Stationäre Psychotherapie – wenn die Seele Hilfe braucht

Vergangenen Freitag wurde ich nach sechs Wochen aus der psychiatrischen und psychotherapeutischen Tagesklinik entlassen, in der ich wegen meiner Angst- und Panikstörung, meiner Depressionen und meiner psychosomatischen Symptome behandelt worden bin. Mich hat die Trennung von meinem Mann im letzten Jahr und der damit verbundene Umzug nach Berlin einfach komplett aus der Bahn geworfen. Aller Therapie-Erfahrung zum Trotz. Denn man braucht bei der Bewältigung von psychischen Erkrankungen vor allem eines – Geduld.  Was sich über Jahre in uns eingenistet hat und fünfspurige Synapsen-Autobahnen im Gehirn hinterlassen hat, darf auch eine Weile brauchen, um von besseren und vor allem gesünderen Kompensationsstrategien abgelöst zu werden. Ich habe mich für einen teil-stationären Aufenthalt entschieden, als ich merkte, dass ich den Alltag nicht mehr bewältigen konnte. Eine ambulante Therapie hätte mir in diesem Moment nicht genug Halt gegeben – da sich meine Ängste auch auf meinen Neuanfang in Berlin und das Aushalten vom Alleinsein bezogen, war eine Tagesklinik für mich die beste Lösung: Tagsüber Gesellschaft und Therapie, ab dem Nachmittag dann die Möglichkeit, mich in meinem neuen Leben zurechtzufinden.

Und weil mich via Instagram immer wieder Fragen bezüglich meines Aufenthalts erreicht haben und die Menschen psychatrische und psychotherapeutische Kliniken weniger offenherzig im Internet bewerten, als die letzte All-inclusive-Reise, habe ich diesen Post geschrieben und versucht, einige Fragen rund um das Thema stationäre Therapie zu beantworten.

Wie kommt man zu einem Klinikplatz?

Für eine Klinik, ergo eine Krankenhausbehandlung, braucht man eine Überweisung. In meinem Fall hat die mein Hausarzt ausgestellt. Am Telefon hieß es seitens der Klinik, die Wartezeit betrage irgendetwas zwischen vier und zehn Wochen. De facto hat es dann aber nur zwei Wochen gedauert, bis der Anruf kam und ich einen Platz hatte.

Wenn ihr unsicher seid, ob eine stationäre Therapie für euch notwendig, machbar und/oder hilfreich ist und ihr keinen ambulanten Therapeuten habt, mit dem ihr das besprechen könnt, gibt es die Möglichkeit, einen Termin in einer psychotherapeutischen Sprechstunde zu machen.

In der Hauptstadt kann ich dafür die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung empfehlen. Außerdem den Berliner Krisendienst – wenn gar nichts mehr geht: hier sitzen kompetente Menschen, die beraten, beruhigen und einen Ausweg suchen.

Stationäre Psychotherapie

Was macht man in einer Klinik?

Natürlich variiert das Angebot von Einrichtung zu Einrichtung – ich habe in meinem Leben drei Kliniken von innen gesehen, einmal mit 14, mit 27 und nun eben mit 32.

Die Aufenthaltsdauer schwankte zwischen sechs Monaten (die erste Klinik), drei Wochen (eine Station für Psychosomatik) und sechs Wochen (die aktuelle Klinik).

Trotzdem gab es in allen Kliniken ein ähnliches Angebot:

– Gruppengesprächstherapie: Hier gab es, je nach Erkrankung, verschiedenen Angebote, zum Beispiel zu den Themen Angst- und Panikstörungen, Essstörungen, Umgang mit Wut oder Depressionen, Stärkung des Selbstbewusstseins u.ä.

– Körpertherapie: Gymnastik, Reittherapie, Tanztherapie – den eigenen Körper zu spüren und sich sportlich zu betätigen, ist, sofern der Hausarzt nichts anderes empfiehlt, ein wichtiger Baustein auf dem Weg der Genesung, den ich aus vollstem Herzen empfehlen kann – auch unabhängig von einer Klinik.

– Kunsttherapie/Ergotherapie: Malen, töpfern, musizieren. Klingt ein bißchen klischeemäßig, ist aber in jedem Fall eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten und innerlich zur Ruhe zu kommen.

