Geistesnahrung

Also ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hoffe, ebenso gut wie mir! Denn bei mir findet gerade etwas Außergewöhnliches statt, etwas enorm Befruchtendes, etwas, auf das ich Jahre gewartet habe. Die Wiederbelebung meines Geistes. Klingt jetzt dramatisch. Ist es auch! Ich lese wieder. Und ich meine nicht „sexy Jeans für jede Figur“ oder „Lady Gaga knutscht fremd“. Sondern ich meine lange Texte, Bücher, Essays, die mein selbst verschuldet gelangweiltes Hirn reanimieren. Jahrelang hatte ich mich völlig zurückgezogen aus der Welt der Bücher, hatte meine eigenen literarischen Ambitionen verkümmern lassen und meinen Sprachschatz gleich mit. Manchmal hat es mich insgeheim geärgert, dass ich mich so viel schlechter ausdrücken konnte, als noch zu Schulzeiten.  Meine Lebenserfahrung zwischen 18 und 28 war zwar gewachsen, aber mir fehlten zunehmen die Worte, um das zu beschreiben, was in mir vorging. Aber wenn man sich nur noch mit kurzen, smartphone-optimierten Texthappen zufrieden gibt, wenn man sich angewöhnt hat – aus Faulheit und Bequemlichkeit – Inhalte nur noch im Fast Food Format zu verschlingen, statt einzelne Worte und Sätze auf der Zunge zergehen zu lassen, wie Sommerhonig, dann wundert das eigentlich auch nicht wirklich. Ich hatte irgendwann auf der Strecke zwischen Abitur und Selbstständigkeit resigniert, hatte mich brav eingereiht ins digitale Zeitalter und seinem sprachverstümmelndem Schrecken. HDL. LOL.
Gut, hin und wieder hat sich in mir leiser Protest geregt und die Erinnerung in mir meldete sich, an eine Zeit, in der ich mich wirklich mit einem längeren Text befasst habe und mich nicht direkt via Querlink zu einem völlig anderen Thema gebeamt habe, sobald es anstrengend oder unverständlich wurde. Dann nahm ich mal wieder ein Buch zur Hand, las einige Seiten mit dem festen Vorsatz, das nun öfter zu tun, statt mich von Bauer sucht Frau und ähnlich trivialen Unterhaltungsformaten berieseln zu lassen – wofür ich mich übrigens gnadenlos schämte. Aber meistens vergaß ich dieses Vorhaben spätestens nach dem nächsten langen Arbeitstag und fiel in schlechte Gewohnheiten zurück, bis sich einige meiner Synapsen ernsthaft beleidigt in die Ecke verkrochen und ihren Dienst vorübergehend einstellten. „ The Hirnareal you’re calling is temporarily not available“. Aber vielleicht braucht es manchmal auch so eine Zeit. Eine Phase, in der wir so tief in den Sumpf hineinsinken, bis es uns wirklich bis zum Hals steht. Bis wir ihn so satthaben, dass er keine Alternative mehr ist dazu, etwas zu verändern. Gut, ich finde, ich hätte mich etwas mehr beeilen können mit dem Schlammbad, dann hätte ich weniger viele Jahre vor mich hin gedümpelt, irgendwie so halb am Leben, aber auch nicht so richtig. Aber: Besser jetzt als nie! Seit kurzem lese ich wieder und ich habe seit mindestens 14 Tagen keine einzige dämliche Celebrity-Schlagzeile mehr konsumiert und das Verrückte ist: Es fehlt mir nicht! Ich habe keine Sehnsucht danach, mein Hirn auszuruhen, weil es gerade überhaupt nicht müde ist. Ich empfinde es sogar als entspannend, zu lesen und freue mich auf meine in der Buchhandlung meines Vertrauens bestellten Bücher von Simone de Beauvoir wie auf ein gutes Stück Kuchen.  Gestern war ich zum ersten Mal Teil eines Writer Meetings, von dem ich euch in den kommenden Tagen noch erzählen möchte. Ich baue einfach kleine Puzzleteile zusammen und alles fügt sich ziemlich gut! Diese wiederentdeckte Lese- und Schreibleidenschaft macht mein Herz froh und eröffnet mir, wie es Bücher so an sich haben, ganz neue Welten. Wie erfrischend! Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es gelesen habe (und man höre und staune, es war irgendwo im Internet), aber ich fand diesen Ratschlag so wunderbar: Verlasse nie das Haus ohne ein Buch. Nun lese ich mich also durch Berlins S- und U-Bahnen, über Kreuzungen und lange Warteschlangen entlang und wenn ihr mich dabei entdeckt, psssst, schickt mir keine whatsapp, mein Smartphone ist dann vorübergehend ohne Empfang.

