Wie der Tod mich lebendiger machte, als ich war

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Wow. Draußen geht der Sommer los und lacht uns mit seiner Fröhlichkeit, mit Sonnenmilch und Strandurlaub entgegen und Kea – liest ein Buch über den Tod. Ein Widerspruch? Durchaus nicht! Denn ausgerechnet diese Lektüre hat mich lebendiger gemacht, als ich es jemals vermutet hätte. 

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Der Tod macht uns alle lebendig, natürlich ist das wahr. Leben und Sterben sind zwei Seiten derselben Medaille. Trotzdem machen wir einen Bogen um ihn, sperren ihn in eine Tabuzone. In unserer westlichen Welt ist die Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit nicht besonders en vogue. Ich ertappte mich dabei, wie ich den Titel meines Buches in der Öffentlichkeit verbarg. Ich schämte mich doch tatsächlich, wollte niemanden behelligen mit diesem unliebsamen Thema. Wer beschäftigt sich schon sichtbar mit dem Tod?

Trotzdem verzog ich mich mit diesen Seiten nicht in die dunkle Kammer, im Gegenteil. Ich habe die Mittagspausen der letzten Woche genutzt, um in der Maisonne auf den aufgewärmten Steinen am Dorfbrunnen zu sitzen und zu lesen. Mütter kommen mit ihrem Nachwuchs nach dem Kindergarten für gewöhnlich dort zusammen, um Eis zu essen, sich zu treffen, den Kindern beim Spielen zuzusehen, zu reden und zu lachen. Es hat sich richtig angefühlt, dieses Buch dort zu lesen, inmitten der unmittelbaren Lebendigkeit, die Kinder immer umgibt. Ihre Selbstverständlichkeit, ihre Bereitschaft, zu staunen, waren die beste Kulisse, um zu den blinden Punkten unserer Existenz vorzudringen. Um den Kontakt mit dem Leben nicht zu verlieren. Denn ich fürchtete mich vor diesem Buch. Völlig unbegründet übrigens, wie sich herausstellen sollte – das bewusste Aufsuchen dieser Schattenreiche, die gewollte Konfrontation mit dem Thema heilte viele meiner Sorgen. Der Tod, das war nicht länger der große Unbekannte. Ich hatte mich ihm angenähert, ihn begrüßt, mit ihm gesprochen.

Dabei war er für mich lange ein ungemein heikles Thema, schließlich bin ich seit vielen Jahren ausgeprägter Hypochonder. Gestatten, Kea, 32, hatte gefühlt schon alle potentiell tödlichen Krankheiten, die Wikipedia hergibt. Und all die Therapien, alle Selbsthilfebücher über Hypochondrie konnten gegen meinen Endgegner nichts ausrichten, denn wie soll man eine Angst besiegen, die mit 100 %-iger Sicherheit eintreffen wird? Wie ihr den Schrecken nehmen?

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Nun hoffte ich also auf Irvin D. Yalom, seines Zeichens amerikanischer Psychoanalytiker
und Autor, dessen Werk „In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet“, auf meinen Knien ruhte, während Fahrradklingeln und Kinderjauchzen um mich herum schwirrten, wie Bienen um besonders süßen Blütennektar.
Die deutsche Übersetzung des Untertitels ist eigentlich nicht korrekt – das englische Original heißt „Staring at the Sun – overcoming the terror of death.“ Und das will Irv, wie ihn Patienten und Freunde nennen, auch gewissenhaft unterschieden wissen: Denn die ANGST vor dem Tod ist für ihn Bestandteil des Lebens, sie kann nicht wirklich überwunden werden, sondern ist dem Menschsein immanent. Wir können sie annehmen und integrieren, aber sie ist ein Teil des Ganzen, der da sein darf. Was aber überwunden kann, ist der TERROR im Bezug auf das Sterben und den Tod, die Horrorfantasien, die so mächtig werden, dass sie uns die Luft zum Atmen rauben.