– Einzeltherapie: Bei längeren Aufenthalten entsteht natürlich eine wesentlich intensivere Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeut, als im ambulanten Setting. Aber auch von meinem dreiwöchigen Aufenthalt habe in dieser Hinsicht stark profitiert.

– Expositions- oder auch Konfrontations-Therapie: Besonders für AngstpatientInnen bietet ein stationärer Aufenthalt die Möglichkeit, sich mit therapeutischer Hilfe gezielt den angstauslösenden Situationen zu stellen.

Alles in allem beruht der Erfolg von stationärer Therapie in meinen Augen auf a) der Intensität und Konstanz der Behandlung und b) auf dem Miteinander in der Gruppe. Was mich direkt zu Punkt zwei führt:

Was für Leute trifft man in einer Klinik?

Eine stationäre Pschotherapie machen Menschen wie Du und Ich. Eine Klinik ist kein Ort, an dem die “Verrückten” hausen, die Wände Gummi-Noppen haben und alle auf Tabletten sind. Ich nehme zum Beispiel bis zum heutigen Tag keine Medikamente, denke aber, dass sie in Krisensituationen durchaus nötig und hilfreich sein können. Eine Klinik bietet einen geschützten Rahmen, um eine medikamentöse Einstellung in Ruhe vorzunehmen.

Die MitpatientInnen in den Kliniken sind verschieden alt, verschieden groß, verschieden sympathisch – wie im echten Leben auch. Es sind Menschen, die ihr Leben lange allein gemeistert haben (wie man selbst), die irgendwann in eine Krise geraten sind (wie man selbst) und die eines Tages beschlossen haben, dass es so nicht weitergeht (wie man selbst).

Man hat da also einen fröhlichen Querschnitt der Gesellschaft, der eines gemeinsam hat: den Willen, etwas zu verändern.

Denn in einem waren meine MitpatientInnen und ich uns einig: die Leute in der Klinik kamen uns normaler vor, als manche „da draußen“. Was mich an den Titel des Buches „Irre – wir behandeln die Falschen“ erinnert, das ich mir dringend nochmal zu Gemüte führen muss.

In der Gruppe jedenfalls trafen wir alle auf Verständnis. Auf das Gefühl, nicht allein zu sein. Wir konnten einfach sein, wie wir waren – und das allein wirkte schon unglaublich befreiend. Weinen, wenn man sich danach fühlt. Verzweifeln, weil man nicht weiterkommt. Über sich lachen, weil man beginnt, seine Muster zu erkennen. Und vor allem: Nichts verstecken müssen.

Warum ist das eigentlich nur in diesem geschützten Rahmen so? Wann ist unsere Gesellschaft, die sich aus Menschen zusammensetzt, eigentlich so un-menschlich geworden?

Highlight der Woche war für mich die ärztliche Sprechstunde, in der wir, wie die Hühner auf der Stange, im Flur saßen und warten mussten, bis wir einzeln nacheinander in den Raum gerufen wurden – so viel gelacht wie in diesen Wartezeiten habe ich lange nicht.

Ein paar grundlegende Gedanken zum Thema „stationäre Therapie“

Ich habe gemerkt, wie mein jeweiliges Gegenüber immer ein bißchen zusammenzuckte, wenn ich in den letzten Wochen erzählte, dass ich zur Zeit eine Tagesklinik besuche: plötzlich wurden die Samthandschuhe ausgepackt. Sehr vorsichtig, sehr liebe- und verständnisvoll wurde da mit mir umgegangen. Das war natürlich schön. Aber – warum erst dann?

Warum muss man sich erst in eine stationäre Therapie begeben, um mit seinen seelischen Nöten wirklich ernstgenommen zu werden?

Warum brauchen wir eigentlich erst psychiatrische Kliniken um Dinge zu lernen, wie: Selbstfürsorge. Entspannung. Stressmanagement. Umgang mit Konflikten. Kommunikationswerkzeuge. Sollten das nicht besser Schulfächer sein?

Vielleicht wäre dann der Bedarf an einem solchen Angebot für Erwachsene weniger hoch. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: natürlich radiert das keine traumatischen Erfahrungen aus, macht eine schwere Kindheit nicht mit einem Fingerschnippen wieder gut oder ändert etwas an einer genetischen Disposition für Depressionen.