11 Comments

  1. Liebe Kea,
    Lesen ist sowas Schönes! Ich tue es auch viel zu selten, obgleich ich nie eine Leseratte war. Ich beneide meinen Schatz manchmal, wie schnell er Bücher lesen kann. Albern, oder? :D Es liegen bei mir auch etliche Bücher rum, die gelesen werden wollen. Doch ich nehme mir einfach nicht die Zeit. Nicht mal in Ruhe Die Zeit lese ich. Nur wenige Artikel.. Wenn ich es dann doch mal tue, mag ich selten aufhören. Tief literarisch bin ich leider nicht sehr bewandert, doch ich mochte immer gerne englische Romane verschlingen. Danach blieb ich immer in englischen Gedanken hängen. Herrlich!
    Ich denke, wenn man selbständig ist, dann ist der Tag oft mit so viel anderem voll gepackt, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man auch mal am Tag was Lesen möchte, was vielleicht nur indirekt mit dem Job oder sogar gar nichts damit zu tun hat. Zumindest geht es mir oft so. Schön, dass du nun Bus und Bahn zum Lesen nutzt. Das habe ich früher in der Stadt auch immer gemacht. Doch nun bin ich immer mit dem Auto unterwegs…nix mit Lesen also.
    Dennoch, liebe Kea, geniesse jede Leseminute! Deine innere Gedankenwelt erfreut sich jeder Zeile und ich bin schon neugierig, was du uns von dem Writer’s Meeting berichtest. Wie spannend!
    Liebe abendliche Grüße, Nadine

    1. Liebe Nadine, ach nein, gar nicht albern, ich kann das verstehen, ich habe ja in den letzten Jahren auch oft gedacht, wie können sich nur all die fleißigen Leser immer dazu aufraffen? Aber alles hat eben seine Zeit und was bei einem Menschen gerade gut klappt, muss für keinen zweiten gelten. Im übrigen glaube ich, die wenigsten Menschen lesen eine Zeitung von A bis Z und noch weniger Menschen lesen überhaupt eine! Also genieß deine Artikel-Rosinen, die du dir herauspickst :) Oh, wie löblich, du hast wenigstens noch berufsbezogenen Kram gelesen, das kam bei mir zwar auch vor, aber meistens, da muss ich ehrlich sein, war es reinster Nonsens, den ich mir da zu Gemüte geführt habe. Deshalb nehme ich deine Worte, das Lesen nun besonders zu genießen, natürlich sehr gerne auf und berichte bald von dem Meeting :) Liebe Grüße an dich! Kea

  2. Liebe Kea, das freut mich so sehr für dich!
    Ich stecke momentan auch in der kaum noch lesenden Phase, da ich viel Freizeit in meinen Blog und das Lesen von anderen Blogs stecke. Aber ich merke schon länger, dass ich unbedingt wieder mehr lesen sollte. Es macht kreativ und Spaß und schlau!
    Danke mal wieder für deinen Post, der nötig war, mir den entscheidenden Schubser zu geben! Ich gehe heute auf jeden Fall früher ins Bett, damit ich endlich mein ziemlich gutes Buch zu Ende lesen kann!

