Beziehungsabhängigkeit überwinden

Das innere Leuchten – Beziehungsabhängigkeit überwinden

Irgendwie habe ich ein schlechtes Timing. Im Februar werde ich 34 und eigentlich hätte ich gerne noch eine eigene Familie. Aber das Leben hat manchmal ganz andere Pläne. Und meine Aufgabe für das neue Jahr liegt so klar und eindeutig vor mir, dass ich ihr nicht entkommen kann und will: Ich muss eine Weile alleine bleiben, um in mir die Stärke zu finden, die ich für das Leben brauche.

Wenn man es vermeidet, sich selbst zu begegnen

Wie ich in meinem ersten Artikel über Beziehungssucht und Abhängigkeit bereits geschrieben habe, ist das Thema „Erfüllung abseits von Liebesbeziehungen“ für mich kein Neues. Bereits mehrfach hat es heftig an meine Tür geklopft. Nach jeder meiner drei großen Beziehungen stand mir diese Möglichkeit offen: das Singlesein. Mir ein Leben aufzubauen, in dem ich mich wohl und ganz fühle. Wirklich meine eigenen Ziele zum Fixstern zu machen und sie nicht über den Haufen zu werfen, sobald die nächste Beziehung in den Startlöchern steht.

Aber die Vorstellung, ganz alleine zu sein, ohne Bestätigung, ohne romantische Verquickungen, ohne den halben Tag in Träumen einer, wie auch immer gearteten, rosaroten Zukunft zu versinken, war zu beängstigend. Auch nach meinem letzten Versuch, alleine zu sein, flüchtete ich mich nach einiger Zeit wieder in die kuschelig-trügerische Sicherheit einer romantischen Idee. Ich versuchte noch, gegenzusteuern. Besuchte weiterhin meine Selbsthilfegruppen, las entsprechende Literatur, traf weiterhin Freund*innen und pflegte meine Interessen. Ich sagte sogar freiwillig Verabredungen ab – ein absolutes Novum. Früher hing ich am Tropf meiner Love-Interests, wie eine Verdurstende und rang um jeden Schluck Aufmerksamkeit. Aber auch diese Bemühungen konnten am Ende nicht viel ausrichten. Ich landete wieder in den Armen der Abhängigkeit. Und damit meine ich keine harmlose Variante eines sich-aufeinander-Beziehens, das Bindung immer mit sich bringt. Ich meine Sucht, dieses hässliche Wort und seine noch viel hässlichere Realität.

“Liebe” als Suchtmittel

Verliebtsein – das war für mich Zeit meines Lebens ein Rausch. Vielleicht der Einzige, der mir blieb, nachdem sich sämtlicher Substanzmissbrauch durch meine ausgeprägte Emetophobie (Angst vorm Erbrechen) von vornherein ausschloss und ich die Suchtmittel Konsum und Askese bereits hinter mir gelassen hatte. 

Der schnellste Weg, schmerzhaften Alltagsgefühlen zu entkommen, blieb somit die Liebe. Und rauschähnlich habe ich sie immer erlebt. Viele meiner Begegnungen und Liebeserinnerungen können mit den streichorchesteruntermalten Filmen mithalten, die mein Herz in Teenagerjahren zu tief in sich aufgenommen hat. Filme, die allesamt die Idee verkaufen, dass erst die richtige Beziehung das eigene Leben adelt. Dass nur der/die richtiger Partner*in Gefühle von Leere, Einsamkeit oder Sinnlosigkeit wegstreicheln kann. (Eine sehr heilsame, alternative Sicht auf das Verliebtsein bietet übrigens Byron Katie, ich habe sie in diesem Artikel über den größten Irrtum über die Liebe beschrieben).

Trotz dieses Wissens – meine Seele sprach eine andere Sprache. Liebe und Verliebtheitshormone, das war mein Abschuss aus Sorgen und Ängsten, das war mein Schleudersitz ins Reich der guten Gefühle. Kürzlich las ich in der Leseprobe von „Die Klarheit“ von Leslie Jamison, einem Buch über Alkoholsucht, das allen Menschen gewidmet ist, die je mit Abhängigkeit in Berührung kamen, folgenden Satz, der das Phänomen von Sucht für mich vollkommen auf den Punkt bringt:

„zwischen dem vierten und dem fünften Drink meinte ich, mein Leben würde von innen heraus leuchten.“

Dieses innere Leuchten war es, das ich fast ausschließlich über Beziehungen oder romantische Tagträume erleben konnte. Vielleicht auch, weil mein Leben mit Angststörung und Depressionen über lange Strecken wirklich schwere Kost war. Für eine Abhängigkeit war ich vergleichsweise leichte Beute. 

Wann wird aus einer Beziehung eine Sucht?