Aber: Psychische Krankheiten entstehen dort, wo ein Defizit an Resilienz (=psychischer Widerstandskraft) herrscht. Dieselben Ereignisse haben auf verschiedene Menschen völlig verschiedene Auswirkungen. Der eine zerbricht an einer Trennung, der andere steigt wie Phoenix aus der Asche daraus empor.

Das liegt daran, dass wir natürlich zunächst alle mit unterschiedlichen Startvoraussetzungen ins Leben gehen – erbliche Vorbelastungen, Prägungen in der frühkindlichen Phase, gesundheitliche Faktoren: sie alle entscheiden darüber, ob wir bereits mit einem größeren Rucksack auf der Reise sind oder ob unsere Handicaps noch ins Handgepäck passen. Zu dieser “Erstausstattung” addieren sich dann die Erfahrungen, die wir im Leben machen, die Probleme, denen wir begegnen und die Unterstützung, die wir dabei bekommen – oder auch nicht.

In jedem Fall wäre es also hilfreich, oben besprochene „soft skills der Seelenhygiene“ bereits frühzeitig zu erlernen. So manche Schwelle zur psychischen Krankheit würde dann eventuell gar nicht erst überschritten.

Wenn es dann doch passiert, ist es keine Schande, sich Hilfe zu suchen. Ich hoffe, mit diesem Beitrag Ängste abzubauen und das Tabu rund um psychische Erkrankungen und ihre Behandlung ein Stückchen zu aufbrechen. Stationäre Psychotherapie ist eine wunderbare Möglichkeit, in Krisen Unterstützung zu finden und in Ruhe an den eigenen Themen zu arbeiten.  Ich bin dankbar für diese Möglichkeit und hoffe, jetzt gestärkt in das Jahr 2018 zu starten!

10 Comments

  1. Liebe Kea, vielen Dank für diesen Beitrag! Zum einen war er sehr informativ, gerade für jemanden wie mich, die schon öfter über eine Tagesklinik als einen vielleicht ganz passenden Kompromiss zwischen “kompletter” stationärer und ambulanter Therapie nachgedacht hat (der Fokus, den man bei einer stationären Therapie hat, würde mir glaube ich echt gut tun…aber ich kann einfach nicht im selben Zimmer wie andere Leute übernachten, das klappt nicht mal bei meinen Freundinnen, geschweige denn mit (anfangs) Fremden…). Wie genau kann ich mir denn die Konfrontation in diesem Rahmen vorstellen? (wenn du das beantworten magst?)
    Und auch deine Gedanken im zweiten Teil des Beitrags sprechen mir aus der Seele. Irgendwie wirkt eine stationäre Therapie wohl “verzweifelter” als eine ambulante…schon diese gegenüber Leuten “zuzugeben”, die man nicht gut kennt, kann echt schwierig sein, aber ich habe den Eindruck, dass man, sobald man stationäre Therapieerfahrung hat, noch einmal mehr als “nicht alleine lebensfähig” betrachtet wird…wobei es doch eigentlich so ist, dass diejenigen, die sich mit sich selbst und ihren Problemen auseinandersetzen und sich Hilfe suchen, ihr Leben fast mehr “im Griff” haben als die, die sich mit ihrem Päckchen alleine herumschlagen. Denn ich glaube, dass jede*r ein Päckchen zu tragen hat, auch wenn sich die Ausmaße unterscheiden mögen. Deshalb glaube ich auch, dass wirklich jede*r von ein paar Therapiesitzungen profitieren könnte, und sei es nur, um zu erkennen, dass es okay ist, nicht immer stark und unverletzlich zu sein. Zumindest, solange “soft skills der Seelenhygiene” noch nicht auf jedem Lehrplan steht :D

