Psychisch krank

Psychisch krank = unproduktiv?

Es ist schön für mich, zu sehen, dass immer mehr Menschen, die psychisch krank sind, offen über ihre Erfahrungen schreiben. Der Glitzer-Glitzer-Welt auf Instagram und Co wird so eine Prise Realität entgegen gepustet, die Betroffenen das Gefühl geben kann, nicht allein zu sein. Dieser Austausch ist so wichtig! Tief berührt war ich gestern von den Insta-Stories von Eva auf ihrem Kanal Lilithwrusch – darin gibt sie Einblicke in ein Leben mit Depressionen und in diese Tage, an denen man will, aber nicht kann. In denen einen diese innere Mauer vom Leben abtrennt, durch die man gucken, aber nicht gehen kann. Und sie bringt ein Thema auf, das mit dem Begriff Depressionen oft Hand in Hand daherkommt: Produktivität. Genauer gesagt, eigentlich zwei Themen: dem Druck, produktiv zu sein und dem Wunsch nach Validierung unserer Gefühle durch andere.

„Harte Arbeit habe ich nur dann geleistet, wenn jemand, zu dem ich aufblicke  – wie mein Vater – es wertschätzt.“  Eva @lilithwrusch

Wer eine psychische Erkrankung hat, spürt ihre Auswirkungen im Alltag. Wir „funktionieren“ nicht richtig. Und in einer von Leistung und Produktivität geradezu besessen Gesellschaft ist das schon fast ein Akt unfreiwilliger Rebellion. Mit dem Unterschied, dass Betroffene sich dieses „Anderssein“ nicht aussuchen, sondern hineingeworfen werden und sich so, neben all den krankheitsimmanenten Schauplätzen, auch immer wieder um diesen Widerspruch zur Außenwelt kümmern müssen.

Das „Soll“ erfüllen. Sich richtig angestrengt haben. Etwas schaffen. Diese Werte bieten den Bodensatz unserer modernen Arbeitsethik. Dabei ist dieses Modell gar nicht mal so alt. Wie ich bereits in einem Artikel über das „radikale Lebendigsein“ geschrieben habe, ist Effizienz als „Kultur-Leitmetapher“ ein recht junges Phänomen der letzten 250 Jahre. Und dennoch koppeln wir heutzutage den Wert eines Menschen untrennbar an seine Produktivität.

Die Depression lacht dieser Konditionierung ins Gesicht – immerhin, irgendjemand lacht, denn meistens ist einem danach so gar nicht zumute, wenn man mittendrin hängt. Wir fühlen uns schlecht, einfach so, oft ohne erkennbaren Grund. Wir sind in eine dunkle Wolke hinein aufgewacht und können sie einfach nicht abschütteln. Wir fühlen uns schlecht – und dann fühlen wir uns schlecht, weil wir uns schlecht fühlen.

Dann wenden wir uns ängstlich nach außen, um rückversichert zu werden, dass wir „trotzdem“ okay sind. Dass wir doch immerhin „hart“ an unserer Heilung gearbeitet haben. Bitte gib doch dann beim Gesundwerden alles! Bemüh dich! Du musst es auch wollen!

Vielleicht hätten wir gar kein so großes Problem. Kein so gnadenlos schlechtes Gewissen, wenn uns schon drei Stunden Arbeit völlig erschöpft haben und sich unser Kopf anfühlt wie ein Wattestäbchen, das man in die Toilette getaucht hat und das jetzt, müde, nass und schwer an der Spitze unseres Körpers gegen den Wunsch ankämpft, liegen und ausruhen zu wollen.

Vielleicht, wenn wir uns selbst genug Rechtfertigung wären, wären wir okay damit? Würden uns hinlegen und uns die Ruhe gönnen, die wir brauchen. Könnten uns anerkennen. Einfach so. Denn es ist irrsinnig anstrengend, neben all der trüben Seelenfarbe noch dazu mit dem Gefühl durch die Welt zu gehen, ein Mensch zweiter Klasse zu sein.

