Gott und Glauben Blog

Eine nicht abschließende Betrachtung von „Gott“ 

Ich setze „Gott“ in Anführungszeichen, weil dieses Wort sehr aufgeladen ist. Ersetze es beim Lesen gerne durch ein anderes Wort, falls dich der Begriff „Gott“ hemmt. 

„Gott“ ist nicht so en vogue dieser Tage. Vor allem nicht in der Bubble, in der ich mich bewege. Unter meinen Freund*innen und Bekannten befinden sich viele überzeugte Atheist*innen. „Gott“, diesen Begriff und dieses Thema habe ich auf Insta oder meinem Blog bisher kaum in den Mund genommen – zu groß die Angst, mich damit als nicht intellektuell oder rational genug zu “entlarven”.

Wenn ich gesellschaftskritisch und feministisch engagiert bin, kann ich dann gleichzeitig an „Gott“ glauben, ganz egal, welches Personalpronomen ich verwende? Ist dieses Konzept nicht viel zu antiquiert und bin ich in meinem Glauben nicht viel zu stark geprägt durch eine Gesellschaft, deren Werte auf einer patriarchal geprägten Religion fußen?

Möglich. Aber die Fragen rund um „Gott“ und den Menschen haben für mich eben doch so viel Gewicht, dass ich dieses Risiko in Kauf nehme. Von mir aus bin ich ab heute die Spiri-Feministin, die man nicht mehr ernst nehmen kann. Das ist okay ;).

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

„Spiritualität“, dieses Wort ist weniger schambehaftet, als „Gott“. Spiritualität genießt einen Aufschwung, ist „modern“, gern auch in Form von Bestellungen beim Universum, das passt sehr schön zu unserer kapitalistischen Grundethik. Wir wollen etwas, wir bestellen etwas und es wird zeitnah nach Hause geliefert.

 Wenn wir alles selbst ordern, sind wir aber immer noch dabei, zu versuchen, Kontrolle auszuüben. Solange es läuft, wie wir es wollen, wunderbar. Aber was, wenn nicht? Haben wir uns dann nicht genug angestrengt? Die New Age Bewegung legt das nahe. Um uns alle kurz zu beruhigen, leihe ich mir hier mal eben die fünf Weisheiten aus dem Buddhismus, formuliert von von Thich Nhat Hanh: 

Es ist der natürliche Verlauf, daß ich alt werde.
Es gibt keinen Weg, dem Altern zu entgehen.
Es ist der natürliche Verlauf, daß ich Krankheiten bekommen werde.
Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entgehen.
Es ist der natürliche Verlauf, daß ich sterben werde.
Es gibt keinen Weg, dem Tod zu entgehen.
Es ist der natürliche Verlauf, daß alles woran ich hänge,
und alle, die mir lieb sind, sich verändern.
Es gibt keinen Weg, dem Getrenntwerden von ihnen zu entgehen.
Meine Taten sind mein einzig wirkliches Erbe. 
Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen.

Meine Taten sind der Boden, auf dem ich stehe.

Wie es aussieht, gibt es keinen wirksamen Schutz vor Krankheit, Alter, Tod oder Schicksalsschlägen und das Leben funktioniert nicht wie die Karte vom Lieferservice. In unser aller Leben geschehen Dinge, die wir uns so sicher nicht gewünscht haben und sie passieren trotzdem. Aber beginnen Vertrauen und Hingabe nicht genau dort, wo wir, manchmal nur vorerst, manchmal vielleicht auch nie, den Sinn nicht sehen?

Nach Halt zu suchen und sich nach Trost zu sehnen, scheint Teil unserer menschlichen Ausstattung zu sein – sozusagen im Lieferumgang enthalten. Die Antworten auf diese Suche sind so verschieden, wie es die Menschen sind. Aber wohl fast jede*r hat sich die Frage, ob es “Gott” gibt oder nicht, wohl schon mindestens einmal gestellt und hat irgendeine, vielleicht auch veränderliche, Haltung zu ihr.

