Großstadtprosa

Die Mädchen in Mitte – Großstadtprosa

Es sind keine zwei Grad draußen, aber die Mädchen in Mitte tragen Sneakers. Zwischen ihren Skinny Jeans und den weißen Turnschuhen blitzen nackte Knöchel hervor. Ich weiß schon, warum ich diesen Stadtteil eher selten besuche – ich verlasse ihn meistens mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit. Aber heute trägt mich der eisige Wind in einen dieser Läden, in denen alles irgendwie schön ist. Bewusst inszenierte Lässigkeit, unverputzte Wände, kleine Sukkulenten im Hängemakramee, Mäntel in Egg Shape an kupferfarbenen Kleiderstangen. Um mich herum wuseln einander ähnliche Gestalten, Dutt auf dem Kopf, perfekt undone, matte rote Lippen im scheinbar porenlosen Gesicht, ein Rucksack aus veganem Material auf dem schmalen Rücken.
Hier kaufen sie also ihre Uniform. Gedämpfte Musik aus den Lautsprechern, Chelsea Boots in allen Formen, Farben und aus Samt. Skandinavisch unaufgeregter Goldschmuck, Spitzenbustiers in Bordeaux, taubenblaue Blusen, Culottes aus Cord. Und immer wieder Sneaker, denn für die Mädchen aus Mitte ist es modetechnisch nie zu kalt. Sie graben ihre Nasen in tischdeckengroße Halstücher und ihre Finger in die Frühjahrskollektion. Was auch immer sie tragen, es sieht an ihnen schwerelos aus. Sie haben keine ausgebeulten Manteltaschen voller Schlüssel und Taschentücher, keine Flecken auf ihren gradlinig geschnittenen Pullovern und sicher würden sie sich niemals in einer Funktionsjacke gegen den scharfen Berliner Winterwind schützen, so, wie ich es tue. Grobschlächtig und unbeholfen komme ich mir vor zwischen diesen rehähnlichen Geschöpfen mit ihren Langhaarmähnen in Blond, Kupfer und Zimt. Ja, ich bin neidisch auf ihre Makellosigkeit, auf ihre Jugend und ihre rosigen Gesichtchen, die immer aussehen, wie frisch gewaschen. Als kämen sie direkt aus Bullerbü. Sie kaufen Handcreme und Bodyscrub in typografisch ansprechenden Tiegeln und plötzlich will ich auch nach einer Honey Lemon Ginger Face Mask greifen, will mir ein Stück dieses Lebens ins Gesicht schmieren.

Ich beginne, Blusen und Cardigans und Pliseehosen auf meinem Unterarm zu schichten. Einen senffarbenen Grobstrickpullover. Einen camelhaarfarbenen Mantel ohne Knöpfe. Bis ich an einem Spiegel vorbei komme. Da stehe ich, fast 33 Jahre alt und versuche, mir ein besseres Leben anzuziehen. Und mit einem Mal muss ich lachen. Schüttele den Kopf über mich, hänge die Klamotten zurück auf die Kupferrohre und verlasse den Laden. Offenbar habe ich den pubertären Glauben daran, ein hübsches Leben wäre automatisch ein glückliches Leben noch nicht ganz aufgegeben. Kurz hatte er mich am Wickel. Aber dann sind da wohl doch die paar Jahre, die mich von diesen makellosen Mädchen trennen, ein paar Jahre, in denen ich gelernt habe, dass Konsum und Klamotte allein nicht glücklich machen. Ich kann mir fünfzehn Kakteen ins Wohnzimmer stellen, Bett und Sofa behäkeln und nur noch Turnschuhe tragen – innen bleibe ich doch der gleiche Mensch. Und auch die hippe Jugend der Bundeshauptstadt muss nicht mehr oder weniger Antidepressiva schlucken, als der Rest der Gesellschaft. Draußen segeln vereinzelt Schneeflocken vom Himmel, eine grimmige Böe erfasst mich. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke nach oben und schlendere leichten Herzens weiter. Mir reicht ein kragenloser Mantel eben nicht. Ich bin kein Mädchen aus Mitte. Und es ist okay.

7 Comments

  1. Wow! Der Text ist klasse geschrieben!
    Als hätte ich im Laden neben dir gestanden.

    Ich weiß genau, was du meinst und du hast meinen Respekt.
    Leider bin ich bei sowas nicht standhaft genug und lasse mich oft von dem „perfekten“ Leben der anderen runterziehen.

    Liebe Grüße und mach weiter so :)

    Franzi

    1. Liebe Franzi –

      vielen Dank, schön, dass dir der Text so gut gefällt!
      Ich glaube, diese Tagen kennen wir alle, an denen der Sog einfach zu groß ist. Das ist einfach menschlich.
      Vielleicht kann ich mit Texten wie diesem aber ein kleines Gegengewicht in euren Köpfen schaffen, an das ihr euch in diesen Augenblicken erinnern könnt :)

      Liebe Grüße!
      Kea

  2. Großartig deine Worte. Ich liebe die Art wie du schreibst. Und muss so lachen. Ich verstehe das. Passiert nämlich auch mit 37 gerne. Deswegen gehe ich nicht mehr (oder nur sehr ungerne) in solcherlei Läden. Leute zu animieren, sich ein schönes Leben kaufen ist schließlich das Ziel dort. Alles nur Schein. Aber es funktioniert, das Verkaufen.
    Doch am Ende bleibt man doch man selbst und friert in Sneakern oder dünnen Jäckchen ohne Kragen.

    Solidarische Grüße nach Berlin aus dem nicht weniger gestylten München.
    Janine

    1. Liebe Janine –

      vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich sehr, dass du beim Lesen Spaß hattest und dich ein bißchen wiedergefunden hast. Ja, das Glücksversprechen ist es, das uns kaufen lässt, obwohl wir eigentlich schon so viel haben. Vielleicht werden wenigstens die Abstände zwischen diesem”sich hinreißen lassen” mit den Jahren etwas größer :)

      Liebe Grüße nach München!
      Kea

  3. Liebe Kea, wirklich ein toller Text. Hier im Ruhrpott sehe ich sie auch vereinzelt diese Mädels und Jungs. Aber ich glaube hier ist es einfach weniger ausgeprägt und bodenständiger. Oder ich bin einfach zu alt Aber du hast so recht, man bleibt immer man selbst, egal was man trägt, wie weit man verreist etc. das Ich begleitet einen auf Schritt und Tritt. Ist ja auch ganz gut so. Aber man darf ja mal träumen…..
    Liebe Grüße, Dani

    1. Stimmt, Träumen ist erlaubt! Und vielleicht kann diese Sehnsucht ja auch eine Art Wegweiser sein, ein Hinweis darauf, dass wir in unserem Leben mehr Platz machen für Dinge, die uns von Innen erfüllen. Das macht mit Sicherheit weniger anfällig für all die schönen Dinge dieser Welt, die wir meinen, zu brauchen und die uns doch seelisch nicht satt machen.
      Liebe Grüße,
      Kea

  4. Oh Kea, wie so oft hast du mir mal wieder direkt aus dem Herzen geschrieben. Ich sitze nämlich gerade an meinem Text über das dicke B und ich habe ähnliche Gedanken. Was hat mich diese Stadt doch aufgewühlt.

    Liebste Grüße
    Rebecca

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