Nichts Freieres gibt es auf Erden – Juana Inés de la Cruz

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Juana Inés de la Cruz

Seit ich auf meinem Blog die offizielle Kooperations-Rubrik gelöscht habe, sind Anfragen von Firmen und Verlagen selten geworden – was durchaus so gewünscht ist, schließlich will ich diesen virtuellen Raum als Ort künstlerischer Freiheit pflegen und nicht als digitale Konsumschleuder. Aber hin und wieder erreicht mich eine seltene Perle, so wie jüngst das Angebot, den Gedichtband „Nichts Freieres gibt es auf Erden“ von Juana Inés de la Cruz zu rezensieren. Schon nach wenigen Zeilen über diese mir bis dato unbekannte Lyrikerin, die im 17. Jahrhundert in Mexiko lebte und oft als „erste Feministin“ bezeichnet wird, war mir klar: wenn dieses Buch nicht zu „Kea schreibt“ passt – welches dann? Poesie und Feminismus, diese Kombination klingt in meinen Ohren wie Musik.

Juana Inés de la Cruz
Und so begleitete mich die zweisprachige Auswahl ihrer Gedichte, die im September im Konkursbuchverlag  erschienen ist, auf einen Herbstspaziergang, bei fallendem Laub und tief stehender Sonne. Unweit meines neuen Domizils im Norden Berlin entdeckte ich einen denkbar schönen Leseplatz und vertiefte mich in das Leben dieser außergewöhnlichen Frau, ihres Zeichens Nonne, Gelehrte und Poetin. Als Einstimmung auf ihre lyrischen Werke findet sich im Buch eine rund 50 Seiten starke Biografie von Juana. 

Juana Inés de la Cruz

Was mich an ihr, wie auch an anderen von mir bewunderten Frauen wie Lou Andreas-Salome oder Simone de Beauvoir fasziniert, ist ihr Wissensdurst – in einer Zeit, in der eine Beschäftigung mit Naturwissenschaft und weltlicher Literatur für Frauen seitens der Gesellschaft weder vorgesehen noch erwünscht war. Sie schaffte es dennoch, sich mit Fleiß, Hingabe und einem glücklichen Händchen für Kontakte zum spanischen vizeköniglichen Hof, Zugang zu Wissen und Umgang mit Gelehrten und Philosophen zu verschaffen. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren und sich weiterhin ihren Interessensgebieten widmen zu können, trat Juana als junge Frau einem Orden bei.

Juana Inés de la Cruz

Einen Wunsch nach Heirat und Familie lässt sich laut der Wiener Übersetzerin und Juana-Expertin Heidi König-Porstner aus den Quellen nicht herauslesen – angesichts der Tatsache, dass Ehen zu Zeiten Juanas wenig mit romantischer Liebe und mehr mit sozialem Aufstieg und materiellen Komponenten zu tun hatten, wenig verwunderlich.  Die patriarchal geprägten Ehen des Barockzeitalters hätten ihr ohnehin wenig Freiraum für Studien und Lyrik gelassen.

Trotz ihrer Entscheidung für den Orden zählen zahlreiche Liebesgedichte zu Juanas Vermächtnis, darunter viele Gedichte, die ihre Liebe und Verehrung zu Damen des Hofes bezeugen, mit denen sie eine enge Freundschaft verband. Im 17. Jahrhundert, in dem Lyrik aber weniger als Ausdruck persönlicher Empfindungen verstanden wurde, sondern als Archetypen möglicher menschlicher Emotionen, nahm daran niemand Anstoß. Da waren der Kirche vielmehr ihre Studien und ihr wacher Geist ein Dorn im Auge – sie hätte es lieber gesehen, wenn sich Juana rein religiöser Literatur gewidmet hätte, doch alle Versuche, die aus der Reihe tanzende Nonne zur Raison zu bringen, scheiterten zunächst.

Lange, bevor es den Begriff „Feminismus“ überhaupt gab, machte sich Juana in Briefen an ihren Beichtvater und den Bischof von Puebla Luft: darin verteidigte sie das Recht von Frauen auf Bildung und Lehre. 

