Call Out Culture auf Instagram

Die Call Out Culture auf Instagram

Kathilena und Kim Hoss – zwei reichweitenstarke Accounts auf Instagram, zwei Beispiele aus jüngster Vergangenheit, in der undurchdachte Äußerungen/Posts Wellen von Protest auslösten. Einmal ging es um rassistische Äußerungen in Form von blackfacing (Link zur Wortbedeutung zu Wikipedia), beim anderen Fall um die Befürwortung sexistischer und veralteter Geschlechterrollen. Inhaltlich teile ich die Kritik in beiden Fällen und habe das auch im öffentlichen Diskurs, wie auch im direkten Kontakt mit den beiden, zum Ausdruck gebracht.

Leider ist die erste Reaktion auf sowohl sachliche, als auch unsachliche Kritik oft Abwehr und Rechtfertigung. Verharmlosung oder der Versuch, zu relativieren, scheint eine Art Reflex zu sein. Auch an mir selbst habe ich das schon beobachtet.

Die Reaktion: „Oh, ich danke dir, dass ich das lernen durfte.“ ist in einer Kultur wie der unsrigen selten. Weil Fehler als Schwäche gelten.

Wut auf uns zu ziehen, sind wir nicht gewohnt, dabei ist diese Wut eben manchmal einfach berechtigt. In der ganzen Diskussion hat mich die Story von Steph von equationsofme am meisten beeindruckt. Sie sagt darin:.

„Man darf vor dem Label „Rassismus“ nicht so viel Angst haben. Wir sind alle rassistisch, sexistisch usw. – wichtig ist, dass man bereit ist, daran zu arbeiten.“

Danke, einfach nur Danke für dieses Statement! Ich selbst habe schon sexistische und transfeindliche Äußerungen auf Instagram getätigt: und das auch noch im Rahmen meiner eigenen #femaleempowermentchallenge! Wie auch im Fall von Kim, wusste ich es in diesem Moment nicht besser – was mich aber eben nicht davor schützt, DASS meine Äußerungen sexistisch und transfeindlich WAREN. Ich wurde glücklicherweise von Followern darauf aufmerksam gemacht – und auch mich erwischte im ersten Moment der Verteidigungsreflex: wie konnte man ausgerechnet MIR, im Rahmen dieser Challenge und bei all meinem Engagement, so etwas vorwerfen? Inzwischen weiß ich: ganz einfach – weil es stimmte. Die Intention einer Aussage verändert ihre Botschaft nicht. Die Worte sind die gleichen. Und diese Worte verletzen.

Es gibt Menschen, die überzeugte RassistInnen sind und die ganz genau wissen, was sie da tun. Und es gibt Menschen, die keine überzeugten RassistInnen sind und die TROTZDEM rassistische Äußerungen tätigen. Unwissenheit schützt vor dem berechtigten Vorwurf der Diskriminierung eben nicht.

Was habe ich in den letzten Jahren alles dazu gelernt, was Sprache betrifft! DU. LIEBE. ZEIT. Tonnenweise. Früher dachte ich selbst „man kann auch übertreiben!“. Heute begegne ich diesen alten Stimmen von mir selbst in privaten Nachrichten, die mich erreichen: „Es gibt doch wichtigere Probleme! Man kann auch jedes Wort auf die Goldwaage legen.“ Natürlich gibt es noch andere Probleme – aber es geht ja nicht um „entweder oder“, sondern um „sowohl als auch.“ Und ich finde, rassistische, sexistische oder transfeindliche Äußerungen gehören genau auf diese Waage, damit sie irgendwann nur noch graue Erinnerung sind und wir in einer Gesellschaft leben, die mit Sprache viel sensibler umgeht, als es jetzt der Fall ist.
Und wenn das als nervig, anstrengend, spitzfindig bezeichnet wird – gut so! Die alte Ordnung soll gestört werden. Würden wir nicht stören, wäre unser Engagement (endlich!) überflüssig.

