Sex kennt kein Alter

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Sexualität-im-Alter

*Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen auf meinem Zweitblog thirtyplus, den ich auf lange Sicht mit „Kea schreibt“ zusammenlegen möchte.

Unsere Großeltern, die sitzen maximal noch auf der Parkbank zusammen. Aber Sex? Für Kinder und Enkel oft unvorstellbar. Und das kommt nicht von ungefähr. Lust, Sinnlichkeit, Liebe – jenseits der 60 findet dieses Thema gesellschaftlich so gut wie nicht statt. Die Stigmatisierung älterer Menschen und der ewige Jugendkult, lassen Falten, schütteres Haar und Altersflecken aus den Medien verschwinden, sie werden den Zuschauern nicht zugemutet, sie sollen verborgen bleiben, denn Lust und Alter, das haben Medien und Gesellschaft erschreckender Weise ziemlich erfolgreich entkoppelt.

Umso begeisterter war ich deshalb von der Dokumentation „Jetzt mal ehrlich – Lust, Oma und Opa?“ im Bayerischen Fernsehen, die das Thema Sexualität im Alter aus der Tabuzone befreit. Darin kommt Inge Ritter zu Wort, die im Institut „Bewusster leben und lieben“ im Allgäu Kurse für Männer und Frauen jenseits der 60 gibt, die den Genuss von Liebe und Sinnlichkeit nicht in Rente schicken wollen.

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Sie spricht so offen, sprühend und liebevoll über die Thematik, dass ich mir ein Herz nahm und sie um ein Interview für thirtyplus bat. Und zu meiner Freude sagte sie zu! Ich habe mit ihr über das Leben als Frau in all seinen Phasen gesprochen, denn wie wir im Alter mit unserem Körper und unseren Gefühlen umgehen, ist immer auch Ergebnis unseres Lebensweges und der Erfahrungen, die wir gemacht und die uns geprägt haben.

thirtyplus: Das eigene Älterwerden akzeptieren, die Weiblichkeit schätzen und lieben lernen, Intimität und Sexualität auch in langen Partnerschaften und im Alter nicht verlieren – Was gab den Anstoß für Sie, diese Kurse anzubieten? Wie ist die Resonanz?

Inge Ritter: Der Anstoß, dass ich solche Seminare anbiete war, dass ich immer wieder von Frauen hörte: „Das ist vorbei“. Dabei wurde nie benannt, was es genau ist. Das hat mich immer irritiert und wenn darin Bitterkeit erkennbar war, mir zum Teil körperlichen Schmerz bereitet. Diese Bitterkeit will ich durchbrechen, die Anklage die sich meist unausgesprochen gegen die Männer richtete, aber auch gegen die Gesellschaft, die ein wirkliches Frausein nicht unterstützte und letztendlich gegen das eigene Frausein selbst, das sie nie leben konnten.

 thirtyplus: Über die Inhalte von thirtyplus schrieben Sie mir, dass die Bemühungen der Frauenrechtlerinnen scheinbar nicht umsonst waren, denn in Ihren Dreißigern hätten sie derlei Gedanken nicht haben, und schon gar nicht äußern dürfen – wie haben Sie das Leben der Frau in der Gesellschaft damals empfunden? Was hat sich mittlerweile verändert und wo sehen Sie noch Entwicklungsbedarf?

Inge Ritter: Anmerkung: (Bis zur ersten Eherechtsreform 1975/76 hatte das Ehegesetz in der BRD noch folgende Klausel: „Die Frau genügt den ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleich-gültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“) Dieser Gesetzestext gibt eine gesellschaftliche Haltung preis, die Frauen meiner Generation jahrzehntelang erdulden mussten. Kränkungen, Verletzungen, Missbrauch sind in hohem Maß in der Sexualität geschehen. Es ist durchaus verständlich, dass vielen Frauen nur Resignation blieb, wenn sie nicht die Kraft in sich hatten, sich dagegen aufzulehnen.
Heute weiß ich, dass nur Versöhnung und Frieden zwischen den Geschlechtern dies heilen kann.
Ich will bei mir anfangen, denn zu allererst geht es um meinen inneren Frieden, den ich dann als „Friedensangebot“ in die Welt tragen kann. Deshalb lade ich Menschen in meiner Lebensphase ein. Wir kreieren gemeinsam einen Raum in dem Heilung geschieht, unser Blick geht in die Zukunft, damit altes durchtrennt wird und unheilvolle Zeiten sich nicht wiederholen.
Nach einer längeren Durststrecke ist die Resonanz durchweg positiv. Männer und Frauen, die kaum gelernt haben, über Gefühle, geschweige denn über ihre Sexualität zu reden, kommen mittlerweile immer wieder.

thirtyplus: Weibliche Sexualität in unserer Gesellschaft ist jung – haben Sie eine Erklärung dafür? Warum ist Sexualität im Alter, ganz besonders die von Frauen, so tabuisiert?

