Work Life Balance Mythos

Ist dein Leben in Balance? (Und warum es nicht schlimm ist, wenn die Antwort Nein ist)

Die perfekte Balance – der Tag X in der Zukunft, an dem man seinen Shit together hat. An dem sich Beruf, Familie, Liebe, Urlaub und Sport geschmeidiger die Klinke in die Hand geben, als die Olympiasieger*innen im Staffellauf. Der Alltag: ein hell ausgeleuchteter Werbespot für das gute Leben ab 30, kein Bereich vernachlässigt, selbst für „me-time“ bleibt genug Zeit. Klingt toll, oder? Klingt nach innerer Hängematte mit Pina Colada und einem Dasein, in dem man jeden Morgen mit einem breiten Lächeln erwacht. Sorry, for interrupting, aber – it’s not gonna happen. Und das Beste daran: das ist gar nicht schlimm!

Aktuell lese ich das Buch „the one thing“ von Gary Keller und Jay Papasan. Was auf dem Titel als gewöhnliches Buch über Erfolg daherspaziert kommt, wäscht seinen LeserInnen erstmal mit klarem Wasser den Kopf. Stück für Stück werden verschiedene urban work myths als Illusionen entlarvt – unter anderem der der vielbeschworenen „work life balance“. Für mich gehört dieses Kapitel mit zu dem Wohltuendsten, das ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Balance

Die vielgepriesene Balance ist – ein Mythos.

Eigentlich enthält das Buch ziemlich simple Wahrheiten – aber wir müssen sie offenbar dringend hören. denn manchmal geht uns um Dschungel der Selbstoptimierung auch grundlegendes Wissen flöten. Der Kernsatz des Kapitels lautet:

„Ausgewogenheit, die, sobald erreicht, zu einem Dauerzustand wird, gibt es nicht.“

Bähm. Da geht sie hin, die romantisch verklärte Vorstellung eines Lebens in Harmonie und Frieden. Keller und Papasan gehen noch weiter und erklären, dass Balance eben kein Zustand von Ruhe, innerem Zen und federnder Sorglosigkeit ist, sondern „ein Akt der ständigen Bemühung um Gleichgewicht“. Anders als beim Yoga, bei dem man, wenn man einige Zeit auf einem Bein wie ein Flamingo ausgeharrt und sich das Zittern der Muskulatur irgendwann beruhigt hat, einen baumähnlich festen Stand auf der Erde findet, ist das im Leben ein klein wenig schwieriger. Leben im Gleichgewicht halten wir kollektiv für ein erstrebenswertes Ziel – dabei, so die Autoren, sei die Suche nach Lebenszweck, Lebenssinn und Bedeutung viel wichtiger und beinhalte eben immer wieder, auch die gefürchteten Dysbalance billigend in Kauf zu nehmen. Balance ist also eher Tätigkeit, stetes Anpassen, dauernde Bewegung, als Ruhe und Stillhalten.

Verfolgen wir unsere Träume, dann wird unser Leben „höchstwahrscheinlich unausgewogen sein“ und wir „werden bei der Verfolgung Ihrer Prioritäten ständig im Auf und Ab eine unsichtbare Mittellinie kreuzen.“ Hey, also eher Zickzack-Kurs statt schnurgerade Loipe. Und das ist ganz natürlich. Wie angenehm, oder?

Bin ich falsch, weil ich nicht alles haben kann?

Medial wird uns natürlich etwas anderes vorgebetet: zahllose Essays im Netz kreisen um die Frage: „können Frauen alles haben?“. Meistens geht es hier um den Spagat zwischen Familie und Karriere und die Meinung darüber, wie diese Sache bestmöglich ausgeht, ist klar: tadaaaa, in Balance. Das sind dann diese erfolgreichen Geschäftsfrauen, die uns in den Frauenmagazinen aus ihrem perfekt gestyltem Eigenheim entgegen lächeln, während sie mit ihren Kindern Weihnachtskekse backen. Aber diese Bilder sind eben, was sie sind: Momentaufnahmen. Kein Dauerzustand.

Genau dieser Mythos, dass es möglich sei, in den üblichen vierundzwanzig Stunden eines Tages genug Zeit zu haben für alles, was uns lieb und teuer ist, verursacht viel Frust und Zweifel an und mit sich selbst. Unsere Ressourcen, persönlich wie zeitlich, sind begrenzt und reichen eben nur eine gewisse Strecke. Und das ist vollkommen okay.

„Zeit für eine Sache bedeutet keine Zeit für eine andere Sache. Und das macht Ausgewogenheit zu einem Ding der Unmöglichkeit.“, schreiben Keller und Papasan und das zu lesen, ist Balsam für die Seele.

„Die Frage ist also nicht, ob wir die vermeintliche Balance verlassen, sondern für wie lange.“

Wirklich problematisch wird es nämlich, so die Autoren, nur dann, wenn wir uns so weit in eine Richtung aus dem Fenster gelehnt haben, dass wir den Weg zurück nicht mehr finden. Wenn ein Ausbalancieren durch vorübergehend andere Prioritätensetzung nicht mehr möglich ist. Dann sollte unsere innere Warnblinkanlage angehen und wir, kein Witz, einen Moment innehalten und uns Zeit nehmen, um die Prioritäten in unserem Leben neu zu ordnen.

