Berliner Soiree

Ich bin eindeutig die Jüngste im Raum. Um mich herum schimmert silbergraues Haar in sämtlichen Nuancen. Schauplatz: eine Villa im Süden Berlins, mit Türmchen auf dem Dach, watteweichem Hochflorteppich im Treppenhaus und schweren Vorhängen mit Blumenmuster vor den großen Fenstern.
Man gibt ein Hauskonzert, ganz privat, Gershwin und Bach am Flügel im Musiksaal, mit dem der Hausherr seine Gattin zum Hochzeitstag überrascht hat. Eine illustre Schar von Kulturliebhabern hat sich hier versammelt und die Dichte an Wollpullundern und Perlenohrringen ist erwartungsgemäß beeindruckend.
Zwischen Lachshäppchen und Gänsepastete wird vertraulich parliert, über den letzten Theaterbesuch und die schon lange geplante Fontane-Lesung. Man schätzt diesen Kreis, mit dem man das Opernabo und die Anstandsregeln teilt. Trotz meines feinen Zwirns fühle ich mich ein wenig deplatziert und bemühe mich, jene wohlgesittete Höflichkeit auszustrahlen, die wir als Kinder an Weihnachten an den Tag legten, wenn unsere Großeltern zu Besuch waren und meine Mutter meiner Schwester und mir Seidenschleifen um die Zopfgummis band.
In parfumgetränkter Luft lausche ich den Klängen von Debussys „Pour remercier la pluie au matin“.
Es ist eine andere Welt, dieses Berlin, eine kleine, bourgeoise Filterblase, in der die Freuden des Lebens aus gutem Käse, lang gereiftem Wein und kulturellen Ergötzlichkeiten bestehen. In der Worte getauscht werden, die andernorts längst ausgestorben sind und Schnurrbärte eher die Regel, als die Ausnahme sind.
Gershwins Rhapsody in Blue will gar nicht aufhören. Die kraftvollen Rhythmen, die zwei Pianisten dem mächtigen Flügel entlocken, lassen den großen Kristalllüster an der Decke leicht und die Weißweinschorle meiner Sitznachbarin heftig erzittern. Den Mienen der meisten Anwesenden ist dabei nicht zu entnehmen, ob sie die musikalische Darbietung genießen oder sich gerade vor den heimischen Fernseher träumen, mit gelockertem Hosenknopf und Leberwurstschnitte. In der Pause beobachte ich, wie Ehepaare, deren Körpersprache die langen Jahre ihres Zusammenseins verraten, in entgegengesetzter Richtung auseinanderstreben, nach Neuem und Interessantem Ausschau haltend, über das man sich später am Abend vorm Zubettgehen noch unterhalten kann. „Noch nie habe ich den Gershwin so eindrucksvoll gehört!“ Vielleicht ist Klaviermusik der Sex des Alters?
Als ich am nächsten Morgen das Haus verlasse, weht mir ein warmer Frühlingswind entgegen, der erste in diesem Jahr. Am Kurt-Schumacher-Platz steige ich um. Kontrastprogramm zum gestrigen Abend. Der Geruch von Dönerfleisch steigt mir in die Nase, grell blinkende Werbung vom China-Imbiss macht ihm Konkurrenz. Letzte Nachtschwärmer dösen auf dem Wartebänkchen und dünsten die Reste von Alkohol und Tanzschweiss aus. Ein Mann in Jogginghosen neben mir füllt zwei Lottoscheine aus. Zwei halten besser als einer. Wir lächeln uns zu. Weil wir beide wissen, wie unwahrscheinlich ein Jackpot ist und weil wir trotzdem daran glauben wollen. Die alte Villa ist plötzlich sehr weit weg, Kaugummis auf dem Kopfsteinpflaster holen mich in die Realität zurück.
Ich steige in die 125 und lasse mich nach Hause tragen. Reinickendorfs uncharmante Fassaden ziehen an mir vorbei und ich frage mich, ob es sich besser lebt, wenn man vom Glück noch träumt oder wenn man meint, es bereits zu besitzen?

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