Inge Ritter: Eine Erklärung in mir finde ich nicht (im außen gibt es diese zuhauf), eher ist in mir diese Suche nach einer Antwort, warum es wohl so ist. Natürlich sehe ich, dass Marktgesetze die Darstellung des weiblichen Körpers bestimmen, der fast nur jugendlich dargestellt wird. So entsteht ein Postulat, „weibliche Sexualität ist jung“. Das könnte ich erweitern: „weibliche Schönheit ist jung“ etc. Mit diesem Blick, den ich sexistisch nenne, wird die Frau an sich abgewertet – egal ob Jung oder Alt.
Ich glaube, dass Sexualität auch heute noch mit einem Tabu belegt ist, auch wenn sie sich noch so offen präsentieren mag, begründet in einer jahrhundertelangen Prägung. Da unser Blick auf die Sexualität nicht frei ist, bleibt uns nur der Blick, der begrenzt und damit sexistisch ist: abwertend, diskriminierend, besitzergreifend. Uns fehlt der ganzheitliche Blick auf MannSein / FrauSein, in dem die Sexualität einen hohen Stellenwert hat und mit Lust gelebt wird. Uns fehlt ein Wahrnehmen der Zwischentöne von Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität. Darum kann der weibliche Körper in den Medien, in der Werbung etc. nur auf diese Weise vorgeführt werden.
All das hat zur Folge, dass Sexualität im Alter „eigentlich nicht mehr vorstellbar ist“, damit unsichtbar wird. Es genügt nicht, die Gesellschaft für die Tabuisierung der Sexualität im Alter verantwortlich zu machen und den Opferstatus zu proklamieren. Wir haben nämlich einen Anteil daran, dass es so ist. Es fordert uns auf, in angemessener Weise aus diesem Bild auszubrechen, das Gespräch zu suchen und zu wagen. Ein Verstecken unter dem beklagten Tabu und heimlich still und leise ausbrechen, genügt beiden Geschlechtern nicht mehr.

thirtyplus: Schon junge Mädchen im Grundschulalter fangen in besorgniserregendem Maß an, sich mit der Form ihres Körpers zu beschäftigen. Sie finden sich nicht schön oder schlank genug und diese Reise setzt sich auch in ihrem Heranwachsen immer fort. In Ihrem Seminar „ Du bist diese Frau“ geht es darum, seinen Wünsche und Sehnsüchten achtsam zu begegnen, den eigenen Körper lieben zu lernen. Ich glaube, auch junge Mädchen/Frauen bräuchten ein derartiges Angebot – so könnte man vielleicht schon früh verhindern, dass Frauen ihren Körper als schambesetzt und fehlerhaft empfinden und ihnen einen langen Leidensweg ersparen. Natürlich kann man den Seminarinhalt nicht in zwei Minuten packen – aber vielleicht haben Sie trotzdem einen Ratschlag: Was kann frau tun, um ihren Körper liebevoll anzunehmen?

Inge Ritter: Ich stimme zu, dass sich Kinder sehr stark über ihr Äußeres definieren. In der Mehrzahl sind es die Mädchen, doch bei den Jungen nimmt es ebenfalls zu. Hier bliebe mir nur, mit einer Gesellschaftskritik zu antworten, was ich jedoch angesichts meines Alters in die Hände der Jüngeren legen will.
Worüber ich resümieren möchte ist folgendes: Ich glaube, dass fast jedes Kind durch die Phase geht, dass der Körper als fehlerhaft empfunden wird. Es ist dies eine erste wichtige Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Schlimm ist es, wenn die Körperwahrnehmung sich nicht verändern will und sich Gedanken festmachen „Ich bin nicht schön genug!“ Da braucht es gute Unterstützung aus dem kindlichen Umfeld, damit es nicht passiert.
Mädchen/junge Frauen nehmen ein derartiges o. g. Angebot nur dann wahr, wenn es ihnen von den Frauen der Familie vorgelebt bzw. nahe gelegt wird. Nahe gelegt deshalb, weil diese Frauen das Spiel “Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ nicht mehr mitmachen wollen und das auch offen in der Familie diskutiert wird.
Gelingt dies nicht, geht die Wahrnehmung über fehlerhaft hinaus und wird schambesetzt. Irgendwann im Laufe des Lebens will das angeschaut werden. Scham hat dann nichts mehr mit „Ich bin nicht schön genug“ zu tun, sondern mit „Ich bin nicht richtig, so wie ich bin!“. Eine Rückschau ins Kindsein steht an, um den Punkt finden zu können, wo sich dieser Satz vervollständigt hat. Und erst in der Liebe zu meinem ganzen Sein kann ich auch meinen Körper liebevoll annehmen.
Dann gilt es, sich zu zeigen, vor den Frauen in der Gruppe, zu Hause vor dem Spiegel und sich schön zu fühlen – diesen Satz auszusprechen: „Ich bin schön!“ Ich kann an den Wochenenden, in denen ich die Frauen begleite, nur Impulse setzen, sie ermutigen.

thirtyplus: Sie haben schon mit vielen Paaren, Männer und Frauen gearbeitet: Unterscheiden sich männliche und weibliche Sexualität? Verändert sich die Sexualität im Laufe des Lebens, was passiert mit ihr im Prozess des Älterwerdens?