Wie hältst du’s mit dem Glauben, Kea? Meine eigene Geschichte

Ich und mein Glaube, wir haben eine stürmische Fahrt hinter uns. Phasen, in denen ich tief und erfüllend glaubte, wechselten sich ab mit Phasen, in denen ich ungeheuer zweifelte und mich fragte, ob ich mit dem Nichts sprach, wenn ich betete. Mal dachte ich an ein Leben im Kloster, mal fragte ich mich, ob “Gott” nur ein ziemlich wirksames Placebo war.

Dabei war ich eigentlich immer schon spirituell, auch als Kind. Ich spürte da etwas um mich herum, das ich gar nicht in Frage stellte. Ich bin in keinem stark religiös geprägten Elternhaus aufgewachsen, ich wurde nicht getauft, in meiner Familie wurde nicht gemeinsam gebetet, in die Kirche ging es nur an Weihnachten. Den Religionsunterricht in der Schule mochte ich, weil ich das Gefühl hatte, dass wir dort Fragen beantworteten, die ich schon früh ans Leben hatte. Trotzdem war das, was für mich “Gott” war etwas, das sich eher intuitiv entwickelte und weniger mit der Bibel oder irgendeiner anderen Religion zu tun hatte. Es war ein Bauchgefühl, das eng mit der Natur verknüpft war. „Ich fühl da was“ ist bis heute mein Ausdruck dafür, dass meine hochsensiblen Antennen in der Natur besonders ausschlagen – bei gewissen Stimmungen, bestimmten Orten, besonderem Licht. Ich fühle mich in der Natur getragen und verbunden. Dabei muss ich nicht direkt mitten im Wald stehen. Mich kann auch ein Wind trösten oder die Art, wie die Sonne durch die Äste eines Baumes neben der Bushaltestelle fällt. Als wir in der Schule im Unterricht den Pantheismus behandelten, dachte ich deshalb ganz kurz und schmerzlos: ja, passt, Haken dran. Hier hätte alles einen schönen Schlusspunkt finden können – aber es kam ganz anders.

Suche nach Gleichgesinnten: mein Kontakt mit der Kirche

In einer ziemlich heftigen Lebenskrise rund um meinen 18. Geburtstag, in der meine Panikattacken meinen Alltag fast vollständig zum Erliegen brachten, bekam das Thema wie von selbst noch einmal mehr Konturen. „Gott“, das war das, an das ich mich klammerte, wenn sonst nichts mehr da war, es war das, was ich neben mir wusste, wenn ich heulend in der U-Bahn saß und dachte, ich müsse jeden Moment sterben. Ich betete mich durch den Frankfurter Nahverkehr. 

Irgendwann bekam ich eine Auslegung der Bergpredigt in die Hände und fand darin sehr viel Trost. Wer auch immer Jesus war – viele der Worte, die ihm zugeschrieben werden, klangen für mein Herz und meine Ohren wunderbar. Auch seine absolute Hingabe und das Vertrauen in “Gott” berührten (und berühren mich auch heute noch) sehr. Dass es eine Macht gab, an die ich mich wenden konnte, wenn ich nicht weiter wusste und die Erfahrung, dass mir dieser Glaube die Kraft gab, mein Leben wieder neu in die Hand zu nehmen, mündete in meiner Taufe mit 23. Ich fühlte ein starkes Band zu „Gott“, das ich “offiziell” besiegeln wollte. Dabei war die evangelische Kirche, an deren Ufer ich gespült wurde, nicht die einzige Option. Religionen an sich waren mir oft zu dogmatisch. Mir ging es eher darum, mein Erleben mit Menschen teilen zu können, die verstanden, wovon ich sprach und ich fand dieses offene Ohr bei einer Pfarrerin in einer Wiesbadener Kirche. An einer Erwachsenentaufe wirklich schön ist, dass sich der Täufling seinen Taufspruch selbst aussuchen kann. Ich entschied mich für eine Bibelstelle, die ausdrückte, was ich erfahren hatte: dass sich meine Welt auflösen konnte, das im Würgegriff der Angst alle meine Pläne zunichte gemacht worden waren und ein normales Leben manchmal schlicht nicht möglich schien – aber das es etwas gab, das wirklich Halt gab, weil es unerschütterlich war:

“Denn es wollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen.”