„Durch den gesamten Text zieht sich ihre Überzeugung, dass Verstand kein bevorzugtes Geschlecht kenne und die von Kirche und Gesellschaft getroffene Unterscheidung somit unsinnig sei.“ Heidi König-Porstner

Und so fühlte ich mich durch das erste Gedicht im Buch, das die Freude am Lernen und das Streben nach geistiger Entwicklung feiert, tief verbunden mit dieser Frau, die ich mit diesen Zeilen genauso gut in einem meiner Blog-Artikel über meine Kritik an der Oberflächlichkeit der Blogosphäre zu Wort kommen lassen könnte:

“ Mich zu verfolgen, Welt, was liegt dir dran?
Was stört’s dich, wenn ich einzig danach strebe,
meinen Verstand mit Schönem auszuschmücken
und nicht für Schmuck und eitlen Zierrat lebe?“

Juana Inés de la Cruz

Überhaupt – vieles von dem, was Juana beschreibt, ist so modern, dass man sich nur wundern kann, dass zwischen ihrem und meinem Leben so viele Jahre liegen. Sie widmet sich in ihren Gedichten gesellschaftlichen Zuständen, die ihr Missfallen erregten: Das Gedicht „Ihr albernen Männer“ ist ein wütender Aufschrei gegen die Scheinheiligkeit der geltenden Sexualmoral: obwohl viele Frauen sich erst auf das Drängen der Männer hin auf Zärtlichkeiten einließen, galten sie hinterher als die Schuldigen, weil Reinheit, Sittlichkeit und Ehre als Frauensache galten. 

„Wie hättet ihr sie denn gerne,
die Dame, die Frau eurer Wahl,
wenn die Spröde euer Gefühl kränkt,
die Willige eure Moral?“

Der Mensch scheint nur langsam zu lernen. Was die gesellschaftlichen Wertvorstellungen über männliche und weibliche Sexualität betrifft, stecken wir noch immer fest in verdammt alten Glaubenssätzen. Dass ausgerechnet eine Nonne, der Zeit ihres lebenslangen Klosterlebens der Kontakt mit der Außenwelt nur durch Trenngitter möglich war, so frei denkt und schreibt, Bestehendes hinterfragt und Neues fordert, das macht dennoch Mut –  ist für mich Inspiration, Leuchtturm und ein Vorbild dafür, sich einen frischen Blick auf die Welt niemals nehmen zu lassen. 

Juana Inés de la Cruz

Für mich ist diese erste Auswahl ins Deutsche übersetzter Gedichte von Juana Inés de la Cruz also eine echte Entdeckung: feministisch, wie lyrisch. Und so kann dieser Blogpost nur mit Worten der Dichterin selbst beschlossen werden:

„Nichts Freieres gibt es auf Erden
als unseren menschlichen Geist;
soll ich ihn zügeln, wenn selbst Gott
ihn nicht in die Schranken weist?“

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5 Comments

  1. Renata says:

    Liebe Kea,

    danke Dir für den Bericht über dieses Buch. Ich finde es schön, wenn sich auch mal wieder mehr jüngere Frauen für Frauenleben (ja, ich weiß, ist zu allgemein und jede Frau lebt ja ihr Leben) und Frauengeschichte interessieren.
    In den letzten Jahren hatte ich immer mehr den Eindruck, dass grade jüngeren Frauen gar nicht bewusst ist, wie es noch vor einigen Jahrzehnten war und warum es sich gelohnt hat (auch für sie), dass Frauen sich immer wieder gewehrt haben. …und es ist auch heute nicht alles gleich und es ist auch heute noch sichtbar und spürbar. …Auch in Deutschland, grade auch, wenn man genau hinsieht.

    Ich schau mir das Buch gleich mal genauer an. Ich wollte erstmal den Kommentar hier schreiben.

    Ich ab auch eine Frage: Du schreibst, dass Du den Bereich, wo man für Kooperationen mit Dir in Verbindung treten kannst, gelöscht hast. Die Begründung kann ich verstehen, auch wenn ich nicht wirklich tief bisher ins Blog-geschehen und was damit einhergehen kann, eingetaucht bin. Ich lese allerdings oben, dass Du freie Autorin bist. D.h. Du lebst doch davon, dass Du Texte schreibst. Bekommst Du denn dennoch genügend Geld, wenn Du eben diese Möglichkeit der Kooperationen hier nicht nutzt? Mag ein Zwispalt sein oder auch nicht.
    Du brauchst nicht antworten, aber mich würde es einfach interessieren, grade auch weil ich wenig Ahnung davon habe, was hinter den Blogkulissen geschieht. Ich lese nur manchmal hier und da, dass man das Eigene behalten will und nicht so schreiben möchte, wie Kooperationspartner das gerne wollen. …weil sonst das Eigene verloren geht.
    Das kann ich verstehen. Nur,…Du verdienst doch mit Texten Geld?

    Liebe Grüße sende ich Dir.