Fast möchte ich sagen: Gottseidank unterscheiden sich männliche und weibliche Sexualität. Das Energiespiel zwischen den beiden Polaritäten zeugt von der ursprünglichen Polarität des Universums, zweier Energieprinzipien, die wir in uns tragen. Diese Gegensätze sind nur zwei Seiten der gleichen Energie, die sich gegenseitig beeinflussen und bedingen. So wird im übertragenen Sinne Geben und Nehmen eins. In der Sexualität kommt letztendlich diese Polarität zum tragen, wenn sie fließt, dann wird Geben und Nehmen eins.
Das Liebesleben kann, wie andere Lebensbereiche, das ganze Leben reifen. Dazu gehört, dass wir nicht mehr jugendlichen Idealen nachhängen und unsere Sexualität nicht auf die jugendliche Form fokussieren. Sexuelle Lebendigkeit äußert sich im Alter anders, sexuelle Attraktivität liegt im authentischen Verhalten der Frau/des Mannes, in der Akzeptanz der verlangsamten körperlichen Reaktionen, im Bejahen der Schönheit des alternden Körpers. Tiefes Erleben und Begegnen im Liebesleben ist wichtig. Auf natürliche Art wird ekstatisches Erleben ganzheitlich wahrgenommen. Ein Grundgefühl von Verbundenheit mit Allem kann sich entwickeln. Vor allem braucht es Zeit und Hingabe in den Moment.

thirtyplus: Manchmal denke ich, dass das Familien-Modell unserer Zeit nicht ganz unschuldig ist an dem Stress, dem viele Frauen ausgesetzt sind: Papa, Mutter, 1-3 Kinder, isoliert in einer schicken Altbauwohnung, ohne Anschluss an Nachbarn oder Familie. Und alles soll gewuppt werden: Kindererziehung, Karriere, Haushalt, Altersvorsorge, ein sportlich fitter Körper, ein aufregendes Liebesleben. In meinen Augen sind das zu viele Ziele für zwei Schultern. Wie haben Sie das Spannungsfeld Familie-Karriere erlebt?

Ich bin in einem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen, habe mit 19 Jahren geheiratet, mit 22 Jahren meine erste Tochter bekommen. Mein damaliges ersehntes Rollenbild war: Ehefrau und Mutter! Ich kannte nichts anderes und habe es lange mit Freude gelebt. Von dieser Vorstellung musste ich mich irgendwann befreien. Zum einen genügte es mir nicht mehr und zum anderen wollte ich schlichtweg mein eigenes Geld verdienen. Dann begann auch für mich ein Spagat zwischen Beruf und Familie. Hinzu kam das Unverständnis meiner Umgebung, dass ich berufstätig wurde. Deutlich wurde mir zu verstehen gegeben, dass ich nur mein Ego befriedige. Der Begriff „Selbstverwirklichung“ war provokant und durch nichts zu entschuldigen. (Das allein zu beschreiben, würde Seiten füllen.)
Ich denke, dass es auch heute für Frauen nach der Geburt des ersten Kindes wichtig ist, sich mit der Mutterrolle zu identifizieren, sie hat sich nun mal für ein Kind entschieden! Das kann durchaus andere ehrgeizige Pläne aufwiegen. Jede Entscheidung bedingt ein für und wider – ein annehmen und loslassen.
Ich bin überzeugt davon, dass eine Frau nicht mehr in „alten Rollenbildern“ zurückfallen wird. Das wird der Frau nicht gerecht. Sie wird neues erforschen, ausprobieren, dabei Fehler machen, dabei nicht aufgeben und die Mutterrolle neu definieren. Sie wird sich gegen alte Bilder wehren – das erfordert Mut und Kraft – dabei zornig werden, und trotzdem diese Zeit als wertvoll erleben.
Auch wenn es oftmals schwer war, Mutter zu sein – gelitten habe ich nicht. Mich hat diese Lebensphase stark gemacht.

thirtyplus: Vielen herzlichen Dank für dieses persönliche Interview! Ich bin sicher, dass meine Leserinnen darin sehr viel wertvolle Inspiration für sich finden können. Und, Inge, eines muss ich noch loswerden: Diese Ruhe mit sich selbst und dem eigenen Körper, dieser liebevolle Blick auf sich und den Partner: Wenn ich das Angebot Ihrer Kurse lese, dann wünschte ich mir, schon 60 zu sein!

Inge Ritter: Leben Sie die 30, da gibt es genug zu tun, zu entdecken, zu erfahren, anzunehmen, zu lieben, zu verweigern, loszulassen und, und, und…….und denken Sie nicht an die 60. Füllen Sie diese Jahrzehnte mit all Ihrer Liebe – Ihrem Sein, dann können Sie mit Freude über die 60 hinaus denken!

1 Comments

  1. Der Fluch der Sexyness – Kea schreibt – Lyrik & Text Blog says:

    […] werden lassen für das Erleben von echter Erotik. Im Interview mit Inge Ritter, das ich für meinen Artikel über Sexualität im Alter geführt habe, antwortet sie auf meine Frage, warum weibliche Sexualität in unserer Gesellschaft […]

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