Frauen Stuhlgang

Frauen kacken Zuckerwatte?

Als ich am gestrigen Tag das Vergnügen hatte, mit Rena, Yasmine und Eva nach einer Demo in einem Café unweit des Pariser Platzes zusammenzusitzen, enterte ein Thema unsere Kaffeerunde, das vermutlich eher selten Gegenstand der allgemeinen Diskussion unter Frauen ist. Dem Kellner, der am Nachbartisch Zuckerdosen nachfüllte, quollen jedenfalls die Augäpfel aus ihren Höhlen. Denn wir sprachen über: Frauen und Stuhlgang.

Das Gerücht, Frauen würden auf den Toiletten der Welt nur Zuckerwatte hinterlassen, hält sich hartnäckig und auch Giulia Enders hat daran wenig ändern können. Macht man sich bewusst, dass der menschliche Darm, ganz unabhängig vom Geschlecht seiner BesitzerInnen, aus ungefähr 5 bis 7 Metern Muskelschlauch besteht, in denen 10 bis 100 Billionen Bakterien täglich ihren Dienst tun, gibt es keinen logischen Grund dafür, warum Frauen, im Gegensatz zu Männern, im Bad immer nur eine flüsterleise Botschaft und den Duft von Bergfrühling hinterlassen sollten. Selbstverständlich entfährt auch dem weiblichen Darm regelmäßg ein deftiges Crescendo. Aber: nicht selten tun Frauen viel dafür, diesen Umstand zu verschleiern.

Aufgedrehte Wasserhähne, laufende Radios, das umständliche Auslegen der Toilettenschüsssel mit Klopapier (um „Plumps“-Geräusche zu vermeiden), der ins Balkon-Exil geschickte Freund – die Liste der Verschleierungstaktiken ist lang. Wer hat hier nicht Carrie Bradshaw vor Augen, die ihr „erstes großes Geschäft“ in der Wohnung ihres on- and off-Lovers Big mit ihren Freundinnen als wichtigen Meilenstein in der Beziehungsgeschichte feiert? Ich zweifele stark daran, dass irgendeine Männerrunde das je als Zeichen wachsender Intimität in ihrer Partnerschaft interpretiert hat.  

Überhaupt – die Erfahrung, dass Männer einen wesentlich zwangloseren Umgang mit ihren Hinterlassenschaften haben, teilten wir am Kaffeetisch alle. Ich erinnere mich lebhaft eines Ex-Freundes in Studienzeiten, der, während meine Mitbewohnerin und ich in unserer 35-Quadratmeter-WG in der angrenzenden Kochnische Gemüse vierteilten, auf der Toilette gewitterartige Detonationen von sich gab, die unseren PVC-Boden leicht erzittern ließen – pfeifend. Als er sein Werk vollendet hatte, kam er aus der Tür mit einem echten Siegerlächeln. Dieselbe Situation mit verteilten Geschlechterrollen ist schwer vorstellbar. Auch dieser unsägliche Werbe-Clip, in dem zwei Lovebirds zum finalen Sprung in die Federn ansetzen und sich die Frau mit den Worten „Ich bin gleich wieder da, ich gehe nur kurz kacken“ für einen Augenblick verabschiedet, funktioniert nur deshalb, weil solche Worte aus den Mündern von Frauen immer noch grotesk wirken. Überflüssig, zu sagen, dass die BILD-Zeitung diese Werbung verbrochen hat. Männer “dürfen” rülpsen, furzen, haarig sein, sie schwitzen, stinken und spritzen – und niemand nimmt es ihnen wirklich übel. Frauen hingegen? Niedlich, süß und sauber sollen sie sein, glattrasiert und gepudert, wohlriechend und adrett, lächelnd und Bloß. Nicht. Anstrengend.

Auf der Toilette kommt die ganze Wucht der Misogynie ans Licht.

Dabei tun wir es alle – ich zitiere an dieser Stelle verschiedene Synonym-Lexika: kacken, einen abseilen, scheißen, defäkieren, abprotzen, koten, ein Geschäft verrichten, eine Sitzung halten, den Darm entleeren, einen Haufen machen, ein Ei legen, würsteln, einen Bob in die Bahn werfen, die Schokoladenfabrik anschalten, Druck ablassen, die schwarze Mamba zähmen, pöttern, römern, eine tote Robbe gebären, ein Snickers aus dem Rücken drücken, die längste Praline der Welt verschenken. Und es riecht nicht immer nach gebrannten Mandeln. That’s Life!

Wer sich dafür interessiert, ob das, was da rausflutscht eigentlich so ist, wie es sein soll: die Bristol-Skala, hier auf Wikipedia, gibt Aufschluss über den Zustand unserer hauseigenen Produktion.