Das Praktikum während meines Grafikstudiums machte ich bei chrismon, dem Magazin der evangelischen Kirche, das u.a. der Zeit, SZ, FAZ und der Welt beiliegt. Die Redaktionsleitung hatte eine Praktikumsstelle in unserem Vorlesungsverzeichnis ausgeschrieben – darin hieß es, dass sich das Magazin mit den Fragen: „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“beschäftige. Ich bekam den Platz. Nicht, weil ich zu diesem Zeitpunkt grafisch besonders versiert gewesen wäre. Sondern weil ich die einzige Bewerberin war. Niemanden sonst schienen diese Themen zu interessieren. Es war nicht “cool” genug. Die meisten meiner Kommiliton*innen wollten zu den großen Werbeagenturen und irgendwann in einem dicken Auto zum Award des Art Directors Club fahren.

Kirchenaustritt und Zeiten des Zweifels

Wenngleich sich an meiner, nennen wir sie mal “naturspirituellen” Intuition nichts änderte, so kamen mir in den Jahren nach meiner Taufe immer mehr Zweifel an der Kirche. Ich fand in den Gottesdiensten nicht das, was ich suchte. Vieles erschien mir eher das Gegenteil von “Spirit” zu sein, sondern nur Ritus, Gewohnheit, Pflicht. So tröstlich Rituale sein können, ich fühlte mich in den meisten Gemeinden fremd, weil von der Freude und Liebe, die ich für “Gott” empfand, wenig zu spüren war. 

Für mich wurde der Kern meines Glaubens etwas, das eigentlich keinen Mantel der Religion benötigte. In meinen späten Zwanzigern wendete ich mich mehr und mehr einem spirituellen Konzept zu, das sich auf eine gute, universelle Energie bezog. “Gott” als dieser “konkrete” Anker wich einem breiteren, weicheren Begriff.  Ich trat aus der Kirche aus, tauschte das Kreuz an meiner Halskette gegen einen Lebensbaum und widmete mich dieser neuen Ebene in Form von Mediationen, Visualisierungsübungen und Affirmationen.

Spür mal, was da kribbelt

Während einer geleiteten Meditation hatte ich eines Tages ein ganz besonderes Erlebnis. Wenn ich das jetzt hier beschreibe, habe ich zwar endgültig den Stempel der Esoterik-Tante auf der Stirn, aber was solls – es ist passiert, wie es passiert ist und wirkt bis heute nach. Während einer Selbsthypnose wurden die Zuhörer*innen aufgefordert, sich vorzustellen, wie die göttliche Energie durch den eigenen Körper fließt. Ich lag auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer, atmete friedlich ein und aus und fühlte plötzlich ein enorm starkes Kribbeln an der Außenseite meiner Unterschenkel. So ein bißchen, wie Gänsehaut und Verliebtsein auf einmal – nur eben auf der Haut und nur an dieser einen, etwas seltsamen Körperstelle. Nicht das Herz, nicht der Bauch, nein meine Schienenbeine sollten es sein. Das Universum bewies Humor! Ich fand diese Erfahrung schön und berührend, maß ihr aber auch nicht allzu viel Bedeutung bei. Erst in den kommenden Wochen und Monaten stellte ich fest, dass dieses Gefühl blieb – es überfällt mich bis heute in unregelmäßigen Abständen und zwar dann, wenn ich einen besonderen Satz lese oder einen  Gedanken habe, der mich “Gott” näher bringt, oder ich eben eine meiner “Naturstimmungen” spüre. Ich fühle in diesen Momenten starke Verbundenheit und Geborgenheit und nutze dieses Gefühl wie einen Kompass, der mir zeigt, welche Richtung gut für mich ist.

“Gott” oder das Universum?

So schön dieses Erlebnis war – gleichzeitig vermisste ich etwas. Da war eine Leerstelle in meinem Inneren entstanden, ein unausgefüllter Platz, den ich mit der Vorstellung des Universums und der “manifestiere, was du in deinem Leben haben möchtest”-Welle, die durch meine Social Media Kanäle schwappte, irgendwie nicht ausfüllen konnte. Mir fehlte das Gebet. Und mir fehlte auch das konkrete Gegenüber, meine Vorstellung von “Gott”. Ich vermisste nicht die Religion, aber ich sehnte mich danach, auch laut über “Gott” sprechen zu können. Im Frühjahr 2017, nach der Trennung von meinem Mann, las ich “Eat Pray Love” von Elizabeth Gilbert. Leergeweint und zukunftslos saß ich in meinem neuen Berliner Zuhause in der Sonne und hatte das Gefühl, dass Elizabeth dieses Buch für alle Frauen geschrieben hatte, die das Zebrechen einer Ehe erlebt hatten, auch für mich. Auf Seite 259 der Taschenbuchausgabe fand sich folgende Passage, die mir durch Mark und Bein ging:

“Mir geht es allein um Gott. Ihn will ich – ihn in mir. Ich will, dass er in meiner Blutbahn pulsiert, wie ein Sonnenstrahl auf dem Wasser tanzt.”

Ich war SCHOCKIERT. Das schrieb sie einfach so. So schamfrei. Ich war wie vom Donner gerührt. Und in mir schrie alles: das will ich auch! 

Ich begann, Instagrammer*innen zu folgen, die ganz offen über ihre Liebe zu “Gott” sprachen und beneidete sie heimlich und glühend. Gleichzeitig waren die Kreise, in denen ich mich analog und digital bewegte, so kritisch und atheistisch, dass ich das Wort mit G nicht einmal in den Mund nehmen wollte. Ab diesem Zeitpunkt flackerte “Gott” in meinem Leben wie ein Lichtschalter mit Wackelkontakt. Ich spürte “ihn/sie”, aber mein Ego fürchtete sich. Der Zweifel nagte an mir. Ich wollte eine Antwort finden. Meine Seele dürstete danach.

Kurios dabei war: wenn es mir gut ging, zweifelte ich nicht an „Gott“ – aber nicht in dem Sinn, dass ich nicht zweifelte, weil ich sie oder ihn eh nicht „brauchte“. Sondern weil es mir in meiner Dankbarkeit ein ganz natürliches Bedürfnis war, diese Dankbarkeit „irgendwohin“ zu schicken. Ich war überzeugt, dass es einen Adressaten gab, mein Dankbarkeitsgebet ankam. Mein Geist verlangte keinen Rückschein. Wanderte ich aber in den Talsohlen des Lebens, dann zweifelte ich, ob da jemand war, der mich hörte.

Nur wer die richtige Frage stellt, bekommt eine passende Antwort

Der Vorstellung einer “höheren Macht”, wie auch immer wir sie verstehen, mit der wir in Dialog gehen und der wir uns anvertrauen können, wenn wir nicht mehr weiterwissen, begegnete ich in diesem Jahr erneut – im Kontext des Themas Liebes-, und Beziehungssucht. 

Als ich begann, mich mit den 12 Schritte-Programmen zu beschäftigen, einem Selbsthilfeprogramm für Süchtige “aller Arten”, sprang mir der Gottesbegriff mit einer Botschaft entgegen, die mich aus den Socken fegte: Im Zusammenhang mit der Überwindung von Sucht, so hieß es, sei „eine höhere Macht“  keine Option – sondern eine Notwendigkeit. Bähm. Das saß. Das Programm sagte nichts dazu, wie diese “höhere Macht” aussehen sollte. Es besagte nur, dass der süchtige Mensch sie brauchte.

Konnte das endlich das Ende meiner Zweifel sein? Konnte ich einfach die Frage tauschen? Ging es gar nicht darum, ob es „Gott“ gab oder nicht? Sondern nur darum, dass etwas Göttliches notwendig war, um mit manchem, was uns im Leben begegnete, fertig zu werden? 

Wo “Gott” und ich gerade stehen

In meiner aktuellen körperlich und seelisch schwierigen Phase telefonierte ich mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin Judit und wir kamen dabei auf das Thema Hoffnung und Glauben in Krisensituationen zu sprechen. Wir beide hatten das Gefühl, dass da “etwas” ist, an das wir das abgeben konnten, was für uns selbst zu schwer war.

Judit sagte dabei etwas sehr Schönes: “Gott ist vielleicht einfach nur eine Frage der Wahrnehmung in uns.” Ich mag diesen Gedanken.  “Gott” könnte eine Kraft in uns sein, die wir anzapfen können oder auch nicht. Etwas, das wirkt und das groß ist, das Halt geben kann. Vielleicht ist „Gott“ ein Synonym für Hoffnung, vielleicht ist  “Gott” die Fähigkeit des Menschen, zu hoffen.

