Borderline Blog

Im Tunnel

Wir sitzen an der Straße, auf einem Mauervorsprung, der sich unnachgiebig in meine Oberschenkel bohrt. P kaut ratlos auf einem Apfel herum. Sie versucht seit zwanzig Minuten, mich dazu zu bringen, entweder dieses staubige Kopfsteinpflaster zu verlassen oder wenigstens endlich wieder ein paar Worte zu sprechen. Es tut mir leid. Sie kann nichts dafür. Sie kann nichts dafür, dass mir der Tag zu viel war, die Hindernisse, die meine Erkrankungen mit sich bringen, die Sorgen, die sich zu oft und zu dicht hintereinander vor mir auftun. Dann fühlt sich mein Leben an wie ein einziger, nie enden wollender Hürdenlauf. Hinfallen, aufstehen, hinfallen, sich wieder aufrappeln, weiterlaufen, obwohl alles schmerzt und man nie genug Zeit und Raum hat, um für den nächsten Sprung Anlauf zu nehmen. Es ist ein hoffnungsloses Rennen an manchen Tagen. 

Mitten in diese Überforderung platzt meine Verabredung mit P. Manchmal lenkt es mich ab, Menschen zu sehen, hilft mir dabei, aus meinem eigenen Gedankenkarussell für eine Weile auszusteigen. Heute nicht. Heute werde ich mit jedem Meter zwischen der U-Bahn und meinem Zuhause immer stiller – bis schließlich gar nichts mehr geht. Sehr plötzlich und sehr umfassend. Das ist der Moment, in dem all die Sorgen und Ängste wie bei einem zu vollen Autoscooter permanent aneinanderknallen, mit ohrenbetäubendem Lärm – bis mit einem Mal alles einfriert. Stille. Exit. Emotionaler Schleudersitz.

Und so sitzen wir hier, P und ich, unsere Taschen zwischen uns und das Schweigen ebenso. Der Apfel in ihrer Hand wird kleiner und kleiner. An meinem Gefühlsstau ändert sich nichts. Mein Denken und Fühlen hat sich auf die Größe eines 5 Cent Stückes verkleinert. Alles andere ist abgeschaltet, runtergefahren. Das System läuft auf Notstrom. Es ist einer diese katatonischen Zuständen, in denen ich mich weder bewegen, noch artikulieren kann. Sie sind zum Glück seltene Gäste, aber wenn sie da sind, helfen auch die gut gemeintesten Ratschläge nicht mehr. 

Ob ich nicht doch vielleicht aufstehen will, fragt P. Ich will durchaus. Aber ich kann nicht. Meine Beine gehorchen mir nicht, alle Muskeln darin stehen unter Spannung, aber keine, die mich vom Boden abdrückt, sondern eine, die mich magnetisch daran festklebt. Ich schüttele den Kopf. Ich hasse mich dafür, dass ich ihrer Bitte nicht nachkommen kann. Ich will nicht auch noch anstrengend sein.

In meinem Gesichtsfeld sind eine Menge Ameisen unterwegs. Die haben mit Sicherheit keine Schockstarre, sie sausen mit irrer Geschwindigkeit in den Schluchten zwischen den Pflastersteinen von rechts nach links und wieder zurück. Als würde irgendwer sie lenken, nach einem größeren Plan, den wir nicht verstehen. Nach und nach beginnen die Insekten, auch uns zu bevölkern. Sie integrieren uns als natürliche topografische Erhebungen in ihr Terrain, so selbstverständlich, als säßen wir ewig schon da. Was wir auch tun.

Hinter uns, auf dem großen Parkplatz einer Autowerkstatt stellt jemand seinen Wagen ab. Die Tür klappt auf, wird geschlossen, ein Schlüssel klirrt, Schritte entfernen sich. Der noch heiße Motor knackt vor sich hin. Ich fühle mit ihm: heißgelaufen, überhitzt, kollabiert. Meine Seele knackt genauso, wenn ich versuche mich zu bewegen. Ich starre auf meine Fußspitzen. Ich kann P nicht mal ansehen vor lauter Scham. Ich sage ihr, dass sie ruhig gehen kann. Aber sie geht nicht. Also arbeiten wir uns weiter durch die vorbeischleichenden Sekunden. Ich, schweigend, sie, kauend. 

Wozu überhaupt noch da sein? Ich will mich nur noch ins Bett legen und dabei so wenig Atemluft verbrauchen, wie möglich, will mich ganz klein machen, keinen Raum mehr einnehmen, auf die Größe eines Sandkorns schrumpfen. In mir ist so viel Wut, Enttäuschung, über das Leben, aber am meisten über mich. Aber sie steckt fest, ich kann kein Wort sprechen und all das steckt so tief in meiner Kehle, dass es bei jedem Schlucken weh tut. Ich würde gerne laut heulen, wie Kinder oder Hunde. Dass man es in der ganzen Straße hören kann. 

Ich will alleine sein und gleichzeitig auch nicht, will nicht, dass P neben mir sitzt, sie, die so ganz und unversehrt ist und ich – so kaputt, mit schlecht geschnittenen Fingernägeln und laufender Nase. Der Apfel ist alle. Wir sammeln Ameisen von unseren Hosenbeinen. Die Sonne blinzelt unverdrossen um die Häuserecke. Menschen gehen vorbei, ich sehe nur ihre Schuhe, meistens Turnschuhe, einmal auch Schnürschuhe aus Leder. 

Und irgendwann ist es vorbei. Einfach so. Genauso plötzlich, wie es aufgezogen ist, zieht das Gemütsunwetter ab und meine Starre löst sich. Mit steifen Gelenken stehen wir auf. Meine Beine funktionieren wieder. Fast kommt es mir seltsam vor, dass das alles noch da ist: die Tauben, die auf den Dächern gurren, die Bäume, der Samstag, die Häuser.

Wir gehen die Straße herunter und die Treppen zu meiner Wohnung hinauf. Meine Katzen begrüßen uns und reiben sich an unseren Schienenbeinen. Ich setze Teewasser auf und schaue aus dem Küchenfenster, als ich merke, dass etwas auf meiner Hand krabbelt – es ist eine Ameise, eine blinde Passagierin. Behutsam setze ich sie vor die Tür. “Grüß die andern!”, rufe ich ihr nach. Aber da ist sie schon im Kopfsteinpflaster-Labyrinth verschwunden.

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