Weltbilder mit Erdbeerduft

Posted on
Berliner Prosa

Es ist fünf nach acht. Der Bus pflügt sich im Stop-and-go durch den Berliner Berufsverkehr. Ich sitze im ersten Stock eines gelben Doppeldeckers, die Heizung gibt Vollgas, die Luft dampft.
Auf halber Strecke zwischen der Wohnung meines Freundes und meiner steigt eine Gruppe Mädchen zu. Nicht alle auf einmal, verstreut über einige Haltestellen treffen sie tröpfchenweise ein, eine nach der anderen, und sammeln sich auf den vorderen Sitzen im Oberdeck auf dem Weg in ihre Schulen im Bezirk. Seit einigen Tagen erwische ich meistens den gleichen Bus wie sie und höre ihren Gesprächen zu. Die Augen geschlossen, als sei ich müde, sind meine Ohren hellwach.
In diesem Alter, in dem die Hormone sich erstmals melden und in eine Zukunft voller vielversprechender Abenteuer blinzeln, gibt es eigentlich nur zwei Themen: Aussehen und Jungs. Und die Frage, wer cool und wer komisch ist – aber auch die im Grunde nur wegen der Jungs.
„Wie alt schätzt du ihn?“
„Neun?“
„Er ist niemals neun, eher zwölf.“
„Machst du dir etwa Hoffnungen bei einem, der zwei Köpfe kleiner ist als du?“
Bähm. Kleiner geht gar nicht. Jünger auch nicht. Ein Player darf es auch nicht sein, aber zu nerdig ist auch nicht akzeptabel. Überhaupt steht man auf Jungs, ist doch klar. Was geht und was nicht, das ist ein knallharter Katalog. Festgelegt von Wortführerinnnen, die ihre No-Gos lautstark herausposaunen und damit Gelächter ernten von denen, die vielleicht etwas anderes denken, sich aber nicht trauen, es zu sagen.
Die zahnspangenfeuchte Aussprache versöhnt mit dem schubladenengen Denken. Vieles wird sich noch verwachsen. Einiges aber sicher auch nicht. Geschlechterklischees mit Erdbeerkaugummiduft, so harmlos fängt es an.
Die Hände mit dem abgeblätterten Glitzernagellack scheinen mit den Smartphones verwachsen. Irgendwer hält ein Display mit Fotos einer Mädchenclique in die Höhe. Chantall ist viel schöner als Chiara, da sind sie sich einig. Zu viel Make-up ist nicht gut. Zu wenig aber auch nicht. Wer hat das Denken der Jugend eigentlich so schmalspurig gemacht? Ist es der einfache Wunsch, dazugehören zu wollen? Die Angst davor, zur Zielscheibe von Gespött und Häme zu werden? Zwischen den Pumastreifen auf der Trainingsjacke und dem abgekratzten Pferdesticker auf dem Turnbeutel klebt so verdammt viel Unsicherheit. Zärtlichkeiten werden noch in Grobheiten getarnt, denn echte Gefühle sind vor allem – peinlich.
„Man merkt voll, wenn Du auf jemanden stehst!“
„Ach, halt die Fresse!“
Jeden Morgen plätschert das Gespräch dahin, streift Mathearbeiten und Familienstreitereien, bleibt aber meistens an der ungefährlichen Oberfläche, auf der alles nie ganz ernst gemeint scheint. Das Leben wird noch ausprobiert und Meinungen wechseln mit den Haarfarben. Und trotzdem – wer dazugehören will, tanzt nicht aus der Reihe. Was sie in der Welt sehen, an ihren Müttern, Freundinnen, an Stars und Sternchen, ahmen sie nach. Bis sie es eines Tages für die Wahrheit halten werden.
Ihre Klassenkameraden sitzen scheinbar teilnahmslos daneben, Kopfhörer so groß wie Satellitenschüsseln auf den Ohren, und malen mit den Fingern dumme Sprüche auf die beschlagenen Scheiben.
„Wir reden morgen weiter!“ Eine Hälfte der Mädchen schwingt sich die Treppen herunter. Der Sound von Musikvideos und grundlosem Gelächter weht hinter ihnen her, als sie die Tür hinaus stolpern, übermütig aneinander stoßend wie eine Herde junger Fohlen. Zwischen Disney und Dr. Sommer, scheint mir, steht ihnen die Welt offen, aber die Ausfahrten sind rar.

3 Comments

  1. Rena. says:

    Liebe Kea,

    der Text hat mich an meine eigene Pubertät zurückdenken lassen (die nun auch schon etwas her ist – werde 28…). Ich finde in deinem Text Erinnerungen an die Schulzeit wieder, aber hatte wohl damals schon das Glück, starke, unabhängige Mädchen meine Freundinnen zu nennen. Wir blickten damals eher belustigt auf Mädchen wie die im Bus, obwohl wir sicher auch unsere Schablonen im Kopf hatten (und manchmal noch haben). Die Mädchen von damals zählen auch heute zu meinen besten Freundinnen. Weitere wunderbare Frauen und Männer sind hinzugekommen. Ich schweife etwas ab, aber was ich eigentlich sagen will, ist, dass so tolle Freund*innen helfen gegen die Stereotypen der Welt und eine*n immer wieder herausfordern, die eigenen zu überdenken. Und dass dein Text sehr schön und eindrucksvoll geschrieben ist. Ich lese sehr viel von dir, aber meistens still mit. Mach weiter so, es gibt sicher noch ganz viele Leute, denen deine Texte viel geben, ohne dass du es jemals geschrieben von ihnen wüsstest 😉

    Alles Liebe

    Rena

  2. Lary says:

    Starker Text. Ich habe mich direkt an meine Pubertät erinnert. Damals dachte ich ich wäre stark und würde gegen den Strom schwimmen, dabei habe ich doch nur hinter starken Schichten von schwarzem Kajal und derben Stiefeln und düsterer Musik Zuflucht gesucht. Ich war mit allem unzufrieden, wollte endlich erwachsen sein und machen was ich will. Egal welche Schicht oder Szene, diese Phase des Lebens hat für jeden seine eigenen Schwierigkeiten, oder? Aber dafür ist die Pubertät ja da, zum Ausprobieren, sich finden.
    Dennoch ist es mir persönlich ein großes Anliegen Jugendlichen zu helfen dies zu tun. Auf ihre eigene Art. Ich möchte ihnen zeigen, dass es etwas außerhalb der Masse gibt. Daher arbeite ich nun schon 14 Jahre ehrenamtlich mit Jugendlichen und schreibe für ein Jugend-Magazin.
    Danke für deinen Text.

    Lary

  3. Yvprysm. says:

    Schöner Gedanke. Lässt mich in meiner eigenen Kindheit schweifen. Arbeite selbst an einem Erinnerungspost an meine Kindheit. An meine idealisieren Eckpfeiler, von denen ich denke, dass meine wen’ger gefährlicher waren, als die heute.
    Danke für deine Worte.

Leave a comment

Your email address will not be published.