    Greetings & Love
    Ines

    1. Liebe Ines, Danke, dass du dich mit mir freust! :) Super, dass ich dich ein bißchen anstubsen konnte! Ich hoffe, du genießt gerade genüsslich deine Lektüre! Vielleicht verrätst du mir ja beizeiten mal, was das für ein gutes Buch ist, das du da gerade liest :) Liebe Grüße & einen schönen Abend für dich!

  3. Liebe Kea,
    Ja, das kenne ich! Wenn ich in einen Buchladen gehe und das Papier rieche, bin ich verloren. Früher habe ich auch immer alle Bücher gekauft, die mich direkt ansprachen. So hatte ich unzählige Regale voller Schätze stehen, davon aber gut ein Viertel der Bücher ungelesen.
    Eines Tages, als ich aus dem Ausland zurück nach Hamburg zog, ließ ich viele meiner Bücher zurück. Und auch beim Einzug in die neue Wohnung habe ich noch einmal sortiert und nur die aller aller wichtigsten ;-) Bücher in meine kleinen Regale gestellt.
    Warum?
    Die Vielzahl der ungelesenen Bücher hemmte mich. Ich lese gern Biografien, Reiseberichte, Weltgeschehen. Manchmal habe ich mir dann z.B. 3 Bücher zum Thema Sibirien gekauft. Im zweiten Buch entdeckte ich dann aber, wie wundervoll der Autor Klaus Bednarz schreibt, also lies ich das dritte Buch liegen und kaufte drei von Herrn Bednarz. Hier war ich dann schon in Alaska angekommen und fand einen Reisebericht zum Thema “Mit dem Kanu auf dem Yukon-River” und es ging los mit Abenteuergeschichten usw. usw.
    Jeder Neukauf wurde mehr und mehr zur Qual, denn ich behielt immer ein schlechtes Gewissen, dass ich die anderen Bücher noch nicht beendet hatte.
    Heute kaufe ich ein Buch (oder zwei ;-) ). Ich entscheide mich nach jedem Buch neu, welches Thema mich heute interessiert, ohne dass es aus alles Ecken “hier” ruft und ich das Gefühl habe, Ich müsste, sollte, wäre doch…
    Bücher sind meine Lebensader. Meine Familie schenkt mir schon keine Bücher mehr zu Weihnachten, weil ich so manches Fest dadurch störte, dass ich den Rest der Feiertage lesend auf dem Sofa meiner Eltern saß und zu den Ritualen nur noch zögerlich erschien.
    Bücher sind Magie!
    Hast Du in meinem Blog den Beitrag “Von Friesen und Feen” gelesen? Buchläden sind sie wahre Anderswelt!
    Lieben Gruß aus dem Norden
    Polly

    1. Liebe Polly, schön, zu lesen, dass ich nicht alleine bin mit meiner Bücherliebe :) Ja, nicht wahr, gerade der Geruch antiquarischer Mittel ist für mich eine echte Droge. Irgendwie kann man an dem Papier die ganze Vergangenheit erschnuppern. Ich habe natürlich auch noch eine Menge ungelesener Bücher in Kopf und Schrank, mich haben sie bisher aber noch nicht unter Druck gesetzt. Ich glaube, es kommt immer das richtige Buch zur richtigen Zeit zu mir – und meistens lese ich auch parallel in mehreren. Die Schilderung deiner Familienfeste,die du lesend verbracht hast, ist sehr liebenswert! Deinen Blogbeitrag habe ich gleich verschlungen und finde ihn wirklich zauberhaft! Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast :) Liebe Grüße! Kea

