakulation, weibliche Potenz, Anatomie-Kurse (die übrigens auch vom älteren Publikum begeistert aufgenommen werden) und suchen mundgerechte Begriffe für das weibliche Sexualorgan.

Feministisches Gipfeltreffen
Sex macht einfach happy – gute Stimmung in der Frauenrunde!

Weil noch ein Plätzchen frei ist, kuschel ich mich dann auch noch im Séparée von Stefanie Lohaus dazu – diese Lady bewundere ich nämlich für nicht mehr oder weniger als die Mitbegründung des Missy Magazines. (Kennt ihr nicht? Bildungslücke unbedingt schließen!). Stefanie bezeichnet sich selbst als „pragmatische Feministin“, der umsetzbare Ergebnisse mehr am Herzen liegen, als spitzfindische Grabenkämpfe. Was die leidige Fehde mit dem Emma Magazin angeht, wünscht sie sich eine sachliche Debatte. Ich bin an dieser Stelle erschreckend uninformiert – was daran liegen könnte, dass ich Artikel, die „mein Feminismus ist besser, als dein Feminismus“-Diskussionen beinhalten immer schon sehr anstrengend und wenig zielführend fand. Wer ein Beispiel braucht, kann hier in die Gedankenwelt der Emma-Schreiberinnen abtauchen – auch wenn einem beim Lesen irgendwann etwas schwummerig wird. Worte wie „Hetzfeministinnen“ zeugen jedenfalls davon, dass irgendwann die sachliche Ebene verlassen wurde und eine Stimmung herrscht, die dem Feminismus als Gesamtströmung nicht gut tut. 

Die wesentlichen Streitpunkte im Emma vs. Missy Dilemma sind die Positionen zum Thema Sexarbeit und Kopftuch. Lohaus vertritt die Ansicht, dass Kopftuch und Prostitution selbstverständlich Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft sind – aber mit Verboten ließen sich die Widersprüche, die bei diesen Fragen aufgeworfen werden, nicht auflösen. An dieser Stelle gehe ich mit. Das viel bemühte Schlagwort der Freiwilligkeit ist in diesem Kontext oft Anlass für hitzige Diskussionen. Auch wir im Séparée stellen uns die Frage:

Wie freiwillig ist eine Entscheidung, die am Ende einer langen Sozialisation steht? Wie freiwillig kann ein Kopftuch oder Sexarbeit sein, aber genauso kann man fragen: Wie freiwillig ist es, heutzutage noch zu heiraten? Wie freiwillig sind unsere Vorstellungen von Moral, Familie und Liebe? 

Wir und unsere Wertmaßstäbe sind immer auch Ergebnis der letzten Jahrhunderte – niemand lebt im luftleeren Raum. Ich habe nach dem kurzen Miteinander noch mehr Fragen im Kopf als vorher und liebe genau das: eine Gesprächskultur, die nicht zwanghaft alle Antworten kennt, aber gemeinsam und konstruktiv danach sucht. Die den Blick weitet und auch unsere eigenen Wertmaßstäbe immer wieder in Frage stellt.

 „Die Welt ist, wie sie ist, aber muss man sie so lassen“ fällt mir dazu ein, Lyrics aus einem Song von Freundeskreis. Dafür müssen wir eben erst einmal begreifen, wie es tickt, unser kleines, menschliches Universum und vermutlich ist das vielschichtiger, als es unserem Pragmatismus manchmal lieb sein kann. Komplexe Sachlagen erfordern einfach komplexe Antworten. 

Nach den Gesprächsrunden in den Séparées gibt’s was auf die Ohren. Rapperin Sookee bringt unsere Köpfe zum Nicken und unsere Hüften zum Wippen und prägt ganz nebenbei für mich in ihrer Begrüßung einen der Sätze des Abends: „Find your inspirational other!“, eine nette Variante des handelsüblichen significant other. 

Und Sookee demonstriert außerdem eine Tugend, die diese Welt so dringend braucht – die Bereitschaft, zu teilen. So holt sie Lady Lazy aus Berlin auf die Bühne, ebenfalls Rapperin mit deutlicher politischer Message. Support, statt Konkurrenz – ist doch gar nicht so schwer, oder?