Und Yalom führt kluge Dinge ins Feld, bezieht sich auf die großen Philosphen und Denker, auf Epikur’s „Nichts des Todes“ (Wo ich bin, ist der Tod nicht und wo der Tod ist, bin ich nicht), auf das Wellenprinzip, nach dem wir während unseres Lebens tausende Impulse an unsere Mitmenschen und Umwelt weitergeben, deren Effekte uns überdauern. Er analysiert Gründe, die uns dazu bringen können, astronomisch große Ängste vor dem Tod anzuhäufen – gute Gründe, wie das Gefühl, sein Leben nicht richtig gelebt zu haben. Er entlarvt Verzögerungstaktiken, den Versuch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, in dem man sich absichtlich nicht den Dingen widmet, die man eigentlich intuitiv als Berufung erkennt.

All die angeführten Beispiele aus seiner therapeutischen Praxis zeigten mir außerdem, dass ich nicht allein war mit meinem Grauen vor dem Ende. Dennoch war für mich das Kapitel über Irv’s persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod am hilfreichsten. Vornehmlich aufgrund der folgenden zwei Punkte, die ich von Herzen gern mit euch teilen möchte:

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1.) Trost

Yaloms Buch ist für mich ein wenig, wie er selbst: liebenswürdig, klug, tröstend.
Und dieses eine Wort war es dann auch, was sich für mich wie ein roter Faden durch das Buch zog, das immer wieder auftauchte und das ich gewissenhaft begann, einzukringeln, wo immer es mir begegnete: TROST.
Plötzlich entfaltete sich in mir eine Erkenntnis, wie eine Blüte: Trost ist das, was wir benötigen. Nicht das Wegschauen, nicht das Wegducken. Alleine das Wort TROST klingt wie Herzensbalsam – „ein Wort wie eine Mutter“, sagte meine Freundin Rebecca, der ich von meiner Erkenntnis berichtete, so treffend. Wir brauchen diesen Trost, denn wir verlieren ständig: Menschen, Geld, Gesundheit, Zeit, uns selbst – und ganz am Ende unser Leben.
Dagegen sind wir machtlos, diese Dinge geschehen, denn alles ist zyklisch in diesem Universum, ein ewiges Auf uns Ab, nichts ist reiner und unaufhaltsamer Anstieg – wir werden geboren, wir leben, wir vergehen und so auch alles um uns herum. TROST ist also das, was wir uns geben können und es ist auch das, was wir brauchen.
Kinder werden noch hingebungsvoll getröstet, Erwachsene diskutieren Gefühle gerne weg, sind rational, „vernünftig“, besonnen. Was, wenn uns zu trösten, unsere Aufgabe ist?
Was, wenn es im Kern darum geht, Wärme und Trost zu spenden, im Angesicht der Ängste und Verluste, die uns alle zwangsläufig erwarten? Ist das nicht ein schönes Wort? Ist das nicht ein tief beruhigender Gedanke? Wir müssen nicht gegen den Tod kämpfen, wir müssen nur Trost spenden und empfangen, etwas, was uns zutiefst menschlich macht.
(Herrgott, ich habe das Gefühl, ich schreibe eine Predigt hier! 😀 Aber wartet, es kommt noch dicker!)


2.) Die Freude am reinen Sein.
Was ich durch die Kinder, die um mich herum spielten, während ich auf den Steinstufen saß und las, vor Augen hatte, sprang mir aus den Buchseiten gleichzeitig mit aller Wucht entgegen.
Yalom geht davon aus, dass mit unserem Tod Seele und Bewusstsein erlöschen – dass wir also nach unserem Ableben in dieselbe Form des Nicht-Bewusstseins eingehen, in der wir uns vor unserer Zeugung oder Geburt befunden haben. Und genau wie vor unserer Geburt, werden wir in diesem Zustand nicht wissen, dass wir nicht mehr sind, noch, dass wir etwas sein könnten. Wir vermissen nichts und wir betrauern nichts. Nun bleibt also nur diese eine Zeitspanne, in der wir in diesem Körper hier auf diesem Planeten umherwandeln.
Yalom zitiert eine Metapher des Evolutionsbiologen Richard Dawinks:

„Man stelle sich einen laserdünnen Scheinwerferstrahl vor, der sich unaufhaltsam entlang des immensen Zeitlineals bewegt. Alles, was der Strahl passiert hat, verliert sich in der Dunkelheit der Vergangenheit, alles davor liegt in der Dunkelheit dessen verborgen, was erst noch geboren wird. Nur das, was vom dem laserfeinen Lichtstrahl beleuchtet wird, lebt.“

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Hier kommen wir nah ins Fahrwasser von Eckhart Tolles „Jetzt – die Kraft der Gegenwart“ oder auch Byron Katies „Lieben, was ist“, Werke von zwei spirituellen Menschen, die uns die Liebe zum jetzigen Moment nahelegen.
Denn mehr als das Jetzt steht uns niemals zur Verfügung. Kinder leben in diesem gegenwärtigen Moment. Sie gehen, viel öfter, als wir Erwachsene, in ihren Tätigkeiten auf – ganz unmittelbar, in der Freude und auch ganz unmittelbar, in ihrem Leid. Als der kleine Junge mit dem Dreirad ein paar Meter neben mir stürzte, gab es nur seine Tränen. Und als er kurz darauf von seiner Mutter in den Arm genommen wurde, um Trost zu empfangen, gab es nur die Geborgenheit.
Angesichts meiner Krankheitsängste bekam ich in diesem Moment eine wirkliche Ahnung davon, was „Die Freude am reinen Sein“ wirklich bedeuten kann:
Auch die Krankheit zu lieben. Auch die Schmerzen (und davon habe ich reichlich). Denn ich kann auch alles Leid nur fühlen, weil ich lebendig bin und mir erscheint diese Lebendigkeit, angesichts des sicheren Todes, angesichts der vor und nach mir währenden Dunkelheit, doch etwas sehr Besonderes, Wertvolles zu sein.
Solange ich diesen Körper bewohne, kann ich etwas spüren. Die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Ich kann das Lachen der Kinder hören, ich kann den Schmerz in meinem Magen fühlen und die tröstende Hand meines Freundes, die sich mir auf den Rücken legt und die mir zeigt, dass ich nicht alleine bin.
Diese Freude am reinen Sein meint nicht nur die Momente, in denen wir leichtfüßig durch die Wiesen springen, sie meint JEDE Erfahrung, die wir machen, denn jede Erfahrung, die wir durchleben, können wir nur er-leben, indem wir lebendig sind. 
Das erste Mal in meinem Leben kam mir, nur für eine kurze Zeit, der Gedanke, dass es nicht so elementar war, ob hinter meinen Schmerzen eine schlimme, vielleicht sogar lebensbedrohliche Krankheit steckte. Denn auch eine solche Krankheit wäre nur eine weitere Erfahrung, die ich machen dürfte – und ich sage ganz bewusst, dürfte. Denn auch der Schmerz ist kostbar, auch das Leid, auch die Tränen, auch die Angst sind kostbar. Sie sind nicht weniger wert, als Freude, Lust und Leichtigkeit. DAS ist wohl die pure Liebe am Leben an sich.

Irv drückt es so aus:

„Der Weg, das Leben zu schätzen, der Weg, Mitgefühl für andere zu empfinden, der Weg, am tiefsten zu lieben, ist der Weg der Bewusstheit dessen, dass diese Erfahrungen dazu bestimmt sind, verloren zu gehen.“

 Als ich die letzte Seite von „In die Sonne schauen“ beendet hatte, fühlte ich mich friedvoll. Nichts war anders, als vorher und doch irgendwie alles. Ich saß noch eine zeitlang auf den warmen Steinen, atmete und freute mich. Ein Gefühl, das ich beim Aufschlagen des ersten Kapitels wirklich nicht erwartet hatte. Ich fühlte tiefe Dankbarkeit dafür, dass dieses Buch den Weg zu mir gefunden hatte und fühle sie auch jetzt, in dem Moment, in dem dieser Beitrag den Weg zu euch findet. Auf dem Nachhauseweg dachte ich darüber nach, dass wir alle Wellen eines großen Meeres sind – und dass es unser Schicksal ist, einfach nur Welle zu sein, ohne das Meer wirklich jemals zu begreifen. Was unsere Freude am Welle-Sein nicht mindern sollte, was uns nicht weniger schön, hinreißend und kraftvoll macht. Folgende Zeilen kamen mir dabei in den Sinn, als ich die Straße entlang lief, das Buch in meiner Hand, mit den Armen schlenkernd. Mit ihnen möchte ich diesen Artikel beschließen:

Weiß denn das Meer, dass es Wellen hat
und kennen die Wellen das Meer?
Es ist nicht wichtig. Lebt!
Dafür wurdet ihr geboren.