„Wenn man verliebt ist, dann leuchtet eben die ganze Welt, das ist doch normal“, könnte man jetzt einwenden. Und das stimmt natürlich, das hat Mutter Natur im Sinne der Fortpflanzung hübsch eingerichtet. Schwierig aber wird es dann, wenn man meint, ohne diesen Verliebtheitscocktail nicht leben zu können. Schwierig wird es dann, wenn man anfängt, sich selbst zu schaden, weil man in ungesunden Beziehungen verharrt, die einem nachweislich nicht gut tun, aus denen man sich aber nicht befreien kann. Schwierig wird es dann, wenn man sich von einer Liebschaft oder Beziehung in die nächste stürzt, nur, um es nicht mit sich alleine aushalten zu müssen. Schwierig wird es, wenn nichts anderes mehr an diesen Kick herankommt, wenn der Rest des Lebens ausgegraut wirkt und man ohne den Zufluss von Schmetterlingen im Bauch Suizidgedanken hegt. Wenn alle anderen Bindungen zu Familie und Freund*innen, die tatsächlich tragender und realer sind, in den Hintergrund geraten. Schwierig wird es, wenn aus einer schönen Option eine gefühlt existentielle Notwendigkeit wird. Ein Zwang, der nach dem von Jamison ebenfalls so treffend formuliertem Prinzip zu funktionieren beginnt:

„Wenn ich mich gut fühlte, hieß es für mich immer: Mehr. Noch mal. Für immer.“

Verzichtet man auf das Suchtmittel, setzen Nervosität, Ängste, Schlaflosigkeit ein. Entzugserscheinungen. Die Gedanken kreisen um den Rückfall in alte Verhaltensmuster. Ob man nicht vielleicht doch… wenigstens ein kleines Date… wenigstens sich ein bißchen wegträumen… “Romantisieren und/oder sexualisieren schwieriger Emotionen” nennt das mein Selbsthilfebuch.

Beziehungsabhängigkeit zu überwinden bedeutet nicht, für immer alleine zu sein

Um einem Missverständnis vorzubeugen: die Genesung von Sex-, Liebes- und Beziehungssucht hat nicht das Ziel amouröser Askese. Das Ziel ist vielmehr der Aufbau gesunder, nährender Beziehungen, die nicht auf Abhängigkeit beruhen, sondern auf Freiwilligkeit. 

Erst so wird überhaupt echte Intimität und Nähe möglich – und natürlich gehört zu echter Nähe auch Verletzlichkeit. Das Ende einer Beziehung wird immer weh tun und die Genesung von der Abhängigkeit ist nicht gleichbedeutend mit einem Versuch, sich emotional nicht mehr einzulassen, um Schmerz zu vermeiden. Liebeskummer ist unumgänglich. Den kompletten Selbstwert an eine andere Person oder den Status einer Beziehung zu hängen, vielleicht auch an die Sexfrequenz in einer Partnerschaft oder die Anzahl neuer Eroberungen ist etwas anderes. Fehlt die Quelle der Bestätigung, warten tiefe Löcher, depressive Zustände, Lebensmüdigkeit. Zu oft habe ich mit diesem Teufelskreis Bekanntschaft gemacht. In dieser Runde habe ich ganz eindeutig gespürt: es reicht. 2018 ist es mir endlich gelungen, alle doppelten Böden, alle Haltegriffe zu entfernen und mich wirklich zu einhundertprozent in mein Singledasein fallen zu lassen.

Wie sich der “Entzug” vom Suchtmittel “Verliebtsein” anfühlt

Menschen, die in einer Abhängigkeit gefangen waren, empfinden ohne das Suchtmittel anfänglich oft eine Leere. Das Leben wirkt zu reizarm, die Realität „kickt“ nicht genug. Wieder zu lernen, das Leben nüchtern zu ertragen, ist nicht leicht – aber möglich. 

Es geht darum, sein Seelenleben auf stabile Säulen zu stellen – Säulen, die tragen. Weiter, als nur für den Augenblick. Freunde, Familie, ein erfüllender Job, soziale Interaktion, Zeit in der Natur, Kreativität – all das kann nach und nach wieder seinen eigenen Geschmack entfalten, der nur in der ersten Phase des Entzugs so merkwürdig fade schmeckt.

Ich habe 2019 also nicht mehr oder weniger vor, als das Leben zu erobern. Ganz allein und ganz für mich. Zu entdecken, wo ich Lebendigkeit empfinde, die nicht von Männern, deren Liebe oder Bestätigung abhängig ist.

Wenn ich ab irgendeinem Zeitpunkt genügend Sicherheit und Vertrauen in mein Single-Leben gewonnen habe, werde ich das Thema Liebe/Beziehung ganz anders angehen. Dann steht „sober dating“ auf dem Programm: maximal ein Treffen pro Woche, damit man nicht Gefahr läuft, sich direkt wieder in einer Begegnung zu verlieren. Gemeinsame Unternehmungen, bei denen man sich in Ruhe als Mensch kennenlernt – kein Hals-Über-Kopf-sich-Einlassen, bevor man überhaupt weiß, wen man wirklich vor sich hat. Vielleicht klingt das für Außenstehende absurd oder konstruiert. Aber das muss es für mich dann eben sein.