Nach dem Auftritt der wortstarken Frauen tanzen wir zur Musik von DJane Andrea Schlinkert von den Tangoschlampen in Berlins Nacht hinein. Ich fühle mich frisch inspiriert bis in die Haarwurzeln, habe neue Kontakte, Gedanken und Fragen im Gepäck und muss ganz ehrlich sagen – von mir aus könnte es ein feministisches Gipfeltreffen jeden Monat geben. Auf der Seite des Instituts könnt ihr euch noch einmal durch Zitate und Bilder der ProtagonistInnen des Abends klicken.

Wisst ihr, manchmal sagen mir die Leute, ich sei eine Träumerin. Und vielleicht sind manche meiner hehren Ziele wirklich Utopien, aber… Abende wie dieser lassen mich wieder daran glauben. Ein Saal, gefüllt mit Menschen, die diesen Traum gemeinsam träumen. Deshalb haben solche Events so viel Kraft, deshalb müssen wir immer und immer wieder zusammen kommen – da sitzen nicht einfach Menschen neben mir, sondern StellvertreterInnen für Aufbruch, Visionen und die Suche nach einer besseren Welt. Und das gemeinsam zu fühlen ist der beste Treibstoff für diese noch lange Reise.

6 Comments

  1. Marlene says:

    Tausend Dank für deine Eindrücke, ich freue mich riesig, dass du dabei sein konntest :). Solche Events sollte es in kleinerer Form eigentlich monatlich geben – wir müssen in Kontakt treten miteinander, für die Gemeinschaft, die Greifbarkeit der Themen, fürs Feiern der Meilensteine. Solange das nicht steht, feier ich eben hier auf dem Blog. Astrein.

    Marlene

    1. kea kea says:

      Wie lieb, Marlene, Danke! Ja, oder? Ich finde auch, man müsste regelmäßiger zusammen kommen, das würde der Diskussion und dem Austausch sicher so gut tun! Natürlich ist das Netz ganz großartig, um Ideen auch ortsübergreifend weiterzutragen, aber so ein persönliches Aufeinandertreffen hat doch einen besonderen Zauber und gibt, glaube ich, allen Beteiligten eine Menge Schwung! Ansonsten freu ich mich schon auf die nächste Ausgabe der #femaleepowermentchallenge auf instagram 🙂 Die hatte, obwohl digital, eine ähnlich inspirierende Energie <3
      Liebe Grüße zu dir!
      Kea

  2. Svenja says:

    Liebe Kea,

    eigentlich immer, nachdem ich einen Beitrag von dir gelesen habe, würde ich mich liebend gerne mal mit dir unterhalten. Vielleicht auch gerade deswegen, weil ich nicht immer mit allem mitgehe, aber deine Perspektive einfach so wahnsinnig interessant finde. Wirklich toller Beitrag, sehr informativ. Dankeschön.

    Liebe Grüße,
    Svenja

    1. kea kea says:

      Hallo liebe Svenja – dann sollten wir das einfach mal tun 🙂 Du wohnst doch auch in Berlin, oder? Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir uns damals über die Haupstadt-Mädchen connected?
      Gibt es auch hier im Artikel für dich kontroverse Punkte? Dann würde ich sehr gerne deine Meinung dazu hören, vielleicht magst du ja noch ein paar Gedanken dalassen.

      Liebe Grüße!
      Kea

  3. Magdalena says:

    Vielen Dank, dass du das Event zusammengefasst hast!! Klingt als hätte ich ganz viel verpasst 🙁

    So viele spannende Menschen und Themen!! Werde mich mit der/dem ein/en oder andere/n Sprecher/in mal näher auseinander setzen müssen 😀

    Gruß,
    Magdalena

    1. kea kea says:

      Nur mit dir wär es NOCH schöner gewesen! Ich hoffe, dass wir bald mal ein ähnliches Format gemeinsam besuchen können – das gibt wieder viel Stoff für angeregte Diskussionen!
      Ach, ich wünschte, ich hätte mir allen TeilnehmerInnen persönlich sprechen können, aber zum Glück lässt sich ja auch digital die Spur aufnehmen!

      Liebe Grüße an dich!
      Kea

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