Berlin Prosa

An der Haltestelle

Disclaimer, weil dieser Text auf Instagram die Gemüter erhitzt hat. Ich möchte ihn nicht falsch verstanden wissen, auch wenn ich es bis zu einem gewissen Grad symptomatisch finde, dass man es doch immer wieder betonen muss, dass man nicht gegen Männer oder Jungs per se schreibt (wer sollte diese Gruppe auch sein? Menschen sind Unikate). Aber eben gegen ein toxisches Bild von Männlichkeit. Dieses Stück Prosa ist keine Kritik an einer Gruppe Jugendlicher. Sie sind lediglich ein Symbol für die Werte, die wir als Gesellschaft geprägt haben und in die sie hineinwachsen. Wäre ich ein junger Mann, würde ich mich genauso daran orientieren. Deshalb bitte ich, den Gegenstand meiner Kritik nicht zu verwechseln: der ist das Patriarchat und seine Verankerung in unserer Gesellschaft – nicht die jungen Männer.


Das Selbstbewusstsein ist kleiner, als die Smartphones in ihren Händen. An den Füßen tragen sie Turnschuhe in Erwachsenengröße, über schmächtigen Schultern schlackern T-Shirts, die für Basketballspieler vermutlich die richtige Länge hätten und am Handgelenk treffen sich die Bänder von achtlos hinterherstolpernden Turnbeuteln mit dicken Uhren aus Gold. Der blonde Flaum über der Oberlippe ist mehr zu erahnen, als zu sehen, aber sie wollen mit aller Macht Mann sein, oder zumindest das nachahmen, was als Männlichkeit in der Welt zu lesen ist. Ein wirksames Mittel gegen die Flut pubertärer Duftstoffe ist noch nicht gefunden, die Gruppe transpiriert in der Mittagssonne vor sich hin und dünstet den Geruch von nassen Hundewelpen aus. Es ist kurz vor den großen Ferien. An der Bushaltestelle sind die kommenden sechs Wochen Freiheit schon zu spüren, sie werfen ihre warmen Schatten voraus. Man will nicht nach Hause, hat aber auch keine wirkliche Alternative. Also wird Zeit vertrödelt, Bus um Bus rollt an und fährt ungenutzt vorbei. Witze auf Kosten anderer machen die Runde. Nichts ist mehr so richtig ernst. Nur noch das Zeugnis abholen, dann winken Freibad, Fußball, Ausschlafen und Sonnenbrand, erste Küsse, erste Kater und vielleicht der letzte Sommer als Kind. Das Gelächter ist immer eine Spur zu laut, die Zungen sind klebrig vom Wassereis und die dahinplätschernden Gespräche erschöpfen sich in verbalem Kräftemessen. Wer hat den größten Garten, die geilsten Kopfhörer, wer fliegt in den Ferien am weitesten weg? Sie trinken Cola aus Plastikflaschen, tragen Nike und Adidas auf ihren Hosen spazieren und schenken ihren Gesprächspartnern immer nur ein Ohr, das andere ist dauerhaft mit dem Telefon verkabelt. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – das war in den 90-ern noch Werbung für Sparkassenkunden. „Wer fliegt denn Economy Class? Da kriegt man bestimmt nur Wasser und Brot!“ Kapitalismus, da hast du deine Kinder! Höher, schneller, weiter. Wer viel hat, zählt am meisten. Hier, auf der Bank dieser beschaulichen Bushaltestelle im Berliner Norden, wird die Zukunft besiegelt. Denn sie alle sehnen sich nicht nur danach, möglichst schnell groß zu werden, sondern dabei am besten auch noch möglichst schnell möglichst reich. Ihre Träume oszillieren irgendwo zwischen Playboy und dem Forbes-Magazin. Als sich die 125 zum vierten Mal nährt, macht der erste die Biege, schnappt sich sein Fahrrad und winkt in die Runde. „Man sieht sich!“. Die anderen nicken kaum merklich, ein kräftiger Antritt bringt ihn schnell außer Reichweite. Die Gruppe teilt sich in zwei Hälften, eine entert lärmend den klimatisierten Innenraum des gelben Doppeldeckers, der Rest trottet langsam in alle vier Himmelsrichtungen davon. Wenn der Sommer seinen Zenit überschritten und die Haut die Farbe von Mandeln auf dem Bienenstich angenommen hat, werden sie wieder zusammentreffen. Jetzt geht es erst mal nach Hause. Mama wartet mit dem Mittagessen.

 

One Comment

  1. Ich finde – dass ist meine Standard Einleitung bei Einleitungen wie deiner – du musst dich für gar nichts rechtfertigen. Der Text ist wunderbar und sicher in vielen Ecken dieser Welt wahr. Ich denke jeder von uns hat das schon gesehen, jeder hat schon den Kopf geschüttelt. Das lässt sich auf Mädels natürlich genauso übertragen, auf welche? Na auf manche, einige, natürlich nicht alle. Aber so ist das ja nunmal immer. Du kennst sicher die unfassbar talentierte Frau Vera F. Birkenbihl? Sie hielt mal einen Vortrag über das Bild von Männlichkeit von heute und dein Text hat mich da so krass dran erinnert. Wie den Jungs die Vorbilder heute fehlen, da die Väter heute so viel – wie tatsächlich noch nie – nicht zu Hause sind. Falls du das noch nicht gesehen haben solltest, such mal danach, die Vorträge gefallen dir bestimmt :)

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