Seelische Krise

Kurzer Denkanstoß: Ein Missverständnis über seelische Krisen

Als ich letztes Jahr um diese Zeit den Schritt in eine Tagesklinik wagte, hatte das enorme Auswirkungen auf mein Umfeld – das Wort „stationär“ wirkte wie eine Zauberformel. Plötzlich nahm man das Problem ernst, plötzlich war das Verständnis groß. Es ist schade und verständlich, dass das so ist. Menschen, die nie eine Depression oder massive Angstzustände oder eine Phase mit suizidalen Gedanken erlebt haben, können nicht nachvollziehen, wie sich das anfühlt.
Sie denken oft, eine Krise begänne an Punkt A, beinhalte dann ein tiefes Loch und sei an einem Punkt B beendet, an dem man daraus wieder hervorkrabbelt. Reality is different.
Bevor ich den Schritt in die Klinik gemacht habe, gab es ein wochenlanges Hin und Her. Es ging mir nicht besser als zu dem Zeitpunkt, in dem ich mich dann final für die Klinik entschied. Da waren Stunden voller Hoffnung und Stunden tiefster Hoffnungslosigkeit. Oft kam der Wechsel in beide Richtungen überraschend – sogar für mich selbst. Morgens konnte ich die Buchhaltung machen, aber mittags nicht einmal mehr die Kraft aufbringen, mir Kartoffeln zu kochen. In diesem aprilwetterartigen Innenleben gibt es wenig Verlässlichkeit.
Wenn ich in einer Krise bin, ernte ich deshalb auch heute immer wieder Vorwürfe und Unverständnis dafür, dass ich irgendetwas nicht schaffe, weil ich „eben doch noch dies und jenes tun konnte.“ Als Nicht-Betroffene*r kann man sich nicht vorstellen, dass eine Seele in Aufruhr es fertig bringt, aus einer innerlich wackeligen, aber äußerlich stabil erscheinenden Fröhlichkeit in das absolute Nichts zu rutschen – manchmal innerhalb einer Stunde.
Viele Menschen glauben, dass sich eine Gemütslage langsam bis zu einem Siedepunkt erhitzt und dann wieder abflaut. Aber da ist die seelische Krise eher wie die weibliche Lust – es gibt eine Phase hoher Erregung und darin multiple Höhepunkte.
Ein Mensch, der psychisch (relativ) gesund ist, kann auf sich zählen – es gibt in ihm eine Kontinuität in Denken und Handeln, er kann Versprechen geben und sich auf sich verlassen.
Phasen seelischer Destabilisierung bringen eine Unberechenbarkeit mit sich. Natürlich ist das für das Umfeld eine große Herausforderung, gar keine Frage. Dieser Text wirbt trotzdem um Verständnis. Weil zusätzliche Vorwürfe an dieser Stelle meistens auf Menschen treffen, die sich selbst schon genug davon machen. Die sich schämen, nicht so zu funktionieren, wie sie es gewohnt sind oder wie sie es gerne wären. Die sich vielleicht sogar Stunden, Tage oder Wochen später, wenn sie wieder an der seelischen Wasseroberfläche sind, selbst fragen, wie es so weit kommen konnte. Der ganz normale Zugriff auf den Alltag, auf unsere Gewohnheiten, auf unsere gewohnte Art, zu kommunizieren, kann in der akuten Krise stark eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sein. Das Denken verengt sich zu einem Tunnel, durch den nur wenige Informationen dringen. Deshalb reagieren Menschen, die gerade im Wellental der Gefühle stecken, nicht immer rational oder so, wie wir und sie selbst es von sich kennen. In diesem Zustand sind sie aber sehr verletzlich und Vorwürfe darüber, dass sie sich nicht so koordiniert und zuverlässig verhalten, wie sonst, sind ein zusätzliches Gewicht an einem Geist, der sich sowieso schon permanent abwertet. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht menschlich und natürlich ist, als Freund*in oder Familienmitglied Enttäuschung zu empfinden. Aber es hilft enorm, diese Enttäuschung nicht unmittelbar über der oder dem Betroffenen auszugießen – denn hier ist jemand bereits unter Wasser. Vielleicht lassen sich Wut und Ohnmacht nach überstandener Krise, an anderer Stelle oder wenigstens als an die Krankheit und nicht an die Erkrankten adressiert, kommunizieren. Was plötzliche Ausfälle eines Menschen mit psychischer Erkrankung nämlich nicht sind, ist: freiwillig. Sie sind keine Faulheit, mangelnder Wille oder Schauspielerei – sondern ernstzunehmende Signale eines Menschen, der sich durch das Auf und Ab einer akuten Krise kämpft.

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