Dürfen wir vorstellen? Die Menstruation

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Es gibt wenige Dinge, die, im Bezug auf den menschlichen Körper, ein solches Schattendasein führen, wie die Menstruation. Depressionen vielleicht noch. Und Darmausscheidungen bei Frauen, den angeblich„verdauungslosen Wesen“, die immer nur rosane Glitzerwolken pupsen, die nach Mandeln durften.
Ansonsten aber steht die Menstruation ziemlich allein da – dabei gibt es andere Ausscheidungen, die auf den ersten Blick unangenehmer sein könnten: Eiter, Erbrechen und Durchfall zum Beispiel. Diese Dinge aber nennt man beim Namen. Es geht auch niemand in die Apotheke und sagt, guten Tag, ich hätte gerne etwas gegen die Schokotage. You get the point.

Blut scheint nicht gleich Blut zu sein. Blut aus unseren Adern ist salonfähig, Blut aus der Vulva – oh, Lord! Während wir nie auf die Idee kämen, zu verkünden, dass der Doktor uns am Morgen etwas Erdbeersaft entnommen hat, gibt es für die Regelblutung gleich einen ganzen Haufen verniedlichender oder verwünschender Begrifflichkeiten, die um den heißen Brei, äh, das heiße Blut herumreden. Von der Tante Rosa, die zu Besuch kommt, über die Erdbeerwoche, bis zur Bezeichnung the curse (der Fluch) im englischen Sprachraum – der Kreativität scheint keine Grenze gesetzt.

Harmlos, könnte man sagen. Nette Spitznamen – aber Sprache ist ein mächtiges Instrument. Denn das, was wir nicht benennen können, das rückt  automatisch in die Scham-Zone. (Apropos Scham – über unsere kollektive Unfähigkeit, die Sexualorgane von Frauen respektvoll und treffend zu benennen, könnte ich auch mal einen Artikel schreiben.) Über den monatlichen Blutfluss jedenfalls redet man nicht locker beim Mittagslunch. Tampons, die vorwitzig beim Bezahlen an der Kasse aus der Handtasche springen, werden nicht selten mit tomatenroten Wangen hastig wieder eingesammelt. Denn die Blutung will einfach nicht in das Bild unserer glattgebügelten Leistungsgesellschaft passen. Werbevideos mit steril-blauen Flüssigkeiten entlocken Frauen nur ein müdes Lächeln. In der weißen Jeans durch die Sommerwiese springen während ihrer Menstruation die wenigsten. (Wie es sich eher anfühlen kann, illustriert dieser humorige Artikel auf kleiner drei ziemlich gut.)

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Dabei ist unser Umgang mit diesem Thema eben nicht naturgegeben, sondern einfach Produkt unserer Sozialisation. Und ein Produkt all derer, die an den monatlichen Blutungen ihr Geld verdienen. Die Autorin einer kleinen Zeitreise über den Umgang mit der Menstruation zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen bringt es auf den Punkt:

„Der Pharmaindustrie und den Hygiene- konzernen sei es gedankt: Die moderne weibliche Arbeitskraft von heute soll auf keinen Fall zu Hause bleiben! Sie soll, bitte sehr, tagein tagaus störungsfrei durchdienen – geruchlos, blutlos, keimfrei und möglichst blütenweiss – optisch aufgehellt zwischen den Beinen. Das alles klaglos lächelnd, immer heiter und frisch – an die Maschinen ihres Arbeitsplatzes angedockt und ganz losgelöst – von sich selber.“

Doch seit einigen Jahren regt sich Widerstand. Gott sei Dank. Fotos von Blutflecken auf Unterhosen wirbelten die sozialen Netzwerke durcheinander, eine Marathonläuferin verzichtete auf jegliche Auffangmaßnahmen und sorgte mit dem Blut, das an ihren Beinen herunterlief, für einen kleinen Skandal. Seit kurzem folge ich auf Instagram der Seite menstrugram, einer Werkschau der udk Berlin, die Mensblut und seine Formvielfalt zur Kunst kürt. Und 2017 holt die taz nun das Blut direkt auf die Titelseite. Zu provokant? Mitnichten. 