Wenn uns jemand offiziell bescheinigt, dass wir krank sind, fällt es uns leichter – wie schade, dass wir der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mehr Gewicht geben, als unserem persönlichen Gefühl. Nur wenn uns jemand die Erlaubnis gibt, dürfen wir „Nicht können.“ 

Depressionen zu behandeln und als Gesellschaft zu überwinden, das wird mehr erfordern, als nur die Bereitstellung von genügend Therapieplätzen – so wichtig und überfällig sie ist! Depressionen zu heilen, bedeutet auch, den Menschen wieder die Deutungshoheit über ihr eigenes Gefühlsleben wiederzugeben. Und es bedeutet, für uns alle, zu verstehen, dass wir uns nicht erst beweisen müssen, um wertvoll zu sein. 

Dann geht unser Blick in einer Krise vielleicht auch dahin, wo er gebraucht wird: nach Innen. Dann steht der Weg frei für Trost, Selbstfürsorge und liebevollen inneren Dialog. Denn “verdammt, warum schaffe ich nicht das, was alle anderen schaffen, ich bin zu überhaupt nichts zu gebrauchen” ist kein Austausch mit sich selbst, der irgendwie förderlich ist. Die Energie, die wir darauf verwenden, in den Augen der anderen trotzdem eine Daseinsberechtigung zu haben, könnten wir so gut in Akzeptanz und Achtsamkeit stecken. Es ist doch alles hart genug. Hey, und wenn nicht – wenn du mal einen Tag hast, der schon fast unerträglich und ungewohnt leicht ist, der sich anfühlt wie Zitronensoufflè: so what! Dann musst du nicht direkt zum Schreibtisch rennen und alles nachholen, was du während der letzten Krise versäumt hast. Dann darfst du auch einfach mal nur atmen. Genießen. Da sein.

Ich möchte diesen Artikel mit einem Zitat aus einem Songtext von Alanis Morisette abschließen. Der mich immer und immer wieder berührt – und den wir uns als Grundlage einer neuen Ethik hinter die Ohren und ins Herz schreiben müssen: „That I would be good“ – „Dass ich gut wäre, auch wenn…“

That I would be good even if I did nothing
That I would be good even if I got the thumbs down
That I would be good if I got and stayed sick
That I would be good even if I gained ten pounds
That I would be fine even if I went bankrupt
That I would be good if I lost my hair and my youth
That I would be great if I was no longer queen
That I would be grand if I was not all knowing
That I would be loved even when I numb myself
That I would be good even when I am overwhelmed
That I would be loved even when I was fuming
That I would be good even if I was clingy
That I would be good even if I lost sanity
That I would be good
Whether with or without you

9 Comments

  1. Guten Morgen meine Liebe.
    Ich mag dich zweimal zitieren, denn es ist so wahr.

    “Und dennoch koppeln wir heutzutage den Wert eines Menschen untrennbar an seine Produktivität.”
    Genauso ist es. Du musst produktiv sein. Du musst mithalten. Du musst glitzern, scheinen, präsent sein. Ich kann, will und möchte vor allem nicht immer präsent sein. Ich kann es nicht immer. Ich möchte mir zum Beispiel jetzt auch mit meinem neuen Blogprojekt Zeit lassen, langsam sein, nicht alle drei Tage schreiben müssen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Gut, in den Köpfen besonderer Menschen bleibt man dann wahrscheinlich. In Menschen die in einem etwas Besonderes sehen, die einen gerne lesen.

    “Dann darfst du auch einfach mal nur atmen. Genießen. Da sein.”
    Genau das habe ich manches Mal anders gemacht. Es ging mir besser und zack, habe ich mich gleich an einige Rezensionen zu gelesenen Büchern gefertigt, sodass ich mich nach der dritten oder vierten geschriebenen Rezension total ausgelaugt fühlte. Aber ich wollte so viel schaffen wie möglich und es hatte Freude gemacht. Das was aber nach der Freude und der Arbeit kam war Erschöpfung. Also einfach mal sein. So ist es und so sei es.

    Ein ganz wunderbarer Artikel.

    Liebste Grüße,
    Sandra

  2. Wahre Worte. Danke dafür! Schön, wenn man auch Menschen im weiten Netz findet, die keine perfekte Glitzerwelt vorspielen, sondern sind, wie sie sind, und zu den Seiten stehen, die in keine Glitzerwelt zu passen scheinen.