  4. Ein schöner Post, liebe Kea!

    Und es freut mich, dass Du wieder inspiriert bist, und Du damit sicherlich auch Deine Leser inspirieren wirst!
    Ich hatte während meines Studiums- lange ist’s her- eine Phase des Nichtlesens. Mal abgesehen von der Fachliteratur und der Literstur meines Literatur-Nebenfachs :-) Aber abseits dessen habe ich mich gerne von trivialem Müll – gerne im TV – berieseln lassen. Und das blieb eine Weile so!
    Erst seit einen Jahr nutze ich meine Zugfahrten wieder für meine Leidenschaft und verschlinge Bücher um Bücher. Finde ich eine Perle, dann lese ich auch abends wieder. Dann wird das Smartphone in den Flugmodus gestellt und ich fühle wunderbar. Nicht gehetzt, nicht getrieben. Wunderbar entspannt. Aber so ganz lässt mich die Netzsucht noch nicht los. Dein Plädoyer für digital detox ist auch meines.
    Und neben der Literatur treibt es mich auch raus. Ins Berlin der Museen, Theater und Ausstellungen…
    Ich freue mich auf Deine nächsten Posts. Vielleicht bin ich ja online und lese sie

    1. Meine Liebe, ich musste beim Schreiben auch viel an unser schönes Gespräch im Spreegold neulich abends denken! Wie schön, dass auch du wieder den Weg ins Reich der Bücher gefunden hast nach deiner ” Trivial-TV-Phase”. Ich freue mich darauf, mit dir Berlins Museen und Ausstellungen zu erobern! Poesie findet sich schließlich nicht nur in Büchern :) Und wenn du eine Weile nicht online bist, tauschen wir uns eben einfach bei Tee und Kerzen aus, darin sind wir ja auch sehr gut!! :)

  5. ich bin soeben auf deine schone website hier gestoßen und finde sie sehr schön! :)
    der artikel ist toll und ich kann es teilweise so gut nachvollziehen. ich hab schon immer, besonders als kind, viel und sehr gern gelesen, dann kamen immer wieder zeiten, in denen andere sachen scheinbar wichtiger waren und die suche nach einem guten buch irgendwie immer schwerer wurde. das lag aber weniger daran, dass der buchmarkt schlechter wurde, sondern eher, dass die ruhe und geduld fehlte, mich auf bücher und themen einzulassen.
    mittlerweile habe ich immer mal wieder phasen in denen ich gerne und viel lese, ob bücher oder artikel. ich wünsche mir aber auch etwas die zeit zurück, in der ich – kaum ist das eine buch fertig gelesen – sofort zum nächsten greife…

    viel spaß beim lesen und viele grüße, doro

    1. Liebe Doro! Vielen Dank, wie schön, ich freue mich sehr, dass dir mein Blog gefällt! Ja, in der Kindheit bleibt uns neben dem “Ernst des Lebens” einfach so viel Zeit, uns mit Büchern in andere Welten zu träumen, unseren Wissensdurst zu stillen und Neues zu entdecken. Wir müssen wirklich achtgeben, dass wir uns auch als Erwachsene noch Zeit nehmen und Räume schaffen, um zu lesen. Da ich meistens parallel mehrere Bücher lese, habe ich zur Zeit immer einen recht fließenden Übergang von einem zum nächsten :D Dir auch weiterhin viel Spaß beim Lesen! Liebe Grüße! Kea

  6. Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Während meiner Schulzeit habe ich unheimlich viel gelesen, nicht nur weil ich es musste, sondern weil ich wollte! Und ich hatte immer das Gefühl, dass ich mich sehr gut ausdrücken kann. Sowohl in Wort als auch in Schrift.
    Aber mit der zeit ist das einfach immer weniger geworden. und ich habe auch das Gefühl, dass mir das Schreiben schwerer fällt. Wissenschaftlich schreiben ist kein Problem, aber besonders schön ist das ja auch nicht. Man lernt in der Uni zwar sich unheimlich kompliziert und clever auszudrücken, aber nicht wortgewandt und “schön”

    Dieses Semester habe ich aber ein Buchwissenschaft Modul gewählt. Das bringt mich dem Medium Buch wieder etwas näher und inzwischen versuche ich auch wieder mehr zu lesen und weniger Fernsehen zu gucken ;)

    LG Rebecca

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