Ich recherchierte ein wenig in dieser Richtung und stieß auf eine Rede der Betterbloggerin Antje Schrupp über das Thema Christentum und Feminismus. Darin schreibt sie: 

Es geht dabei nicht darum, ob es dieses Tiefere, Höhere, Andere (das man Gott nennen kann oder auch nicht) gibt, sondern darum, ob es ersehnt wird. […] Es ist ein Gespräch mit Gott, das Eingeständnis, dass ich das Andere brauche, mein Wunsch danach, und es ist diese Haltung, um die es geht. Ob für diese Erfahrung, für diese Haltung, das Wort „Gott“ benutzt wird, ist unwichtig. […] Nicht Gott ist es, die zu uns spricht, sondern wir, indem wir Gott (oder wie immer man dieses Andere nennen wollen) begehren, rufen Gott in die Existenz. Es ist daher überflüssig, Gottesbeweise zu führen – oder Gotteswiderlegungen – womit sich die männliche Theologie so ausführlich beschäftigt hat.

“Gott”als etwas, das aus unserem Wunsch nach ihr/ihm entsteht. Ich ziehe aus diesem Gedanken viel Kraft und kann mich jetzt eine ganze Welle friedlicher in meinen Glauben lehnen. Ich kann meine eigenen Mix aus christlichen Werten, buddhistischen Weisheiten und pantheistischen Elementen leben und ich kann das Wort “Gott” verwenden. Auch in meinem Instafeed haben meine naturspirituellen Bilder Einzug gehalten, sie sind einfach ganz natürlich aus meinen #gutenmorgenseele-Spaziergängen gewachsen. Meine Gefühle und Eindrücke in diese Bilder zu legen, erfüllt meine Seele tief.

Ohne Gebet geht es an manchen Engstellen in meinem Leben nicht – und in den Höhen liegt es mir sowieso ganz von allein auf der Zunge. Wie befreiend, auch diesen Teil von mir jetzt offen leben zu können. Schon oft wollte ich diesen Schritt gehen, aber mir fehlte der Mut. Erst meine aktuelle Krise gab mir diese Freiheit.


Ich glaube, ich war selten so gespannt auf euer Feedback, wie bei diesem Blogbeitrag. Wie geht es euch mit dem Thema Glauben? Mit dem Begriff “Gott”? Und – falls es doch ein paar Gleichgesinnte in meiner Bubble gibt – habt ihr eventuell Interesse an einer digitalen Gruppe von Menschen, die das Wort mit G gerne sagen und sich darüber austauschen möchten?

 

 

6 Comments

  1. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort mit G. In meiner Kindheit war ich Mitglied in einer christlichen Musicalgruppe, aus der ich mit aufkommenden Zweifeln und Fragen, die mir niemand beantworten konnte, austrat. Das war damals schmerzhaft für mich, aber ich wollte mir nichts vormachen, nur damit es mir besser ging.
    Lange war meine Haltung: ich kann nicht sagen, dass es Gott nicht gibt, aber ich halte es für wahrscheinlich. Unterstützt auch dadurch, dass ich nach einem Unfall wiederbelebt wurde und kein Nahtoderlebnis erlebt habe, sondern einfach “Nichts”. Wobei das “Nichts” auch nicht schlimm war.
    Mit Spiritualität kam ich dann erst später wieder in Berührung. Irgendwas hat sich wohl in mir verändert, z.B. sprachen mich Lieder stark an, die sich inhaltlich mit Spiritualität, mit Gott, beschäftigen, ohne dass ich wusste, worum es in den Texten geht. Das irritierte mich ein bisschen, hatte ich doch mit Gott nichts am Hut.
    Und dann hatte ich das Gefühl, als gäbe es etwas, das manchmal eingreift, um z.B. meinen Kurs zu korrigieren. Hm. Eine Kraft oder so.
    Fernöstliche Philosophien empfinde ich als sehr bereichernd, und den geistigen Horizont erweiternd. Wiedergeburt kommt mir mittlerweile gar nicht mehr so abwegig vor ;)
    Und mittlerweile glaube ich wohl an so etwas wie Schicksal, also an eine bestimmte Lebensaufgabe. An eben die beschriebene Macht, an die ich mich mittlerweile sogar schüchtern direkt gewandt habe. Ich nenne es für mich “Leben”. Denn, um wieder am Ausgangspunkt anzuknüpfen, mit dem Wort “Gott” hab ich’s nicht so. Das verbinde ich zu stark mit dem katholisch geprägten kindlichen Religionsdings. Dem Bild des Vaters, einer Person. Danach fühlt es sich für mich auch nicht an.
    Was ich immer ganz toll finde, ist, wenn spirituelle, eigentlich unmögliche, wunder-volle Dinge wissenschaftlich bestätigt werden! Da freut sich mein Herz, denn nach wie vor will ich mich nicht selbst betrügen. Die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, anstatt dessen.