    Schön, wenn mehr und mehr nachdenkliche Seiten Platz finden, Raum haben, wenn Krankheiten nicht mehr tabu sondern Thema sein dürfen.

    Liebe Grüsse
    Sandra

  3. Sich immer wieder die Wertschätzung zu suchen, weil die eigenen Gedanken, gut genug zu sein nicht rausreichen. Die Prägung dazu führte in diese Jahrzehnte andauernde Krise in meinem Kopf festhält. Das Leben außerhalb dieser Blase zu erahnen, aber nicht zu erreichen, seit Jahren schon. Es macht taub. Jeder Versuch im Keim erstickt, weil es ja eh nie funktioniert hat.

  4. Liebe Kea, danke für deinen Beitrag!

    Ich folge dir jetzt seit einer Weile auf Instagram und finde es unfassbar ermutigend, dass du so offen und eloquent mit dem Thema umgehst. Ich versuche, das auch zu tun, aber manchmal ist das gar nicht so einfach.

    Ich bin seit Monaten krankgeschrieben, fühle mich deswegen aber irgendwie auch nur unter Druck gesetzt, weil die Gesellschaft ja von mir verlangt, dass ich möglichst schnell gesund bzw. wieder arbeitsfähig werde. Das ist es nämlich: es geht größtenteils nicht darum, sich die Zeit nehmen zu dürfen, gesund zu werden. Es geht darum, wieder “fähig” zu sein und Leistung zu bringen. Ich weiß, dass ich das momentan nicht kann und habe mich entschieden, mir da selbst nicht noch extra Stress zu machen. Aber im Hinterkopf habe ich trotzdem immer wieder diese Gedanken. Naja, jetzt hoffe ich erstmal darauf, dass die Tagesklinik (zu der ich ab nächster Woche nach monatelanger Wartezeit gehen werde), mir irgendwie hilft, wieder in einen Rythmus zu kommen und gesünder zu werden. Alles braucht irgendwie seine Zeit.

    Liebe Grüße, Luisa (@luisatakespictures)

    1. Oh ja! Ich fand es auch sehr komisch bei einer Fortbildung zu hören, dass man im Falle eines Arbeitsunfalles die beste medizinische Versorgung bekommt, nicht etwa aus Verantwortungsgefühl des Arbeitgebers, als Entschädigung für den Arbeitnehmer, sondern um die betroffene Person wieder möglichst bald möglichst nützlich hinzukriegen.

  5. Liebe Kea, großer Dank an Dich für diesen Post! Mich begleiten diese Schuldgefühle, nicht mehr ein vollwertiges Mitglied dieser Leistungsgesellschaft zu sein, tatsächlich seit ich krankgeschrieben bin. In der Reha war zu spüren, dass sie einen schnell wieder für den Arbeitsmarkt fit machen wollen. Aber allein die Suche nach passenden Ärzten und Therapeuten und die Anträge für finanzielle Unterstützung bei den Versicherungen kostet so viel Kraft und Nerven, ganz zu Schweigen davon, wielange es dauert bis die Anträge bewilligt oder nicht bewilligt werden. Diese Krankheit braucht Ruhe und viel Zeit, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das ist für jeden aber eine ganz individuelle Kiste. Wir sollen alle ganz schnell wieder produktiv werden und funktionieren. Haha, aber meistens wird man ja vom jahrelangen Funktionieren krank. Ich finde das alles total absurd. Ich hoffe, dass noch mehr Betroffene sich zeigen und beschreiben wie es ihnen geht, so wie Du und Deine Leser. Es ist nicht leicht, aber wichtig. Fühlt Euch alle von mir gedrückt und akzeptiert Euch, mit allem Eurem Sein!

  6. Liebe Kea,
    wieder einmal vielen Dank für deine Worte.
    Wie oft ging es mir eigentlich erst so richtig schlecht, weil ich mich dafür verurteilt habe, dass mein Körper nicht so will wie ich. Wie oft habe ich mich vor mir selbst und vor anderen gerechtfertig, weil es gerade einfach nicht so ging. Produktivität ist schön und gut, aber wir Menschen sind auch ohne psychische Krankheiten so unterschiedlich, passen sonst in keine Schubladen, warum sollten wir alle in die 9 Stunden am Tag/40 Stunden die Woche Schublade passen?