Dieses Blut ist meine Lebensrealität. Und die vieler Frauen. Ungefähr alle vier Wochen legt mein Zyklus dank Hypermenorrhoe (zu starker Regelblutung) mein alltägliches Leben für vier Tage vollkommen lahm. Und ich habe die Nase voll davon, betretenes Schweigen zu ernten, wenn ich verlauten lasse, dass ich wegen starker Menstruationsbeschwerden an einem geschäftlichen Meeting nicht teilnehmen kann. Grippe, ein Beinbruch oder sogar Hämorrhoiden wären da sozial akzeptabler.

Es ist allerhöchste Zeit, dieses ganz natürliche Phänomen aus seiner Tabuzone zu holen und all die Begriffe, wie eklig, schmutzig oder peinlich, die damit assoziiert werden, ein für alle Mal die Toilette runterzuspülen. Gut so, dass die taz das Thema zur Titelsache macht!

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Neben aller Dankbarkeit, einen Wermutstropfen hat der Artikel dann aber doch für mich: der kleine Nachsatz zum Thema Basaltemperatur.

Ich finde es ja durchaus begrüßenswert, dass mit Text und Grafik noch einmal über die grundlegenden Veränderungen im weiblichen Körper im Laufe des Zyklus informiert wird – denn selbst manche Frau könnte spontan vielleicht nicht unbedingt beantworten, welche Hormone zu welcher Zyklusphase was genau mit ihrem Körper anstellen oder kann sich noch aus die Information aus dem Biologie-Unterricht erinnern, dass die Körpertemperatur sich nach dem Eisprung bis zum Einsetzen der Blutung um etwa 0,2 – 0,5 Grad erhöht.

In der taz heißt es: „diesen Temperaturanstieg zu messen ist eine mögliche, aber nicht sehr sichere Verhütungsmethode.“ Und, für sich genommen, ist das korrekt. Aber wenn wir schon über all diese Dinge reden, über Menstruationstassen und Stoffbinden, über Koageln (das sind die Blutklumpen, die im sonst flüssigen Mentruationsblut vorkommen können) – dann lassen wir doch die arme Temperatur nicht so im Regen stehen und sagen lieber: Wenn man die Körpertemperatur, sowie die Veränderungen des Zervixschleimes und des Muttermundes über den Zyklus beobachtet, ist die, dann symptomthermal genannte Methode, eine sichere Alternative zu Pille & Co. Dem Pearl-Index der Pille (wieviele Frauen von 100 werden binnen eines Jahres mit dieser Methode schwanger) von 0,3-0,8 steht die symptothermale Methode mit 0,4-0,6 nicht wirklich viel nach.

Wenn wir von Emanzipation im Umgang mit unserem Körper sprechen, dann muss das auch das Thema Verhütung miteinschließen. Und ich halte es für gut, richtig und wichtig, Frauen darüber aufzuklären, dass die Signale ihres Körpers eben durchaus die Grundlage für sichere Verhütung sein können. Korrekte Anwendung vorausgesetzt – wie es bei anderen Barrieremethoden eben auch der Fall ist.

Schließlich ist die Blutung nur ein Teil eines faszinierenden Vorgangs in unserem Körper. Erstaunt, verwundert und begeistert davon haben sich viele Frauen gezeigt, die ich in der Vergangenheit ermutigt habe, die symptothermale Methode auszuprobieren, die, das kann ich nach 8 Jahren sagen, nicht nur eine sichere Verhütungsmethode ist, sondern ein echter Geheimtipp für alle, die ihren Körper wirklich kennen und schätzen lernen möchten. 