    1. Liebe Alice –
      ich kann dich gut verstehen. Worte sind eben manchmal ungenügend, zu aufgeladen oder treffen eine Empfindung einfach nicht richtig. Eine “Kraft”, das würde ich auch unterschreiben, für mich durchaus eben eine “göttliche” Kraft, wobei göttlich einfach sagen will, nicht menschengemacht und, wie du so schön geschrieben hast, wunder-voll.
      Und ich glaube, dass auch das Zweifeln zum Glauben gehört, Glauben, an was auch immer – aber eben an etwas, das man vielleicht nicht sehen, anfassen und beweisen kann, denn dann würde sich das Glauben ja in Wissen umwandeln. Ich finde es sehr bereichernd und schön, eure Erfahrungen zu lesen und zu merken, dass ich mit diesem Hadern, in-Frage-Stellen, Wieder-Annähern nicht alleine bin.
      Liebe Grüße zu dir!
      Kea

  2. Liebe Kea,
    ich habe deine Gedanken zu Gott wirklich gern und mit viel Interesse gelesen. Obwohl oder vielleicht gerade weil ich eigentlich aus der anderen “rationaleren” atheistischen Sichtweise komme. Und ich schreibe mit Absicht eigentlich.
    Ich war in den vergangenen zwei Jahren auch auf der Suche. Auf der Suche nach einer größeren Macht, die mir Halt geben und an die ich mich wenden konnte. Ich habe dafür viele Bücher gelesen (unter anderem auch Eat Pray Love), aber dieses Gefühl des Ankommens hat sich bei mir nicht einstellen wollen. Mein Verstand konnte und wollte nicht annehmen, dass es dort draußen eine größere Macht gibt. Dieser Ansicht bin ich heute noch immer. Ich glaube nicht an Gott, nicht an das Schicksal, an Karma oder eine größere Macht. So verlockend ich diesen Gedanken manchmal auch finden mag. Mit der Bezeichnung Gott habe ich außerdem wirklich Probleme. Ich verbinde damit Monotheismus, Ausgrenzung, Diskriminierung und verdammt viel Negativität. Denn so sehr Religionen nach Innen einigen, so sehr können sie eben auch nach Außen trennen. Vielleicht mag das aber auch daran liegen, dass ich fernab von einer “positiven Seite” in der Wahrnehmung von Gott aufgewachsen bin.
    Aber warum schreibe ich dann “eigentlich”? Während des Lesens deines Textes habe ich festgestellt, dass wir in dieser Hinsicht vielleicht doch nicht so verschieden sind, wie ich anfangs dachte. Diese Verbindung zur Natur, die du beschreibst, fühle ich nämlich auch. Deine Bilder drücken diese Verbindung wunderbar aus. Aber ich führe diese eher darauf zurück, dass die Natur der eigentliche Lebensraum des Menschen ist. Nach zwei Jahren des Suchens bin ich außerdem zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass es mir nicht hilft, nach einem Halt im Außen zu suchen. Halt und Stärke finde ich eben nur in mir. Das gelingt mir mit der Zeit immer öfter. Und dann sind wir beide uns in dem Gedanken “Gott ist vielleicht einfach nur eine Frage der Wahrnehmung in uns” ja doch recht einig. Nur dass ich es eben nicht als Gott bezeichnen und wahrnehmen würde. Sondern vielleicht eher als ein Vertrauen in die eigene Stärke und Erfahrung.
    So oder so finde ich, dass sich niemand für seinen religiösen oder spirituellen Glauben schämen sollte. Und dein Text hilft anderen Menschen hoffentlich dabei.
    Liebste Grüße!