Im Zweifelsfall: entscheide dich für die Liebe

Ich weiß, wie oft gerade meine selbstständigen Freund*innen sich einen immensen Druck machen, alles auf einmal schaffen zu müssen. Ich weiß, wie oft ich das selbst so empfinde. Aber auch hier gibt das Buch mir eine sehr eindrückliche Metapher an die Hand, die die Autoren einem Roman von James Patterson entnehmen: Arbeit, Familie, Gesundheit, Freunde und Integrität. Alle müssen bei der Jonglage des Lebens in der Luft gehalten werden – und alle sind auf Glas, bis auf einen: die Arbeit. Die Arbeit ist ein Gummiball, der zurückspringt, wenn wir ihn fallenlassen, alle anderen sind aus Glas und nehmen Schaden, wenn sie uns entgleiten.

Wenn alles zuviel ist, ist es also im Zweifelsfall immer eine gute Idee, zuerst bei den Ambitionen im Job ein paar Abstriche zu machen. Vielleicht muss das Ziel doch erst in zwei und nicht schon in einem Jahr erreicht werden. Vielleicht muss man überhaupt nie so erfolgreich werden wie XYZ. Denn, wir erinnern uns an die Momentaufnahmen, diese Person, die du bewunderst, hat mit Sicherheit ganz andere Voraussetzungen, babysittende Großeltern oder ist einfach schon ein paar Jahre länger dabei.

Balance, das ist also eine überschätzte Qualität, ein Luftschloss, das uns das Leben schwer und die Frustration leicht macht. Sie sieht bei anderen oft spielerisch leicht aus und ist und bleibt doch immer, wirklich immer, ein dauernder Tanz um eine unsichtbare und unerreichbare Mitte. Du kannst durchatmen. Das Ziel des Lebens ist nicht perfekte, mucksmäuschenstille Balance. Das Ziel ist eher, dass es Spaß macht, abseits der Loipe im Schnee herumzutanzen, auch wenn man dabei manchmal nasskalte Füße bekommt. Oder, wie es Keller & Papasan sagen:

„Der Versuch, alles zu schaffen, ist verrückt.“

 

 

6 Comments

  1. Sehr schön – und oft so wahr wie vergessen.
    Im Alltag hatte ich manchmal das Gefühl, nur noch hinterher zu hecheln und hab längst eingesehen, dass der “Bus der Erwartungen” eh nie einzuholen ist.
    Also …, so what – gehe ich eben zu Fuß. Dauert zwar länger, dafür sehe ich mehr links und rechts, (am liebsten mit meinem Sohnemann an der Hand. Der seiht sowieso am meisten … )
    ;-)
    Liebe Grüße, Barbara

    1. Ich freu mich, dass dir der Artikel gefällt, liebe Barbara. Kinder sind da wirklich die besten mit-dem-Zaunpfahlwinker*innen, sie leben so unmittelbar. Davon können wir eine Menge übers Leben lernen :)

  2. Ach Kea,

    die Leseproben auf Instagram haben mir schon so aus der Seele gesprochen und ich nicke hier heftig beim Lesen jeder einzelnen Zeile. Ich muss beim Lesen so schmunzeln, weil ich ein Lied in meiner Spotify Liste habe, das mir gerade das Gleiche erzählt, wie Du hier mit Deinen Zeilen. Wenn das mal nix heißen will, denn aus den Lautsprechern dröhnt es:

    Wir haben schließlich vereinbart
    Alles zu vereinbaren
    Leben, Liebe, Beruf
    Und dann bitte Schein wahren
    (…)
    Es ist solange gut
    Wie wir im Winter verreisen
    Können Geschichten erzählen
    Ganz egal, ob es so war
    Burnout vom Yoga

    Das Buch wandert definitiv auf die Leseliste!
    Ich danke Dir für diesen wunderbaren Artikel.

    1. Meine Liebe!
      Ich freu mich sehr, dass dir der Artikel so gut tut – und der Song passt wirklich dazu wie die Pommes zur Mayonnaise :)
      Wir müssen uns einfach öfter ans weniger & langsamer machen erinnern :*
      Fühl dich lieb gedrückt!
      Kea

  3. Wie schön, dass es scheinbar einen Gegentrend zu “ich weiß immer was ich will und wie ich es wann erreiche ich schaffe alles weil ich es will” gibt. Das ist mir schon immer schwer auf die Nerven gegangen. Nein, man kann nicht alles erreichen. Und das ist wirklich überhaupt nicht schlimm noch setzt es jemanden herab noch verringert es die Lebensqualität.
    Alles Liebe für dich, danke für diesen Text .
    Bettina

    1. Hallo liebe Bettina,
      von Herzen gern! Ich glaube auch, dass sich immer mehr Menschen nach diesem Gegentrend sehnen. Das Netz und Social Media haben so ein irres Tempo und so viel Druck in unser Leben gebracht, dass wir uns an diese eigentlich ja ganz banalen Weisheiten verstärkt erinnern sollten. Man kann richtig spüren, wie die Seele dabei aufatment.
      Liebe Grüße!
      Kea

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