    Ich arbeite gerade auch hart daran, mich mit weniger zufrieden zu geben und nicht immer bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten. Und regelmäßig in Gesprächen darüber zu reden, dass diese Leistungsgesellschaft ihre Opfer fordert. Wer es schafft, auf sich, seinen Körper und seine Psyche zu hören, verdient eigentlich einen Preis und keine schiefen Blicke.

    Danke für diesen Text <3 (und für all deine Texte, hier und auf Instagram).
    Eine Umarmung aus dem sonnigen Hamburg
    Anni

  7. Vor kurzem habe ich “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” von Jean Liedloff gelesen, und sie erzählt u.a. von einem Indianerstamm, bei denen es kein Wort für Arbeit gibt. Für die verschiedenen Tätigkeiten schon, nicht aber für Arbeit. Sehr bezeichnend.
    Auch berichtet sie von einem Mann, der als Baby von Italienern adoptiert wurde und als Erwachsener zu seinem Stamm zurückkehrte und sich entschloss, wieder dort zu leben. Er heiratete, bekam Kinder, lebte in einem Haus. Er wollte nicht arbeiten, und das wurde total akzeptiert, die anderen teilten mit ihm Nahrung etc. Nach fünf Jahren legte sich der Mann einen Garten an, und fing an zu fischen, und teilte seine Erträge mit den anderen. Für die war es eine Art Scherz, dass er so lange brauchte um zu erkennen, dass er arbeiten möchte, denn am Ende der fünf Jahre war der Mann schon recht unleidlich. Sie konnten sich kaum vorstellen, dass es Leute gibt, die nicht arbeiten wollen.
    In unserer westlichen Gesellschaft gehen wir davon aus, dass die Menschen einen Anreiz (Geld) brauchen, um tätig zu werden. Und eine Bestrafung, wenn nicht. Aber vielleicht ist es genau dieser Druck, der (unbewussten) Widerstand weckt? Und ja, was passiert, wenn man nicht mehr kann?!
    Schon unsere Kinder belohnen und bestrafen wir. Und in der Schule müssen sie unter Druck und Zwang lernen, was gerade dran ist, egal, ob und wann sich das Kind dafür interessiert.
    Was für eine Welt wäre das, in der wir alle einbringen könnten, was unseren Neigungen und Fähigkeiten und Interessen entspricht, und gut ist es?! Ohne Zwang und (Leistungs-)Druck.

  8. Ich finde es gut, wenn Leute auf Blogs von Depressionen, anderen (psychischen) Erkrankungen und dem “Geht nicht” schreiben. Einfach weil man dann sieht, dass auch unter den hier öffentlich Schreibern Leute sind, denen es nicht gut geht. Gewundert habe ich mich schon manchmal, dass manche Blogger davon schreiben und sich der Öffentlichkeit stellen. …und manchmal auch gewundert, dass jemand, der eigentlich ganz “normal”, häufig, lustig, informativ, lebendig,…schreibt, erzählt, dass er Krankheit x hat.
    …und doch finde ich es gut, dass manche von sich schreiben und dann in den Kommentaren Leute schreiben, dass es ihnen auch so geht. Also geht es nicht all diesen Bloggern und Postern super gut, sie haben auch ihre Themen, die auch schwieriger sein können.

    Zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wollte ich noch schreiben, dass sie in der Regel ja auch nur eine Zeit gilt. Man bekommt durch sie eine Pause. Ob sie reicht, um gesund zu werden bzw. den Platz zu finden, an dem man besser sein kann, mit dem, wie man ist, ist eine andere Frage. …und wer entscheidet das, wann es ausreicht, um wieder “normal” arbeiten zu gehen und was bleibt für die Leute finanziell, die das nicht können? Fängt man sich dann wieder an zu drängen, weil Vollzeit arbeiten mit Befristungen eben doch nicht geht, aber man mit ner Teilzeitstelle nicht zurecht kommt oder doch wieder beim Amt hängt, als hätte man nie gearbeitet? Es liegt so Vieles im Argen, was das angeht. Es ist nicht nur das eigene Empfinden, wie es mit der Krankheit, dem “Problem” ansich geht.

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