    Einen schönen Abend noch,

    Renata.

    1. kea kea says:

      Liebe Renata,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Ich freue mich, dass dir das Thema zusagt! Ein Bewusstsein dafür zu wecken, wie sich die Rolle der Frau in der Geschichte entwickelt hat, was schon erreicht ist und was noch erstritten werden muss, ist mir ein echtes Herzensanliegen, denn ich sehe es so wie Du, dass viele junge Frauen die Bedeutung dieses Themas unterschätzen.

      Danke für deine Nachfrage – dieser Blog ist ja meine Schreibwerkstatt, meine Brötchen verdiene ich als Grafikdesignerin (www.keavongarnier.de) und Texterin, dann allerdings im Sinne von Werbetext.

      Der Begriff „freie Autorin“ bezieht sich auf alles, was ich jenseits meiner offiziellen Selbstständigkeit mache, meinen Blog und die Bücher, die ich veröffentlicht habe. Natürlich war es früher eine schöne Sache, dass ich auch mit dem Blog Geld verdienen konnte – jetzt muss ich viel genauer schauen, ob ich es mir zeitlich und finanziell leisten kann, so viel Zeit und Liebe in dieses Projekt zu stecken. Aber mir ist es wichtig, mit meinem Blog die Werte zu leben, die ich für richtig halte. Und das bedeutet auch, dass ich die Menschen nicht zu immer mehr Konsum verführen will – und Kooperationen haben ja fast immer das Ziel, zum Kaufen zu animieren. Bücher und Bildungsthemen sind für mich da außen vor, aber alles andere ist eben immer auch Teil des Wirtschaftssystems, das zu enormer Ungerechtigkeit und Ausbeutung in der Welt führt. Ich glaube nicht, dass wir immer neue Pullover, Schuhe und Kerzenständer brauchen, sondern mehr Geist, Mitgefühl und die Bereitschaft, zu teilen. Für mich ist es erschreckend, wie wenig viele junge Frauen darüber nachdenken, wie privilegiert sie sind.

      Ich versuche einfach, ein kleines, digitales Gegengewicht zu sein zu den ganzen konsumorientierten InfluencerInnen da draußen.

      Liebe Grüße an dich!
      Kea

  2. Renata says:

    Hallo Kea,

    ich bin in den letzten Tagen wieder etwas im Arbeitsalltag (und die knappe Zeit danach) untergegangen. Von daher schreib ich jetzt erst nochmal.

    Ich finde es schön, wenn Du mit dem Blog Deine Werte und Ansichten nach Außen bringen willst und dafür auch auf Geld verzichtest (mögliche Kooperationen). Ich hab schon bei ein paar Blogs gelesen, dass die Bloggerinnen von Kooperationen Abstand nahmen, weil sie mehr und mehr das Gefühl hatten, dass es immer weniger „ihr“ Blog ist. Zudem Zeitpunkt hatte ich jedoch noch wenig Ahnung, was sich „hinter ein paar Seiten Text von Leuten, die aus ihrem Alltag berichten, von Rezepte und Lieblingsklamottenläden schreiben“ verbirgt (mittlerweile kenne ich noch mehr Blogs, unterschiedlichster Art). Wie genau man damit Geld verdient, wie das dann mit dem Bezahlen funktioniert, auf was man rechtlich achten muss,…weiß ich nicht.

    Ich finde es gut, wenn man eine eigene Haltung beibehält. Man muss niemanden abwerten dafür, sondern kann einfach nur von sich schreiben. Kann ja jeder anders sehen.
    Von daher kann ich gut verstehen, wenn Du schreibst:“ Aber mir ist es wichtig, mit meinem Blog die Werte zu leben, die ich für richtig halte. Und das bedeutet auch, dass ich die Menschen nicht zu immer mehr Konsum verführen will.“

    …und das “ Ich glaube nicht, dass wir immer neue Pullover, Schuhe und Kerzenständer brauchen, sondern mehr Geist, Mitgefühl und die Bereitschaft, zu teilen.“, finde ich auch. Genauso wie das Konsumverhalten von vielen. Vor einiger Zeit sprach ich mit jemanden über „neues Geschirr kaufen“. Sie wollte sich für eine dreistellige Summe ein neues Geschirr-Set besorgen. Sie wollte etwas Neues haben. Ein Großteil meiner Bettwäschen sind 15-20 Jahre alt und auch wenn ich Bettwäsche kaufen mag, kaufe ich keine neue. Das Gleiche betrifft Handtücher und Geschirr. Wenn ein paar Teller kaputt sind, kaufe ich sie einzeln neu. Dafür brauche ich kein ganzes Set, selbst wenn die Teller nicht alle hundertpro. zusammen passen.

