Wie wär’s mal mit Bescheidenheit?

Posted on
Bescheidenheit

Seit ich wieder in Berlin wohne und die Menschen um mich herum beobachte – junge Frauen in ihrem urbanen Lebensraum – beschäftigt mich eine Frage, die jeden Tag lauter und vehementer durch meinen Kopf turnt: Können wir noch bescheiden sein? 

Und damit meine ich keine freudlose, puritanische Askese, sondern eine Bescheidenheit, die eng mit Dankbarkeit verwand ist. Haben wir verlernt, wie es ist, wenn uns unser Leben „genug“ ist?

Denn ich schaue die Welt an und sehe: wir wollen ALLES. Und wir wollen es JETZT. Ich scrolle mich durch meinen Instafeed und kann die omnipräsente haushohe Anspruchshaltung förmlich über meinen Bildschirm sickern sehen: es ist eine seltsame Version von „ich packe meinen Koffer und nehme mit…“. Denn das hier ist kein Spiel, kein lustiges Gedächtnistraining. Das hier soll plötzlich unser Leben sein – drunter machen wir es nicht.

Ich sehe katalogreif eingerichtete Wohnungen. Ich sehe katalogreife Wohnungen, die von gut aussehende Frauen mit makelloser Haut und schneeweißen Zähnen bewohnt werden. Ich sehe gut aussehende Frauen in katalogreifen Wohnungen, die beruflich wahnsinnig erfolgreich sind. Ich sehe gut aussehende Frauen, die von ihrer katalogreifen Wohnung und ihrem florierendem online-Business eine Auszeit nehmen – Liebesurlaub auf Bali. Ein Instajahr später krabbelt zu ihren Füßen der wollbestrickjackte Nachwuchs über den Beni Ourain Teppich. 

Ein derartiges Leben wird bejubelt, beklatscht, geliked. Und beneidet. Die Messlatte liegt in schwindelerregender Höhe. Und die meisten von uns scheitern in einem, meistens in mehreren Bereichen an diesem Ideal. Dabei wollten wir doch alle bloß glücklich sein.

Versteht mich nicht falsch – sich selbst zu fordern und zu fördern, das ist eine großartige Sache und das hier ist – ihr kennt mich – sicher kein Aufruf dazu, sich in seiner Komfortzone dem Ende aller Tage entgegen zu langweilen. Aber kann es sein, dass wir alle ein bißchen weniger brauchen, statt immer mehr und mehr?

Wie wäre es hier und da mit ein bißchen mehr Bescheidenheit? Zum Luftholen? Was bedeutet das eigentlich – Bescheidenheit? Emytologisch betrachtet, Folgendes:

„ bescheiden – Ursprünglich bedeutete es »‹vom Richter› bestimmt, zugeteilt, festgesetzt«, dann wurde es von Personen gebraucht, die sich bescheiden ließen, sich zu bescheiden wussten und deshalb als »einsichtsvoll, erfahren, verständig, klug« galten. Heute wird es im Sinne von »genügsam, einfach, anspruchslos« verwendet. 

Sich begnügen, zufriedengeben. Das klingt schön. Da stecken so tolle Worte drin: Sich selber Frieden geben. Genug sein.

Wieso sich nicht mal an diesem alten Modell orientieren? Eine gewisse Menge X wird aufgeteilt, wird beschieden – es wird nicht alles auf einmal irgendwem zugesprochen. Weniger Gier – denn Gier will immer nur eine Leere füllen. Wo wir uns der Fülle zuwenden, die bereits da ist, entstehen weniger Löcher, die mit Erwartungshaltungen und Minderwertigkeitsgefühlen gestopft werden müssen. Denn bei dieser Hetzjagd nach dem optimierten Selbst bleibt genau dieses Selbst auf der Strecke.

Wir müssen nicht alles auf einmal machen. Manches müssen wir vielleicht niemals machen. Und ganz bestimmt müssen wir nicht das Gefühl haben, dass unser Leben verschwendet, nutzlos, belanglos, sterbensöde oder sonstwie suboptimiert ist, nur weil wir nicht die Frau sind, die ALLES hat.