Frauen bluten. Sie haben es immer getan und sie werden es weiterhin tun. Zeit wird’s, dass die Menschheit sich dran gewöhnt.

 

10 Comments

  1. Fräulein Julia says:

    „Über den monatlichen Blutfluss jedenfalls redet man nicht locker beim Mittagslunch“ – ich merke gerade, dass ich mir mein Umfeld aus Freunden und Bekannten offensichtlich sehr sorgsam ausgesucht habe. Denn in meinem Freundeskreis ist es überhaupt kein Problem, über seine Periode/Tage (das sind wohl die häufigsten Begriffe) zu sprechen – auch beim Essen und tatsächlich auch MIT Männern. Die reagieren darauf ohne mit der Wimper zu zucken. Natürlich kenne ich auch andere Exemplare… es ist wahrscheinlich trotzdem noch ein langer Weg. Seltsam eigentlich.

    1. kea kea says:

      Hallo liebe Julia, wir hatten uns ja schon auf Instagram ausgetauscht – mit dem Lunch meinte ich eher Businesstermine, denn in diesem Kontext ist das Thema doch oft noch unangenehm, speziell mit männlichen Kollegen. Ich kann da schamfrei über Halsschmerzen sprechen, aber über meine Blutungen nicht wirklich, da ist die Reaktion des Gegenübers doch eher etwas betreten.
      Das hängt eventuell auch mit dem Ort des Geschehens zusammen, denke ich. Wenn man über seine Periode spricht, wandern die Gedanken irgendwie zu den Fortpflanzungsorganen und – da ist halt noch viel lustfeindliche, christliche Ethik in uns allen drin – das gilt irgendwie noch als unschicklich. Denn wie ich in meinem Artikel über die Sexyness geschrieben habe, ist unserer Gesellschaft trotz der Übersexualisierung in Werbung und Medien in ihrem Kern noch erstaunlich prüde.
      Ich finde das immer faszinierend: obwohl viele junge Menschen nicht mehr im klassischen Sinne religiös sind – die Wert- und Moralvorstellungen kirchlicher Vorgaben, die die Gesellschaft Jahrhunderte lang geprägt haben, stecken unglaublich tief in lauter kleinen Details.

  2. detail-verliebt.de says:

    Liebe Kea,
    vielen lieben Dank, dass Du das die weibliche Menstrustuon thematisiert. Ein unbefangener Umgang damit ist in unserer Gesellschaft längst überfällig. Sehr gute Aufklärungsarbeit leisten auch die folgende Internetseite:
    https://www.shethinx.com/
    Liebe Grüße
    Sandra

    1. kea kea says:

      Liebe Sandra,
      ja, das sehe ich auch so und ich freue mich, dass der Artikel so gut ankommt – das zeigt doch auch, dass die Zeit einfach reif ist, dieses Tabu niederzuringen und so endlich mehr Freiheit im Umgang mit dem eigenen Körper möglich zu machen. In den Blog auf der Seite muss ich mich mal in Ruhe reinlesen, Danke für den Link.
      Liebe Grüße,
      Kea

  3. Souhela says:

    Wow! Ich freue mich sehr über das Zitat der Autorin, dass Frauen auf keinen Fall zu hause bleiben sollen ect…
    Dieses Thema habe ich öfter angesprochen. Abgesehen von der Tabuisierung geht man in meinem Vaterland zb ganz anders mit dem Thema Menstruationsbeschwerden um. Dort sagt man, man ist krank, zieht dich zurück, kümmert sich um seine schmerzen mit Bädern ect. Bei uns bist du quasi ne pussy und stellst dich an… Würdest niemals nicht zur Arbeit gehen deswegen geschweige denn dich krank schreiben lassen. Ich denke genau DA fängt es doch an : den eigenen Körper – sich selbst – wahrnehmen und kennen. naja, könnte dich grade zutexten….