Es gibt genau nullkommanull Gründe dafür, warum Frauen sich weniger Gedanken um ihren Stuhlgang machen sollten, als Männer. Trotzdem habe ich es noch nie erlebt, dass eine Frau beim gemeinsamen Feierabendbier eine Lobeshymne auf ihre letzte Ausscheidung singt – wie es in manchen Männerrunden durchaus üblich ist. Ich kenne Frauen, die auf weekend-Liebestrips mit ihren Freunden ganze vier Tage nicht auf Toilette gehen – oder sich heimlich auf das Klo der Hotel-Lobby stehlen. Schmerzen, liebe Leute, wir reden hier von Schmerzen! Alles nur, um Scham zu vermeiden. Aber was rede ich? Meine Wenigkeit erinnert sich an einige unrühmliche Tage in meinen Zwanzigern, an denen ich mich regelmäßig morgens noch vor Sieben in einer McDonalds-Filiale wiederfand. Eine Uhrzeit, zu der sonst nur Bedienstete der Stadtreinigung ihren Morgen-Burger dort vertilgten. Hintergrund war nicht etwa ein dringendes Verlangen nach Frittiertem, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich in der Wohnung meiner Bettbekanntschaft, die nicht weit weg vom Fast-Food-Tempel lag, unmöglich auf der Toilette entspannen konnte, solange der Mann, mit dem ich letzte Nacht Liebe gemacht hatte, nur einen Meter Luftlinie von mir entfernt selig schlummerte. Traurig, aber wahr! Denn auf diese Weise ändert sich natürlich nichts an diesem zweifachen Maß, mit dem Geruch und Geräusch menschlicher Ausscheidung bei Männern und Frauen gemessen wird. Und dass eine Frau, die kacken muss, wie jeder andere Mensch auf der Welt auch, per se irgendwie als unappetitlich gilt – come on, das kann doch wirklich nicht sein!

Die liebe Jennifer von sheflows macht vor, dass es auch anders geht: Ihre Erzählung vom Camper-Urlaub mit ihrer Freundin ist herrlich erfrischend und macht Lust darauf, dieses Thema endlich von der leidigen Scham zu befreien, die es umgibt.

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Denn der Umgang mit Stuhlgang ist eben auch anerzogen. So, wie es teilweise auch in China noch üblich ist, gab es auch hierzulande früher Gemeinschaftstoiletten, auf denen man sich gegenseitig beim Toilettengang zusehen konnte. So weit muss es ja vielleicht nicht gleich gehen. Aber einen ähnlich entspannten Umgang, wie viele Männer ihn pflegen, wünsche ich mir auch für Frauen. Beenden wir also dieses Versteckspiel und fangen wir an, darüber zu reden! Damit auch in Zukunft kein Kellner der Welt länger als nötig seine Zuckerfässchen befüllen muss, weil er einfach nicht glauben kann, was er da hört.

7 Comments

  1. Ich habe diesen Artikel eben laut lachend in der S-Bahn ge- und meinem Mann etliche Passagen laut daraus vorgelesen. Großartig. Den Beitrag leite ich gleich an eine Freundin weiter, die behauptet, nie kacken zu müssen.
    Viele Grüße

    1. :) Es freut mich sehr, dass der Artikel dich zum Lachen bringen konnte und für Unterhaltung und Austausch sorgt – genau so solls sein :) Liebe Grüße zu dir!

  2. Hallo Kea!

    Schön, dass endlich mal darüber gesprochen wird. Es sollte uns Frauen zustehen über alles zu reden was nun mal zur Verdauung dazugehört. Und neben dem Kacken, pupsen und rülpsen Frauen auch von Zeit zu Zeit. Obwohl ich weiterhin dafür plädier dies von beiden Geschlechtern in der Öffentlichkeit weiterhin auf ein Minimum zu dezimieren.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Liebe Sabrina,
      das sehe ich ganz genauso – Höflichkeit ist nach wie vor eine schöne Sache. Aber Frauen, die sich für ihre Körperausscheidungen so gravierend schämen, dass sie tagelang nicht auf Toilette gehen, sollten wirklich der Vergangenheit angehören. Und das erreichen wir durch mehr Dialog und Offenheit im Umgang mit unserer Verdauung.
      Liebe Grüße,
      Kea

  3. Viele dieser Gedanken kenne ich tatsächlich, wie sollte es anders sein, auch. Allerdings kann mein Ex sich gut mit bei so mancher Frau mit einreihen. Obwohl Mann, musste er am Anfang immer zur nächsten Tankstelle fahren, wenn er mal musste. In meiner Wohnung ging das nicht. Bis zum Schluss drehte er die Musik lauter, den Fernseher oder was auch immer, damit seine Geräuschkulisse verschleiert wird. Und das obwohl er sonst so ziemlich offen über alles mögliche sprach, was ich manchmal nicht hören wollte. Da hätte er lieber laut kacken gehen können… :D Super geschrieben, der Text und recht hast Du!

    1. Über deinen vorletzten Satz musste ich eben sehr lachen – ja, es gibt wirklich entscheidendere Dinge in einer Beziehung als Verdauungsgeräusche. Aber klar, auch Männer sind natürlich nicht frei von solchen Ängsten. Das ganze Thema Stuhlgang wird ja in unserer Gesellschaft eher verklemmt behandelt. Der Artikel leistet vielleicht einen kleinen Beitrag, daran zu rütteln :)

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