Rot

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Das erste, was er von ihr sah, war ein störrisches Bündel Zweige. Eigentlich hatte er nur schnell Katzenfutter beim Discounter kaufen wollen, um die Wartezeit am Busbahnhof sinnvoll zu nutzen. Er betrat Läden dieser Art äußerst ungern. Zu viele Neonleuchtstoffröhren, zu viel Hektik und fremde Körperausdünstungen. Warum sich die fette Katze, der er nach Tante Mechthilds Tod ein Zuhause gegeben hatte, ausgerechnet diese Futtersorte zur alleinig akzeptierten Nahrungsquelle auserkoren hatte, wussten auch nur die Götter. Nur beim guten Frühstücksschinken machte sie hin und wieder eine gnädige Ausnahme. Widerwillig schob er sich durch die auf- und zu zischenden Glastüren, vorbei an zwei vollbepackten Frauen. Er war fest entschlossen, diesen trostlosen Ort schnellstmöglich wieder zu verlassen. Entschieden steuerte er die Ecke mit dem Tiernahrungsangebot an, als er den Haufen Äste bemerkte, der auf dem grau gekachelten Supermarktboden ruhte und eine beachtliche Menge Rindenpartikel, Erde und Laubreste um sich herum hatte herabrieseln lassen. Unwillkürlich verlangsamte sich sein Schritt. An diesem durch und durch künstlichen Ort war dieses Bündel Natur ein Fremdkörper. Man hätte hier mit allem rechnen können – Billigtennisschuhe made in Kambodscha, schlecht riechendes Spülmittel, Polyesterüberzüge für Gartenstühle. Aber der Geruch von Waldboden und Erde schaffte es, in dieser plastikbunten Umgebung vollkommen deplatziert zu wirken. Es war zu echt und lebendig. Das zusammengesammelte Holz gehörte offenbar zu dem schwarz bemantelten Rücken einer Dame, die sich eben zur Entnahmeluke des Schnellbackautomatens beugte und mit einiger Fingerfertigkeit drei Brezeln auf einmal aus dem Schlund der Wundermaschine in die wartende Tüte balancierte. Ehe er noch ein Gesicht zu dem Rücken erhaschen konnte, polterte eine Supermarktangestellte mit ihrem voll beladenen Rollwagen vorbei und gab dem Astwerk einen genervten Fußtritt. „ Achtung, bitte!“, bellte sie unwirsch und die Besitzerin des Waldguts klaubte die Äste hastig vom Boden auf, klemmte sie unter ihren Arm und murmelte eine leise Entschuldigung. Die Mitarbeiterin warf einen mürrischen Blick gen Boden, hatte Zeitdruck und Tagessoll aber viel zu sehr verinnerlicht, um sich ernsthaft weiter darum zu kümmern und stürzte mit ihrem Warenverräumer weiter Richtung Kühltheke. Mit der Brottüte, den Zweigen und einem Netz Orangen reichlich bepackt, suchte die Astbesitzerin kurz nach Orientierung. Ihn traf unerwartet ihr angestrengter Blick, der verriet, dass sie es mit ihrem Schatz aus den Wäldern ebenso eilig hatte, den Discounter zu verlassen, wie er. Es waren nur wenige Sekunden, die sie ihn angesehen hatte, aber er spürte, wie ihn mit einem Mal eine bis in sein Innerstes durchdringende Wärme erfasste. Kurz darauf schob sich eine schimpfende Mutter zwischen sie und die Unbekannte war verschwunden. Beim Katzenfutter angekommen, war er immer noch ganz benommen von dieser unwirklichen Begegnung, fing dann aber an, so viele Dosen, wie in einen leeren Karton passten, aufeinander zu stapeln und begab sich kurz darauf in Richtung der Kassen. Wie es der Zufall wollte, wurde er in der Schlange von einem frech herausragenden Birkenast begrüßt. Der Umtausch eines defekten Radioweckers weiter vorne gab ihm Gelegenheit, die Dame vor sich genauer zu betrachten. Die Orangen und das Backwerk lagen hübsch aufgereiht auf dem Kassenband, die störrischen Äste trug sie noch immer unter ihrem Arm. Ihr schwarzer Mantel war mittlerweile bedeckt von einer feinen Schicht Rindenkrümel, die sie mit verärgerter Miene mithilfe ihrer ledernen Handschuhe abzustreifen versuchte. Sie hatte eine zierliche Gestalt, braunes Haar, zu einem Knoten gebunden, aus dem sich beim Ausflug in den Wald einige Locken gelöst hatten. In dem blassen, aber fein geschnittenen