    Ich glaube, hier auf der Seite stand irgendwo, dass Du eine Sozialphobie hast (o.Ä.) und u.a. deshalb einen Beruf gewählt hast, wo Du möglichst alleine arbeiten kannst. Ich finde das bewundernswert (das so klar für sich zu sagen) und Du scheinst ja auch was für Dich gefunden zu haben. Ich selber weiß noch nicht Recht, wo es beruflich für mich hingehen kann. Ich kann meine Arbeit machen, aber das drum herum stresst mich (Arbeitsbedingungen, Schwierigkeiten im Team). Das blockiert so sehr den Arbeitsfluss, geht auf die Kraft und irgendwie gehen dabei auch Kompetenzen verloren, wenn man irgendwann so ausgepowert ist, dass man xy nicht mehr mit voller Kraft kann.
    Mal sehen, ob ich etwas Anderes für mich finde. Jedenfalls finde ich es schön, wenn Du da auf Dich geachtet hast, es für Dich früh erkannt hast, was Du brauchst und nun anscheinend einen gut gehbaren Weg für Dich gefunden hast.

    Liebe Grüße, Renata.

  3. Renata says:

    Nachtrag:

    Grade noch auf Deiner Instagram-Seite gelandet. Ich habe kein Smartphone. Also kurz hier:

    „Wie weit kann sich die eigene Seele strecken und wieviel ist zu viel? Diese Frage stelle ich mir gerade. Allerortens umgibt uns die Aufforderung, unsere Komfortzone zu verlassen und das ist sicher auch richtig – aber wie sehr können wir uns nach einem besseren Selbst strecken und wann wird der Dehnungsschmerz zu stark?“

    Dem stimme ich vollends zu. Immer weiter machen, auch wenn es einem schlecht geht. Einfach rausgehen und Sport machen, wenn man depressiv ist. Einfach lächeln, damit andere nicht meinen, man sei ein Miesepeter. Immer flexibel sein,…was heutzutage ein sehr dehnbarer Begiff zu sein scheint und mir die Frage aufkommen lässt, ab wo man denn da noch flexibel ist oder der andere eine gewisse Willkür walten lässt: Wenn Du nicht das und das auch noch tust, bist Du nicht flexibel genug. Wann ist man flexibel genug? Wann der andere meint, es stimmt, weil es für ihn stimmt?
    Wenn man depressiv ist, kann Sport und rausgehen helfen. Es kann aber auch zuviel sein und heilt keine Depression. Wenn man immer nur lächelt und von positiven Dingen berichtet, damit der andere einen nicht für einen Miesepeter hält, sorgt das vielleicht für Kontakte (der andere umgibt sich gerne mit einem), aber letztlich bleibt man auch irgendwie alleine damit, was hinter dieser Lächel-und-Positiv-Fassade steckt.
    Wie viel muss man aushalten, wieviel muss man mitmachen, weil „die Arbeitswelt halt heute so ist?“

    Das sind so Gedanken, die Dein Text auf Instagram bei mir ausgelöst haben.

    “ Ich muss warten, bis meine Seele nachkommt.“

    Wohl wahr. Manchmal geht das für mich nur, wenn ich aus dem Kontakt raustrete, für mich bin, mich zur Ruhe kommen lasse.

    Einen schönen Abend noch,

    Renata.

  4. Dani says:

    Liebe Kea,
    Ich liebe deine Artikel und freue mich immer sehr, wenn ein neuer erscheint. Auf den meisten Blogs geht es meistens um Konsum, Familie und Kinder, Körperkult oder Rezepte. Deiner ist so eine Perle. Das wollte ich dir nur mal sagen

    Diese Buch hört sich wunderbar an und wenn mein Bücherstapel nicht gerade so unglaublich groß wäre, würde es mit Sicherheit auch direkt noch oben drauf kommen.

    Kannst du ein Buch über verschiedene Frauenbiographien empfehlen?

    Ich lese gerade „der leise Atem der Zukunft “ von Ulrich grober. Sehr zu empfehlen.

    Ein schönes Wochenende, Dani

    Habe erst heute bei Frau TV gesehen, wie ( ich meine es war ) Jutta Dithfurth im Bundestag ausgelacht wurde, weil sie sich für Frauenrechte und Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand ausgesprochen hat. Das war in der 80iger Jahren!

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