    1. kea kea says:

      Hallo Souhela,
      ja, es ist auch in diesen Breitengraden noch eine relativ junge Entwicklung, dass Frauen sich die Blutung quasi gar nicht anmerken lassen sollten, wenn man sich die Geschichte der Menstruation in dem verlinkten Artikel anschaut. Gleiches gilt natürlich auch für den Umgang mit Krankheit generell – wie viele Menschen sich krank noch ins Büro schleppen, was meistens weder ihnen noch den KollegInnen gut tut. Ich wünsche mir auch, dass sich der Umgang mit der Blutung und mit allen Auszeiten, die der Körper eben manchmal braucht, bei uns wieder entkrampft und die eigene Körperwahrnehmung wieder Vorrang hat vor dem, was andere denken könnten… Wir sind eben keine Maschinen, sondern müssen unser Werkzeug, mit dem wir die Welt erfahren, pfleglich und liebevoll behandeln –
      Liebe Grüße an dich!
      Kea

  4. Cathy says:

    Toller Artikel, tolles Zitat, toller Abschlusssatz.
    Auch wenn man sich oft gerne verkriechen mag, wenn die Periode wieder da ist, muss und sollte das Thema noch lange nicht unter den Tisch fallen und nur hinter vorgehaltener Hand unter Frauen betuschelt werden. Den meisten Männern würde es nicht schaden, sich auch mal damit zu befassen und zu verstehen, was ihre Freundin/Frau/Partnerin da eigentlich so zu bewältigen hat – immer wieder. Den meisten Frauen würde es selbst auch nicht schaden.
    Und was für ein Vorbild wäre man seiner Tochter/Nichte/Enkelin gegenüber, würde man aus dem Thema ein Tabuthema machen? Kein gutes, denn wo soll man hin mit seinen Problemen und Fragen, wenn alles was Verhütung, Periode und Sex betrifft immer einhergeht mit Schamgefühl. Periode ist genauso normal, wie Pupsen und Pommes essen.

    1. kea kea says:

      Deinen Abschlusssatz mag ich aber auch ganz besonders 🙂 Tolle Alliteration, könnte man direkt ein Poster fürs stille Örtchen draus machen, grins!
      Es stimmt absolut, unsere Töchter/Nichten/Enkelinnen verdienen einen entspannteren Umgang damit und diesen Weg können wir alle ebnen!
      Liebe Grüße zu dir!

      1. Cathy says:

        Gute Idee! Da mache ich mich doch gleich mal an die Arbeit ein paar Poster und Postkarten zu gestalten. 🙂

  5. Anna says:

    Dein letzter Satz ist noch einmal der perfekte Abschluss für einen so guten und wichtigen Text!
    Ein Gedanke, der mir beim Lesen durch den Kopf gegangen ist: Meist regen sich meine Freundinnen und ich viel mehr über die Tatsache an sich auf, ein paar Tage mit Kopf- und Bauchschmerzen verbringen zu müssen, weniger Energie zu haben und weniger leisten zu können. Aber natürlich ist das wirklich Schlimme nicht dieser Vorgang in unserem Körper, sondern die fehlende Aufmerksamkeit und Akzeptanz eines Themas, das das Leben der Hälfte unserer Bevölkerung jeden Monat beschäftigt.
    Ganz ehrlich, habe ich noch nie irgendwo ehrlich gesagt, dass ich nicht kann, weil ich meine Periode habe – sondern stets etwas anderes vorgeschoben. Für mich sind es auch stets Männer und Frauen, die mit diesem Thema dann nicht umgehen können und irritiert sind, so etwas als Grund für eine Absage zu nennen. Wie du schon sagst: Da wären selbst Hämorrhoiden akzeptabler.
    Ich hoffe, hier ändert sich etwas – und dein Text hat mir den Anstoß gegeben, das Thema für mich selbst offener und bewusster in den Vordergrund zu stellen, ganz ohne Scham. Danke dafür <3

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