Gesicht leuchtete ein roter Lippenstift und ihre Augen waren von einer kühlen, blauen Farbe, wie ein wasserverdünntes Aquarell. Alles andere an ihr war schwarz, der wollene Mantel, die Handschuhe, die Schnürstiefel mit leichten Absätzen. Ihre Haltung war außerordentlich elegant, sie hatte eine anmutige Art, sich zu bewegen, die ebenso wenig an diesen Ort passte, wie er und wie das Birkenreisig. Ihre gesamte Erscheinung erinnerte ihn an eine Figur aus den Märchen seiner Kindheit, an Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel. Mehrmals schichtete sie die Äste um, die mit den engen Supermarktgängen einfach nicht kompatibel sein wollten und stieß dabei mit ihren Enden gegen den Zigarettenständer und gegen seine sorgsam aufgeschichteten Katzenfutterdosen. Sie kippelten, fielen aber nicht um. Sie warf einen entschuldigenden Blick in seine Richtung, den er mit einem verständnisvollen Nicken aufnahm. Ihre Lippen formten wortlos das Wort „Verzeihung“ und er bemühte sich, so warm und wohlwollend zurückzulächeln, wie es einem Mann seines zurückhaltendes Temperaments möglich war. Der Blick aus den zartblauen Augen verursachte in seiner Magengrube ein merkwürdiges flaues Gefühl. Sie hatte eine wilde Schönheit, nicht die eines kleinen Mädchens, sondern die einer Frau mit entschlossenem Willen und unangepasstem Temperament. Ihre trotzige Natur zeigte sich auch in einem leicht störrischen Zug um ihre Lippen, aber es gefiel ihm, war er doch selbst ein eher stiller, ergebener Mann, der seine Freude im Beipflichten und Nachgeben fand, statt darin, den Ton anzugeben. Ja, er liebte diese Frau mit bewundernder Hingabe, die sich nicht daran störte, nicht hineinzupassen, die ihren Schatz aus dem Wald mit sich trug, als wäre es selbstverständlich, ihn durch ein Supermarktdrehkreuz zu tragen und eine feine Spur Erde und Rinde einmal quer durch einen Discounter zu streuen. Er hätte sie noch länger betrachten wollen, aber das beständige Piepsen des Warenscanners kam näher und schon bald streifte sie ihren Handschuh ab und gab mit ihren zarten, fast weißen Fingern die Geheimnummer in das EC Kartengerät ein. Über seinen eigenen Bezahlvorgang verlor er sie aus den Augen und fühlte fast so etwas, wie Schmerz darüber, sie nicht mehr betrachten zu können. Das Märchen war zu Ende gelesen, die Realität trieb ihn mit dem Strom der übrigen Masse über die Ladenschwelle wieder nach draußen. Feuchter Nieselregen umfing ihn und er atmete die Abendluft tief ein, in der vagen Hoffnung, darin noch eine Spur von Birkenduft zu erhaschen.
An der Bushaltestelle reihte er sich geduldig ein in die Schlange Wartender, als das klappernde Geräusch entschiedener Absätze ihn aus seinen Gedanken riss. Federnden Schrittes eilte die Frau aus dem Supermarkt an ihm vorbei. Hatte er sich an der Kasse noch bemüht, seinen Blick nicht allzu offensichtlich an sie zu heften, vergaß er in der Vorausahnung des nun nahenden, endgültigen Abschieds alle Höflichkeit und blickte ihr unverhohlen und mit offener Bewunderung nach. Die Äste und der schwarze Mantel gingen vorüber, weiter, bis zur nächsten Hausecke. Hier drehte sie unerwarteter Weise noch einmal ihren Kopf und schaute zurück. Er machte nicht den Versuch, seine Sehnsucht zu verschleiern, sondern schenkte ihr mit diesem letzten Blick sein ehrliches Kompliment für ihre Schönheit, ihre märchenhafte Erscheinung und ihren Wagemut. Und an der Art, wie sie kurz den Kopf zur Seite legte und ihn ansah, wusste er, dass sie ihn bemerkt hatte, dass sie wusste, dass sich der unscheinbare Mann in seinem grauen Mantel, der hinter ihr an der Kasse gewartet hatte, heillos verliebt hatte in ihr zartes Wesen. Dass er leidenschaftlich am Rot ihrer Lippen hing und noch manches Mal beim Anblick von feuchtem, dunklem Astwerk an das Blassblau dieser Augen denken würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10 Comments