Wir müssen Rassismus klar und entschieden benennen, bei uns, bei anderen, beabsichtigten und unbeabsichtigten. Wir haben rassistische und sexistische, transfeindliche und misogyne Wertvorstellungen in unserer Kultur mitbekommen und wir müssen sie auch kollektiv wieder verlernen. Dabei wird jede/r von uns Fehler machen. Also ist es sinnvoll, die  Tür angelehnt lassen für alle, die zur Einsicht kommen.
Wir wollen eine andere Gesellschaft, wir fordern mehr Sensibilität: dann müssen wir die Menschen auch lernen lassen. Die, die willens sind, ihren Fehler einzugestehen und klar dazu zu stehen, dass sie transfeindliche, frauenfeindliche und/oder rassistische Äußerungen getätigt haben – und dass das falsch war. Sie können zu engagierten FürsprecherInnen für die Sache werden, wenn wir sie lassen.
Einmal falsch, für alle Zeit verdammt – das kann nicht das Ziel sein.

KleinerDrei Autorin Kati bringt das wunderbar auf den Punkt:

Wenn sich die Call Out Culture zu einer „Oh Du Hast Einen Fehler Gemacht Jetzt Machen Wir Dir Das Leben Zur Hölle“-Culture steigert, stehen Aktivist*innen vor einem Problem: Wer traut sich dann noch, überhaupt zu sprechen?

Ein anderer Punkt, den equationsofme deutlich gemacht hat: Wer auch immer Position im Netz bezieht, wird Reibung erleben. Diese Wärme ist ungewohnt und vielleicht auch stellenweise unangenehm. Mein Wunsch nach einer neuen Dabettenkultur hat deshalb nichts mit Harmoniesucht zu tun. Ich fordere einfach nur meine MitrednerInnen dazu auf, nicht zu vergessen, dass keine von uns als „perfekte Feministin“ zur Welt kam. Reibung wird es immer geben, unterschiedliche Positionen müssen wir aushalten, aber Arroganz ist keine gute Würze für diese Ausgangslage.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der nicht die belohnt und bewundert werden, die vermeintlich alles am besten wissen, sondern die, die sich als ewig Lernende begreifen – denn das sind wir am Ende alle. Und eine online-Welt, in der wir uns bei Kritik nicht alle sofort gegenseitig blockieren, sondern auch Raum und Zeit haben, die Dinge sacken zu lassen und gegebenenfalls zur Einsicht zu kommen. Eine erste abwehrende Reaktion ist nicht das Gelbe vom Ei, aber sie ist menschlich und kommt vor. Bleibt es dabei, dann bleibt es eben auch bei der Kritik. Aber wenn Selbstreflexion der eigenen Privilegien beginnt, darf und muss sie auch zugelassen werden. Dann ist Instagram kein digitaler Pranger – sondern eine echte Chance für Austausch und Veränderung.

3 Comments

  1. Wie gut kann ein Artikel zu dem Thema bitte sein?!? <3 Danke dafür!! Verstehe manchmal einfach nicht, warum in solch einer Debatte so extrem schwarz-weiß gedacht wird…! Kein Raum für Fehler und Grauzonen. Entweder oder! Ganz oder garnicht. Niemand ist perfekt.

  2. Danke dafür!!
    Mir schwirren die ganzen Formulierungen auch eher noch wirr um den Kopf herum als dass sie sich verankert haben, aber mich erschreckt die Härte und Feindseligkeit, mit der anderen in der Diskussion begegnet wurde. ‘Tone policing’ finde ich so schwierig, und ich frage mich wirklich, wie es okay sein kann jemanden aus Emotionen heraus harsch anzugehen, von dem man gleichzeitig erwartet, jedes Wort zu über- und an alles zu denken? Ich weiß manchmal gar nicht mehr, ob man da Erwartungshaltungen überhaupt erfüllen kann. Konstruktiv ist das glaube ich jedenfalls wirklich nicht, mir fehlt da eine wohlwollende Haltung, einander auch richtig zuzuhören, v.a. wenn man eigentlich dasselbe möchte.
    Danke dafür, dass du das geschrieben hast!!

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