Mittags im Mai

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Kea schreibt

Es macht wenig Sinn, spazieren zu gehen, wenn es gerade anfängt, zu regnen, sagen die Leute. Mir macht es nichts aus, schließlich gehören die Straßen rund um die alte Burg an solchen Tagen fast mir allein. Die Geschäfte haben Mittagspause, die stummen Fenster der Häuser sind matt und schwarz. Ich schlage den Weg zum Burggarten ein. Schon nach wenigen Metern ist mein Mantel beinahe vollständig durchgeweicht, aber die Luft ist mild, die Fliederbäume haben sie mit ihrem Duft durchsetzt. Es geht bergauf, die schmale Straße vom Platz, hoch zum Turm.

Kea schreibt

Zu hunderten, zu tausenden kommen mir die weißen und rosanen Blüten der Kastanien auf ihrem schwimmenden Weg ins Tal entgegen. In kleinen Bächen hat sich der Regen gesammelt, den die Erde nicht mehr aufnehmen kann, und strömt hinunter in die Stadt. Alle Geräusche sind ertrunken, nur das Lied der Amseln nicht. Sie lassen sich von dem donnernden Crescendo nicht zum Schweigen bringen, schmettern ihr Lied, mühelos virtuos, wie jeden Tag. Die Straße wird steiler, mein Herz schlägt laut gegen meinen Brustkorb. Ich erklimme die letzten Meter und biege links ein, durch den großen Torbogen, in den von Steinmauern umschlossenen Innenhof. Das Gras an den Hängen steht hoch aufgeschossen, begehrend wie Fünfzehnjährige, die wissen wollen, – was kostet die Welt? – und die am Liebsten alles auf einmal in sich aufnehmen würden, das es zu erleben gibt.

Kea schreibt

Zwei mächtige Kastanien breiten ihre Kronen in den Hof, die Regentropfen plattern auf ihre moosbewachsenen Äste, auf denen sich dicht an dicht die üppigen Dolden drängen. Ich streife die Kapuze ab und lege den Kopf in den Nacken. Der Regen rauscht, über mir das Dach der Kastanie, durch das einzelne Tropfen auf mein Gesicht fallen, auf meinen Hals und mein Haar, das langsam nasser und nasser wird. Herrlich! Ich atme ein, bis in den letzten Winkel meiner Lunge, will sie über und über füllen mit dieser reich gebadeten Luft. Schon seit ich denken kann, habe ich davon geträumt, an einem Ort wie diesem, einem besonderen Ort, einen Menschen zu treffen, einen besonderen Menschen, der genauso atemlos vor dieser Schönheit stünde, wie ich. Den ich fragen könnte, – „Was hast du für Ideen?“ – und der eine Antwort darauf hätte. Dem ich nur wenig erklären müsste und der gemeinsam mit mir staunen würde über einen Mittag bei Regen, im Mai.

Kea schreibt

Ein kleiner Junge schlendert sorglos singend, seinen Turnbeutel hin und her schlenkernd, auf seinem Weg von der Schule nach Hause an mir vorbei. Er nimmt kaum Notiz von mir. Kinder wundern sich über andere Dinge. Noch einmal so selbstvergessen sein, denke ich mir. Noch einmal all das vergessen, was man mir anerzogen hat, alles verlernen, was ich zu wissen glaube und dann durch die Welt gehen! Das wäre ein Leben voller solcher Mittage, die nur dazu da sind, gesehen und gelebt zu werden. Niemand würde nach dem Sinn fragen, nach der Rentabilität oder der Nützlichkeit der Dinge. Es wäre eine Welt, in der man sicher sehr viel mehr spazieren ginge.

Kea schreibt

Erst, als ich satt bin, löse ich mich von dem Augenblick und steige langsam die Stufen zur Straße hinab. Ich weiß, wenn ich den Garten verlassen habe, wird ihn nur noch eine handvoll Menschen durchqueren, die meisten mit heruntergezogenen Schirmen oder Kapuzen, das Wetter verfluchend, sie werden die Singvögel nicht hören und den Bach aus Blüten kaum bemerken. Aber es ist in Ordnung, dieser Mittag gehört mir, er ist mein Geschenk, das ich auspacke, wie all die anderen besonderen Momente, die mir die Liebsten und Kostbarsten sind und die ich innerlich archiviere, sorgfältig, mit Liebe.

Und es ist in Ordnung, weil ich um dich weiß, jetzt gerade viele hunderte Kilometer weit weg, aber ich weiß, dass du mit mir gegangen wärst, ohne Fragen zu stellen. Dass du, lächelnd, die Einzigartigkeit dieses Moments genossen hättest, wie ich ihn genossen habe und das zu wissen, macht mich tief im Herzen auf eine warme und ruhige Art unglaublich zufrieden.

Kea schreibt

2 Comments

  1. Jenni says:

    Liebe Kea,

    wie wunderbar – dieses kleine Werk ist eine wunderschöne Komposition aus Bild und Text und daher so viel mehr als nur Letzteres. Du hast die Atmosphäre toll eingefangen, die dich umgeben haben muss (oder regelmäßig umgibt?) und man hat gleich eine Ahnung, was du meinst, wovon du schreibst, kennt doch sicherlich jede und jeder selbst solche und ähnliche Momente, in denen genau solche und ähnliche Gedanken ihm oder ihr durch den Kopf huschen.

    Die Selbstvergessenheit der Kinder bewundere und beneide ich ebenfalls immer wieder – und ich wünsche mir nicht das volle Kindsein, wohl aber die Fähigkeit, so ganz mit dem Kopf in den Wolken unbedarft leben zu können. Diese eine Eigenschaft ist eine, die ich mir gerne bewahrt hätte – oder ich gerne wieder erlernen würde. Manchmal gelingt es mir – aber viel zu oft scheitere ich an diesem meinem Selbstanspruch.

    Spazieren im Regen liebe ich übrigens auch – aber auch das musste ich erst lernen. Früher gehörte ich zu den Wetterverfluchenden, mittlerweile hat das für mich einen ganz eigenen Zauber (wenn es nicht gerade dunkel ist gewittrig dabei ist).

    Liebe Grüße und danke für den schönen textuellen Start in den Tag!
    Jenni

    1. kea kea says:

      Liebe Jenni,

      schön, dass ich diese besondere Stimmung in Wort und Bild bis vor eure Augen transportieren konnte!

      Ja, natürlich hat das Kindsein auch seine Schwierigkeiten und in vielen anderen Punkten gar nicht so frei, wie wir es als Erwachsene sind – nur dass wir, so denke ich oft, ganz vergessen haben, dass wir sie haben. Dann fühlen wir uns meist gefangen in selbst gebauten Konstrukten, die wir lösen könnten, wenn wir wieder mehr Leichtigkeit und Unbeschwertheit hätten, wie die Kinder. So schließt sich der Kreis, aber die kleinen Momente, in denen wir uns ein Stückchen Freiheit erkämpfen, wiegen so viel und sind so wichtig!

      Ich hoffe, wir haben eines Tages Gelegenheit für einen ausgiebigen gemeinsamen Regenspaziergang, das wäre famos!

      Hab ein schönes und entspannendes Wochenende!
      Kea

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