Also entfalten wir nicht nur unsere Potentiale, sondern auch unsere Bereitschaft, das wertzuschätzen, das bereits da ist. Zu viel theoretisches Blabla? Ich empfehle als ersten Schritt ein Dankbarkeitstagebuch. Günstig, nebenwirkungsfrei und ruckzuck erledigt.

Diese rastlose Suche nach dem bis zum Anschlag ausgereizten Leben ist erschöpfend. Atmen wir durch. Geben wir uns unseren eigenen, ganz individuellen Frieden. Wir sind längst genug.

  • Share

10 Comments

  1. Anni says:

    Wahre Worte, liebe Kea.
    Wir alle, und unsere Generation besonders, streben immer nach „noch mehr“ und „noch besser“. Wir sind ja mehr als jemals zuvor täglich damit konfrontiert, was andere vermeintlich schaffen und erleben. Ich habe sogar irgendwann angefangen, mich schlecht zu fühlen, weil ich kein gesteigertes Interesse an einer Weltreise oder generell weiten Reisen zu haben. Obwohl doch gar kein Bedürfnis da ist. Wir sollten uns wirklich mehr auf all die großartigen Dinge besinnen, die wir haben und genießen dürfen. Und ein wenig entschleunigen. Ein Dankbarkeitstagebuch ist sowieso großartig. Liebste Grüße aus Hamburg! Anni

    1. kea kea says:

      Liebe Anni – „Wir sind ja mehr als jemals zuvor täglich damit konfrontiert, was andere vermeintlich schaffen und erleben“: mit diesem Satz triffst du den Nagel auf den Kopf. Ich denke oft, dass wir mit dem Internet und den sozialen Netzwerken ein Spielzeug in die Hand bekommen haben, mit dem wir schlecht umgehen können und das weitaus größere Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit und seelische Stabilität hat, als wir denken. Das Internet kam quasi ohne Betriebsanleitung und ist zur kollektiven Sucht und Vergleichs-Party verkommen.
      Da tut es echt gut, sich ab und zu klar zu machen, dass unser analoges Leben schon verdamm reicht und ausgefüllt ist, wenn wir nicht ständig danach schielen, von anderen Anerkennung dafür zu bekommen. Natürlich haben sich Menschen auch früher schon verglichen – aber nicht in diesem inflationären Ausmaß.
      Liebe Grüße zu dir!
      Kea

  2. Nina says:

    Durch Instagram bin ich heute auf deinen Blog aufmerksam geworden. Dies ist nun der erste Eintrag, den ich lesen durfte und ich bin einfach sehr beeindruckt und überrascht, was deine Worte in mir auslösen. Ich finde es unglaublich schön, wie du schreibst und auch der Inhalt gefällt mir ausgesprochen gut. Deshalb werde ich ab sofort des Öfteren mit Freude deinen Blog besuchen und nachdem ich diesen Kommentar fertig geschrieben habe, mich von deinen vorigen Einträgen verzaubern lassen ❤️

    1. kea kea says:

      Liebe Nina –
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar, es freut mich sehr, dass mein Text dich bewegt!
      Herzlich Willkommen in meinen digitalen vier Wänden – nimm dir eine Tasse Tee und stöbere nach Herzenslust!
      Liebe Grüße,
      Kea

  3. Alexandra says:

    Danke für deinen Post! Es ist so wahr. Es fällt mir so schwer, zufrieden zu sein, nicht immer noch mehr zu wollen, besser sein zu wollen, mehr haben zu wollen. Es ist scheinbar nie genug, nie gut genug.
    Selbst, wenn ich mich über einen „capsule wardrobe“ informiere, bei dem es ja um weniger, um sich bescheiden (danke für das Wort!), geht, bekomme ich den Eindruck, ich muss noch mehr kaufen, meine Sachen sind nicht gut genug. Dabei müsste ich einfach mal auf „pause“ drücken.

