Moderne Spiritualität

Inneres Wachstum = Erfolg & Reichtum? Was moderne Spiritualität für mich oft so schwierig macht

In den frühen Morgenstunden habe ich auf Youtube die Airpool-Karaoke mit Kanye West angesehen. Abgesehen von dem fantastischen Chor, der den Flug in einen Ohrenschmaus verwandelt, ist von diesem Video bei mir vor allem eine Sache hängen geblieben: wie stark moderne Spiritualität die Themen Erfolg, Ruhm und Reichtum mit dem Thema Glauben und Spiritualität verwoben werden. Und wie laut uns erzählt wird, dass wir all das in unser Leben ziehen können und ziehen sollen, wie all das als erstrebenswertes Ziel aufgebaut wird, als sichtbarer Beweis unserer inneren Zufriedenheit. West, der meint, dass Gott damit angeben will, dass er ihm ein Leben auf der finanziellen Überholspur ermöglicht. Das ist keine Ethik, keine Lebensweisheit, das ist Quintessenz eines Wirtschaftssystem, das uns den amerikanischen Traum als Glücksversprechen anpreist, vom Tellerwäscher zum Millionär, wenn du es willst, kannst du alles schaffen, aber dieses „alles”, dieses Glück, das ist bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen mit Reichtum und Prestige. Und das wiederum führt dazu, dass der Wert eines Menschen in unserem gesellschaftlichem Wertesystem unmittelbar an seine Kaufkraft gebunden ist.

Geld und Erfolg sind nicht “böse” – aber auch kein Beweis für spirituelles Wachstum

Nun ist es nicht so, dass Geld keine feine Sache ist. Das hier wird kein Text über finanzielle Askese. Aber wenn Zufriedenheit dort wohnen würde, wo Menschen erfolgreich, berühmt und reich sind, dann gäbe es nicht so viele Menschen, die besonders auf dem Zenit ihres weltlichen Erfolgs mit Sucht, Depression und Einsamkeit kämpfen. Es ist so eine seltsame Verquickung, die da vor allem in der New Age und Coaching Szene um sich greift – finde deine Leidenschaft und teile sie mit der Welt, aber bitte sichtbar und reichweitenstark. Mir scheint das manchmal so, als hätte der Kapitalismus und sein ewiger Wachstumsgedanke jetzt auch den Winkel der Spiritualität erreicht. Optimiere dich, wachse, werde erfüllt, aber eben immer mit dem Beigeschmack, dass dieses Wachstum, dieser Erfolg, ob auf dem Konto oder dem Instagramprofil, in Zahlen sicht- und messbar sein soll.

Hingabe versus Kontrolle

Es ist toll, motiviert zu sein. Es ist großartig, wenn uns positive Affirmationen dabei helfen können, durch den Tag zu kommen. Aber was ich in dieser ganzen aktuellen Spiritualitätsbewegung vermisse, ist Demut. Hingabe. Nichtkontrollierenkönnen. Die Akzeptanz, das im Leben Dinge passieren, die uns weh tun, dass es Krankheiten gibt und Schicksalsschläge, die uns herausfordern, manchmal weit über unsere Grenzen hinaus. Wir können nicht alles kontrollieren, manifestieren und bestimmen. Und wir müssen es auch nicht, um am Ende unseres Lebens sagen zu können, dass es ein gutes Leben war. Wenn wir mit mehr Demut leben, kann auch das Erleben der Gegenwart bereits genug sein. Egal, wie diese aussieht. Dann wird jeder Moment zu einer Gelegenheit, Vertrauen zu üben.

„Vertrauen wird dort geboren, wo eigentlich alles dagegen spricht“ – das habe ich vor ein paar Tagen in meiner Instagram-Story geschrieben. Und damit meine ich, dass ich daran glaube, dass das Leben manchmal einen anderen, einen guten Plan hat für uns, den wir selbst in unserer Kurzsichtigkeit nicht verstehen. „Dein Wille geschehe, nicht meiner“ heißt es in einem berühmten Gebet. Das ist totales Vertrauen in einem Moment, in dem man selbst nicht sehen kann, wie das, was gerade geschieht, gut sein soll. Wenn ich nur dort vertraue, wo alles dafür spricht, dass nichts geschieht, das mich verletzen könnte, dann brauche ich kein Vertrauen, denn dann bin ich mir bereits sicher.

Moderne Spiritualität

Vertrauen entsteht in der Unsicherheit. Wenn ich gerade NICHT sehen kann, was als nächstes passiert oder wenn ich es sehe und es nicht verstehe und trotzdem daran glauben kann, dass alles zu meinem besten geschieht. Dann geht Vertrauen Hand in Hand mit der Akzeptanz der Gegenwart, dann geht es nicht mehr so sehr darum, in der Zukunft etwas zu erreichen oder zu gewinnen, dann geht es darum, nur für heute mich und meinen Willen abzugeben an ein anderes Timing, einen anderen Weg, den das Leben, Gott, das Universum oder woran auch immer man glaubt, ganz offenbar gerade für mich vorsieht. 

Die Gegenwart annehmen, wie auch immer sie aussieht

Ich habe ein Lieblingsgebet, das ich oft bete. Gerade in Lebensphasen, in denen ich, an weltlichen Maßstäben gemessen, nicht erfolgreich bin. Speziell an Tagen, an denen ich hadere mit dem, was mir passiert, wenn meine Gesundheit mich straucheln lässt, wenn ich keinen Weg finde oder sehe, privat und/oder beruflich, wenn mir die Zuversicht schwindet, weil das, was ICH geplant, gewollt und für gut befunden habe, nicht eintritt. Dann versenke ich mich tief in den Gedanken, dass ich nicht immer weiß, was das Beste für mich ist, aber dass es im Leben eine große Kraft gibt, die es sehr wohl weiß. „Mach mich zu deinem Werkzeug“ bete ich dann. Immer und immer wieder flüstere ich das, in die Verzweiflung, in das Aufbegehren, in den inneren Widerstand gegen den Fluss meines Lebens, hinein. 

Dein Wille geschehe, nicht meiner. Loslassen, statt Kontrollieren. Sich zur Verfügung stellen, statt alles am besten wissen zu wollen. In diesen einen Moment alle Liebe, alles Vertrauen hineingießen, in der Tiefe der Nacht sich vertrauensvoll in den Schatten legen und die Augen schließen. Das ist, wonach meine Seele sich sehnt.

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