Eine Beziehung wird für mich immer ein Balance-Akt bleiben und alles, was mir hilft, nüchtern zu bleiben, ist wichtige Medizin. So, wie manche Alkoholikeri*innen Veranstaltungen meiden, auf denen sie ein allzu sorgloser Umgang mit Alkohol in Versuchung führen könnte, brauche ich für den Umgang mit Beziehungen eben auch gewisse Verhaltensregeln, die mich schützen.

Es fällt mir nicht leicht, über all das so offen zu schreiben. Über Abhängigkeit zu schreiben ist nicht besonders sexy – gerade als Feministin. Ich weiß, dass ich mich für diesen Artikel schämen werde und ich weiß, dass es trotzdem richtig ist, ihn zu veröffentlichen. Auch, weil ich das Problem der Beziehungsabhängigkeit  für ein weit verbreitetes Phänomen halte. Gerade für im Patriarchat sozialisierte Frauen, denen immer noch erzählt wird, eine Beziehung erhöhe ihren Wert und ihre Hauptaufgabe sei es, begehrenswert zu sein. Uns allen wünsche ich ein kollektives Gesunden und den Zugang zu unserem eigenen, tief von innen heraus wachsendem Leuchten.

5 Comments

  1. Schon bei deinem letzten Artikel zu diesem Thema fragte ich mich, inwiefern ich selbst dieser Sucht erlegen bin. Und das, wo ich mich eigentlich für eine emanzipierte, selbstständige Frau halte. Sobald jedoch ein Mann auf der Bildfläche auftaucht, schmeisse ich alle meine Vorsätze jetzt mal eine zeitlang alleine durchs Leben zu gehen über Bord und stürze mich in das nächste Drama, was in der Regel wieder nur drei oder vier Monate dauert. Und diese Männer tauchen regelmäßig auf, meist braucht es nicht mehr als weitere zwei oder drei Monate nach der letzten Trennung. Eigentlich dachte ich der Begriff „Serienmonogamistin“ treffe mein Beziehungsverhalten. Vielleicht bin ich aber doch abhängig…

  2. Hallo Kea,
    du bist eine sehr mutige Frau und ich finde nicht , dass Scham für diesen Artikel angebracht ist., denn es braucht Stärke, um aus der Komfortzone auszubrechen und sich der Angst entgegen zustellen. Also kannst du eher stolz auf dich sein.
    Mein großes Ziel für 2019 ist übrigens auch Selbstständigkeit – in meinem Leben und in der Liebe.
    Liebe Grüße
    Hanna

  3. liebe kea, toller post. naja was soll ich sagen. 32 und single – alle freunde um mich rum heiraten und bekommen babys und ich knabbere immernoch an der letzten beziehung und fühle mich manchmal so schwach und leer.
    das glänzen was man hat wenn man verliebt ist, hat man ja auch nur weil einem jemand einen spiegel vorhält. weil jemand da ist, der einen wiederspiegelt wie man eigentlich doch immer ist. wieso ist es nur alleine so schwer auch so zu strahlen?!

  4. Liebe Kea,

    Soooo stark, dass du diesen Text geschrieben hast!! Es gibt überhaupt keinen Grund, dich zu schämen. Es ist absolut mutig, dass du dieses Thema so offen ansprichst! Du sprichst mir und sicherlich auch vielen anderen Frauen aus der Seele!
    Ich würde nicht sagen, dass ich persönlich an einer Beziehungssucht oder Liebessucht leide, aber bei mir ist es auch so, dass unterschwellig von Seiten meiner Eltern, insbesondere meiner Mutter suggeriert wird, dass mein Wert davon abhängt, einen guten Mann “abzubekommen” und Kinder zu haben. Das meint sie nicht böse, sie will nur das Beste für mich. Und das ist in ihren Augen eben eine Familie zu gründen. Und eben das bekomme ich wohl nicht hin. Ich sehe in ihren Augen immer dieses Mitleid, das sie mit mir hat. “Es ist nicht gut, dass du alleine bist” sagt sie oft zu mir.

    Bitte nach weiter so liebe Kea!! Ich finde auch deinen Podcast bisher wirklich total schön!!

  5. Ein schöner Artikel in dem ich mich absolut wiedererkenne. Vor einigen Wochen habe ich meine Beziehung beendet und 2019 sollte auch für mich das Jahr für mich sein, raus aus der ungesunden Beziehung, hin zu mir und zu Selbständigkeit. Sich auch als Single wertvoll fühlen. Leider bin ich wieder rückfällig geworden. Ich habe es nicht geschafft die Einsamkeits- und Leeregefühle noch länger auszuhalten. Manchmal frag ich mich, ob ich es jemals schaffe. Bisher konnte ich mich erst aus einer Beziehung lösen, wenn die nächste schon in Aussicht war.

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