  1. Polly says:

    Ich bin auch ganz verliebt.
    <3 hoch n

    1. kea kea says:

      Awwwhhh Polly, Treffer, versenkt! Ich freu mich sehr, dass sie dir gefällt! Wo sind die Herzchen-Smileys dieser Welt, wenn man sie braucht?? 😀 Ich danke dir!

  2. Märzmädchen says:

    Eine schöne Kurzgeschichte 🙂 Auf mich wirkt sie etwas hektisch, einzelne Momente hätten durchaus noch mehr in die Länge gezogen sein dürfen. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau 🙂 Hier und da noch ein Feinschliff und sie wäre regelrecht perfekt! Superschöne Idee mit interessanten Kontrasten! 😀

    Liebe Grüße
    Alexandra

    1. kea kea says:

      Liebe Alexandra, vielen Dank für dein wertvolles Feedback! Ich wollte zwar durchaus etwas Kurzatmigkeit in der Geschichte haben, um die Hektik im Discounter zu transportieren, aber wenn man als Leser nicht mitkommt, ist das natürlich schlecht – gut für mich zu wissen, dass ich da auch noch länger in den einzelnen Momenten hätte verweilen dürfen 🙂 Liebe Grüße! Kea

  3. Septembermädchen says:

    Ja,kea,ich weiß: Kurzgeschichten müssen kurz sein,sonst wäre das Konzept ja völliger blödsinn.
    Aber ich will mehr mehr mehr.
    Wo bleiben endlich die 350 Seiten deiner Schreiberei, in die ich mich versinken kann?
    Die Geschichte jedenfalls ist wundervoll. ❤
    Drücker aus K nach B.bis bald

    1. kea kea says:

      Hallo meine Liebe, thihi, ach wie süß du das gesagt hast! Tatsächlich arbeite ich gerade an meinem dritten Roman, also könnte dein Wunsch bald erfüllt werden. Den zweiten – eine Coming of Age Story mit einem guten Schuß Poesie – lese ich gerade erneut Korrektur und möchte ihn demnächst per self-publishing veröffentlichen, das ist mein erklärtes Ziel bis zum Jahresende ( huiiii). Ich gebe gerne Bescheid, wenn es soweit ist! Ein Drücker zurück von mir!

  4. Julia Knight says:

    Sieh bloß zu, dass du deinen Roman fertig bekommst, ich möchte für die kalten Wintertage eine so wundervolle Geschichte wie diese hier haben <3
    Ich finde sie wirklich klasse und sehe die beiden Akteure quasi vor meinem inneren Auge =)

    1. kea kea says:

      Ich gelobe, ich beeile mich!!! Und ihr erfahrt es als Allererste, wenn er fertig ist 🙂

  5. Septembermädchen says:

    Ich kaufe sofort ein Exemplar.da freu ich mich drauf.juhu.sag bloß rechtzeitig Bescheid.nochmal juhu

    1. kea kea says:

      Ahh du bist so lieb, das freut mich so!! Fest versprochen 🙂

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