Auf der Promenade

Sie sind an diesem Montagmorgen zum See gekommen, ein Rollator hat ein wenig dabei geholfen. Vielleicht kommen sie an jedem Wochenbeginn hierher, seit die Rente da ist, einfach, weil sie es können. Die Sonne hat sich hinter einem feinen Teppich aus Wolken zurückgezogen und die Promenade ist, bis auf ein paar vereinzelte Touristen, wochentäglich leer. Drei große Ausflugsdampfer liegen abfahrbereit im grauen Wasser, die Enten und Schwäne wippen auf leichtem Wellenschlag. Die beiden Alten haben neben mir auf einer hohen Holzbank Platz genommen. Sie sind viel an der frischen Luft, das verraten ihre pergamentpapierartige Haut und die Schale mit roten Johannisbeeren aus eigenem Garten auf ihrem Schoß. Goldberingte Hände streifen die leuchtenden Beeren geübt von den Rispen und schöpfen sie in den wartenden Mund. Obwohl der erst junge Sommer so warm und sonnenreich war, dass das Obst schon erntereif in schweren Dolden an den Ästen hängt, zerplatzen die roten Perlen prickelnd und sauer auf ihren Zungen, so dass beide sich schütteln, die Augen zusammenkneifen und Laute des Erschauerns von sich geben. „Uhhhhh!“, flötet sie in hellem, mädchenhaftem Ton, „Bah, bah, bah!“, stößt er atemweise aus. Belustigt sehen sie sich an und kichern über ihre Grimassen.
Der Wind hat aufgefrischt und bringt das schlohweiße Haar über der gebräunten Haut in Unordnung. Von der sauren Überraschung noch vergnügt, tauchen ihre Hände wieder in die mitgebrachte Tasche und fördern daraus eine Handvoll Bratwürste zutage, kunstvoll eingewickelt in silberne Folie, die nun die Geschmacksnerven besänftigen sollen. Einträchtig kauend, verschwinden die Würste im Rentnerpaar, die dazugereichte Semmel zur Hälfte in den umherflatternden Spatzen. Ausflugsdampfer Nummer Eins bläst zur Abfahrt, ein dunkles Trompeten kündigt den Start der „Feengrotte“ an. An Deck hat sich jetzt doch ein kleines Trüpplein Entdeckungshungriger zusammengefunden, die sonnenbebrillt und mit vom vormittäglichen Bier roten Köpfen dem Beginn der Rundfahrt entgegensehen. „Möchtest du auch mitfahren?“, fragt er. Sie schüttelt den Kopf, es scheint, ihr Lebenshunger ließe sich bestens mit kalter Bratwurst und frischer Seeluft stillen. Ich war bisher nur stille Beobachterin, suche jetzt meine Unterlagen zusammen, beende meine Pause und schicke mich an, mich dem geschäftigen Teil des Tages zu widmen. Als ich mich erhebe und ihnen zunicke, klopfen sie eben letzte Brötchenreste aus den marinefarbenen Strickpullovern. „Alles erledigt, ja? Einen schönen Tag noch!“, tönt die sonore Stimme aus seinem Bart. „Ebenso!“, wünsche ich von Herzen, lächele ihnen zu und biege den Weg Richtung Flaniermeile ein.
Vielleicht sehen sie mir nach, der jungen Frau, die noch so viel vor sich hat, die so schwungvoll den Aufgaben und Pflichten ihrer Zukunft entgegen geht, wie sie selbst vor vielen Jahren.
Ich wage einen Blick zurück, sehe die beiden den letzten Gang ihres Montagsdinners einnehmen, Marmorkuchen aus einer aufgeschlagenen Serviette, und denke mir, dass nach getaner Arbeit und gelebtem Leben ein Alter, das nach Johannisbeeren schmeckt, wohl nicht die Schlechteste aller Möglichkeiten ist.

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