7 Comments

  1. Valerie says:

    So toll! Vielen Dank für diesen Beitrag, Kea!!

    1. kea kea says:

      Sehr gerne, liebe Valerie! Mir liegt es wirklich sehr am Herzen, dieses Thema aus der Tabuzone zu holen <3 Ich glaube, alles, mit dem wir uns wahrhaftig auseinandersetzen, macht uns stärker. Liebe Grüße zu dir! 🙂

  2. Souhela says:

    Hallo meine Liebe! Ein sehr schöner Artikel, den ich rasch verschlungen habe. Dieses Thema beschäftigt mich auch schon seit eh und je. Es gibt die Worte „von Gott kommen wir und zu ihm kehren wir zurück „. So empfinde ICH es. Das Leben ist eine kleine Reise, der eine fährt früher nach hause, der andere bleibt etwas länger…. Der Fakt, dass jedes einzelne Wesen stirbt, sollte uns klar machen, dass der Tod so schlimm nicht sein kann. Er ist ein Teil vom Ganzen. Das hilft mir, mit dem Fakt, dass ich eines Tages sterben werde, umzugehen.

    1. kea kea says:

      Hallo liebe Souhela, schön, dass der Artikel dich angesprochen hat 🙂
      Wenn ich Gott in deinem zitierten Satz durch Liebe ersetze, sehen wir es ganz ähnlich – man geht eben wieder in den Zustand ein, den man vor der Geburt bereits hatte.
      Die meisten Menschen finden die Tatsache, dass alles irgendwann stirbt, eher deprimierend und du schaffst es, es so zu sehen, dass es positiv und bestärkend wird – wie schön!
      Ach und überhaupt freu ich mich über den Austausch hier, weil ich glaube, dass wir alle einfach viiiiel mehr darüber reden müssten!

  3. Ruhrstyle vegan.nachhaltig.fair. says:

    So, die letzte Zeit kam ich ja nicht wirklich zum kommentieren bzw. lesen ( Asche auf mein Haupt, oder ich schiebs dem Baby in die Schuhe 😉 ) und nun sehe ich, ich habe hier verdammt viel verpasst. Ein neuer Name, ein neues Design und beides ist wahnsinnig gut gelungen. Ich bin echt begeistert liebe Kea.

    Über deinen Beitrag muss ich nun erst einmal ein wenig nachgrübeln, denn das Thema Tod ist bei mir ein Heikles, gern unbeachtetes Terrain.

    Mein Blog bekommt übrigens auch einen neuen Namen 😉

    Ganz liebe Grüße
    Rebecca

    1. kea kea says:

      Hey du Liebe,
      du bist natürlich hochoffiziell entschuldigt 😀

      Und weil du mich so neugierig gemacht hast, musste ich natürlich gleich mal spicken gehen – sehr schöner neuer Name! <3 Passt wuuuunderbar!

      Ich freu mich, dass dir auch mein neues digitales Zuhause gefällt ♥
      Und vielleicht ist bei dir eben gerade auch einfach das Leben in vierfacher Ausführung an der Reihe 😉

      Liebste Grüße zu dir!
      Kea

  4. Kea schreibt über Poesie im Blog & auf Instagram – ein Lebenselixier | #Interview says:

    […] nicht kommentiert wurde, oder? Wie persönlich und einfühlsam du Rezensionen angehst, wie in „Wie der Tod mich lebendiger machte, als ich war“ berührt und fesselt mich sehr. Was darf der Leser hier zukünftig von dir erwarten? Wie müssen […]

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