  4. Mimi says:

    Liebe Kea,
    großartig deine Worte, wieder einmal. Deinen Beitrag übers ab und zu mal offline sein, morgens nicht als erstes das Leben der anderen auf Insta verfolgen – den habe ich verschlungen, verinnerlicht und mir tief im Herzen verankert. Dein neuer Beitrag ist ebenso großartig, denn geht es nicht bei all den sozialen Medien darum, auf die anderen zu schauen und dem nachzueifern? Und macht das irgendwen glücklich? Nicht im Geringsten. Mich zumindest zieht es runter und dein Beitrag zeigt mir, dass es noch normale, tolle Menschen dort draußen gibt, deren Gehirn nicht von strahlend weißen Bildern in perfekten Häusern verblendet ist, die nicht permanent versuchen, zu kopieren um dann mithalten zu können.
    Kurz: Danke und Bravo!
    Liebste Grüße aus dem verschneiten Stockholm,
    Mimi

  5. Lea says:

    Liebste „Seelenschwester“, so wunderbar ausgedrückt wie immer… und auch mich haben dieselbe Gedanken beschäftigt, es ist bestimmt ganz sicher so, dass wir uns heute zu sehr vorausbegaben und vor lauter Ziele stecken, vor lauter Selbstoptimierung vergessen, wie wunderbar wir JETZT schon sind und wievieles JETZT schon in Ordnung ist wie es ist, dass wir noch lange nicht „langweilig“ sind, wenn wir mal Bedürfnis für was „Langweiliges“ oder „Schlichtes“ oder „Normales“ haben.
    Ich glaube, die goldene Mitte ist wie immer der beste Weg, zu spüren wann der Zeitpunkt für in sich ruhen ist und wann der Zeitpunkt für Neues. Ja, ich denke, ich verstehe vollkommen was du meinst! So schön, das bei einer anderen zu lesen, so wird es nochmal klarer, den Weg so weiter zu gehen. Alles Liebe zu dir! Lea

  6. annton says:

    Ein dickes, fettes: Absolut!

  7. Natalie says:

    Das sind natürlich wahre Worte, liebe Kea. Wie du aus unseren Gesprächen weißt, lerne ich in Ghana jedes Mal auf’s Neue Bescheidenheit. Gerade habe ich einen Report gelesen, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr ca. 35.000 USD verdienen, in Ghana ca. 3.000 USD (pro Jahr!). Wie kann dich also eine ghanaische Frau ein Leben „leisten“, das sie glücklich macht? (Wenn auch hier eine Pizza umgerechnet 10 Euro kostet und man für 50-100 Euro tolle Klamotten kaufen kann)
    Tja, wir wissen ja schon lange dass die neusten Klamotten und die schönste Wohnung nicht gleich glücklich machen. In Ghana lerne ich immer wieder, dass wahrer Reichtum in der Bescheidenheit liegt. In dem, das Kleine und das Wenige wertschätzen zu lernen.

    Fühl dich gedrückt!

  8. Barbara says:

    Liebe Kea, schön! Das hat viel mit Achtsamkeit zu tun. …
    Und ich glaube, ich komme allmählich dahinter 😉

    Noch etwas Philosophisch/Küchenpsychologisches, aber dennoch für mich Wahres zur Mittagspause:)):
    Ich kenne – nicht mehr ganz eure, junge Generation – inzwischen sehr Vieles, habe viele Menschen gesehen / über Jahre begleitet, und natürlich vergleicht man/ schaut und lässt sich auch inspirieren, gerade wenn man schon einige Erfahrungen machen durfte (Studium, Berufsausbildung, angestellt, selbstständig, ohne Kind, mit Kind, etc. etc. …) – aber ich kann inzwischen schon sagen – (fast) immer: Wer alles hat, hat gar nichts.

    (Der „Preis“ für eines ist stets das andere. Sprich, wie meine Oma zu sagen pflegte:
    „Unter jedem Dach wohnt (auch) ein Ach.“)

    Insofern sei allen alles gegönnt.
    (Was aber für einen selbst das Richtige ist, das zeigen Bauch, Herz und das Leben, wenn man ein bisschen innehält und zuhört – zwischen all den täglichen Impressionen …)

Leave a comment

Your email address will not be published.