    1. Liebe Cora,
      vielen Dank für deinen vielschichtigen, aufrichtigen Kommentar, den ich gerne gelesen habe. Ich verstehe deine Vorbehalte gut – was im Namen von Religion auf dieser Welt passiert ist, ist schlimm. Ich persönlich kann das Gott-Wort davon abkoppeln, verstehe aber auch, wenn anderen das nicht möglich ist.
      Schön aber, dass wir beide, obwohl wir eben in Teilen so verschiedene Standpunkte oder Empfindungen haben, auch Schnittmengen finden und die Verbindung zur Natur und eine innere Kraft, wodurch auch immer sie gespeist wird, für uns gefunden haben. Es freut mich sehr, dass meine Bilder das für dich auch ausdrücken können!
      Dein letzter Satz macht mich nachdenklich – denn ja, es stimmt, auch ich schäme mich immer noch ein bißchen für diesen Artikel und bin doch gleichzeitig so froh, dass er da ist. Scham für die eigene Spiritualität in unserer doch sehr rationalen Welt ist zwar verständlich, aber eigentlich eine unnötig bremsende Hürde. Schön, dass wir hier ein bißchen in den Dialog darüber kommen können.
      Liebe Grüße,
      Kea

  3. Hallo liebe Kea,

    ich habe deine Seite schon oft besucht, weil ich deine Texte sehr tiefgründig und inspirierend finde. Es ist wie Wellness für die Seele hier herumzustöbern und Gedanken von dir zu lesen. Bisher habe ich jedoch nie einen Kommentar hinterlassen, weil ich das Gefühl hatte, nichts von Wert beitragen zu können. Da du aber explizit geschrieben hast, wie gespannt du auf Kommentare zu dem Artikel bist, schreibe ich nun doch, auch wenn es inhaltlich wohlmöglich nicht so viel liefert, wie die vorherigen Kommentare. Jedenfalls bin ich dir sehr dankbar für diesen mutigen Text, in dem du viel deines Innenlebens und deiner Ansichten preisgibst. Wer sich öffnet, macht sich immer auch angreifbar. Dennoch denke ich, dass es wichtig ist offen zu sein, zu sich und anderen, weil man sich nur so wahrhaftig begegnen und leben kann. Alles andere ist nur Show. Und am Ende möchte ich lieber auf ein Leben zurück blicken, in dem ich auch Mal verletzt worden bin als auf eine leere Lebenshülle, die mir nie entsprochen hat. Ich selber bin jetzt 30 und habe mich bisher wenig mit dem Thema Gott und Glauben beschäftigt, zumindest bewusst. Obwohl ich ähnlich wie du immer das Bedürfnis habe jemandem dafür zu danken, was ich habe, wenn es mir gut geht. Aktuell geht es mir nicht schlecht. Aber es belastet mich immer mehr, dass ich so viel grübele. Ich bin ein ziemlicher Kopfmensch und möchte ein wenig davon weg kommen. Um also etwas mehr Leichtigkeit in mein Leben zu bringen, habe ich mich nun auch auf den spirituellen Weg gemacht. Noch bin ich ganz am Anfang, weswegen ich dir wenig dazu sagen kann, wie ich über Gott denke oder was Glauben für mich bedeutet. Ich melde mich aber gern wieder, wenn ich meine ersten Kilometer hinter mir habe.
    Ich wünsche dir, dass 2019 ein gutes Jahr wird! :)

  4. Liebe Kea,

    auch ich habe mir zum Thema “Gott” noch keine “abschliessende” Meinung gebildet, schliesse mich aber Deinen Worten an.
    Und – ganz egal, ob undoder wie sehr, wann oder wie wir glauben undoder eher hoffen – oder beides oder auch nichts von beidem – ein Satz, der mich vor einiger Zeit tief berührt und sich zutiefst “wahrhaftig” angefühlt hat und dies weiterhin tut, sowie in meinen Augen spiritueller ist als alles, was ich bisher gelesen, gehört habe, ist folgender:

    “Was, wenn Gottes Hände an DEINEN Armen sind?”

    moe

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