    1. Liebe Cora,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Schön, dass der Beitrag informativ für dich war!
      Ich sehe es ganz ähnlich – stationäre Therapien umgibt dieser Nimbus des totalen Zusammenbruchs, dabei sind sie eigentlich ein Zeichen dafür, dass jemand noch oder auch wieder am Steuer sitzt und seinem Leben eine neue Richtung geben möchte. Schließlich braucht man für so eine Therapie auch verdammt viel Kraft!
      Konfrontationstherapien zielen vor allem auf Ängste wie Agoraphobie – da gibt es Übungen mit und ohne den Therapeuten/die Therapeutin, zum Beispiel das gezielte Aufsuchen angstbesetzter Orte wie Kaufhäuser, öffentliche Verkehrsmittel, Aufzüge etc. In meinem Fall musste ich üben, in Situationen, in denen ich Panikattacken hatte, auszuhalten, andere Menschen in meiner Gegenwart zu “ertragen” oder sogar konkret um Hilfe zu bitten. Man bleibt so lange in der Situation, bis die Anspannung auf einer Skala von 1 bis 10 wieder abnimmt. So haben Gehirn und Seele die Chance, zu lernen: das ist nicht gefährlich. So aufgeschrieben klingt es so easy :D Aber diese Übungen haben es wirklich in sich!
      Ich hoffe, du findest die richtige Therapie für dich :) Übrigens gab es in zwei Kliniken, die ich von innen gesehen habe, auch Einzelzimmer – für mich ist das gemeinsame Übernachten auch eine Horrorvorstellung gewesen, aber ich habe es als Teil der Therapie für mich gesehen. Wie gesagt, in manchen Kliniken lässt sich das aber auch vorher abklären.
      Und auf die Lehrpläne der Zukunft setze ich! :)

      Ganz liebe Grüße zu dir!
      Kea

    1. Vielen herzlichen Dank! Ich hoffe, damit das Tabu, das diese Themen umgibt, Stück für Stück aufzubrechen. Und profitiere auch selbst davon, mich nicht verstecken zu müssen :)

  2. Ein riesen Lob für so viel Offenheit und Ehrlichkeit! :)

    Ich selbst befinde mich seit Dezember 2016 in psychotherapeutischer Behandlung, aufgrund einer PTBS im November 2016. Hätte ich diese Therapie nicht gemacht (aktuell läuft die Therapie noch bis ca. Februar/März 2018), wäre ich heute sehr wahrscheinlich nicht mehr hier. Während meiner Tiefphasen im vergangenen Jahr habe ich auch immer wieder in Erwägung gezogen, in eine Tagesklinik zu gehen. Bis jetzt habe ich es jedoch ohne geschafft. Es beruhigt mich jedoch enorm, zu wissen dass es dieses Angebot gibt und ich dort Hilfe bekommen kann, wenn alles wieder ausweglos erscheint.

    Alles Liebe weiterhin für dich! ♥

    1. Liebe Frau Katze –

      wie gut, dass du dir Hilfe geholt hast und eine Therapie gefunden hast, die dich stabilisiert.
      Schön, dass dich dieser Artikel zusätzlich ein wenig beruhigen konnte – genau das wollte ich damit bezwecken: die Angst vor einer stationären Therapie nehmen und zeigen, dass diese Aufenthalte wirklich hilfreich sein können.

      Auch für dich nur die besten Wünsche für deinen weiteren Heilungs-Weg :)

      Kea

  3. Ich bin gerade über deinen Blog gestolpert und bin begeistert! Habe zwar selbst ein anderes Krankheitsbild, aber kann mich in vielem was du schreibst sehr wiedererkennen. Deine Texte machen Mut und Lust, auch selbst offen mit der eigenen Krankheit und den eigenen Schwächen umzugehen!
    Und bei dem Satz “Highlight der Woche war für mich die ärztliche Sprechstunde, in der wir, wie die Hühner auf der Stange, im Flur saßen und warten mussten, bis wir einzeln nacheinander in den Raum gerufen wurden – so viel gelacht wie in diesen Wartezeiten habe ich lange nicht.“ musste ich laut lachen, denn ich habe eine dehr ähnliche Erfahrung gemacht :D
    Was ich zum Thema noch ergänzen würde: in der Klinik habe ich Menschen getroffen, die ich im echten Leben wahrscheinlich nie kennengelernt hätte, die aber eine wahnsinnige Bereicherung in meinem Leben sind und mit denen ich unabhängig von unseren völlig u unterschiedlichen Lebensentwürfen durch die gemeinsame Erfahrung der eigenen Erkrankung etwas teile, das unsere Freundschaft zu etwas sehr besonderem macht. Und ja, ich glaube auch bei mir war es nicht nur das therepeutische Angebot, sondern auch das miteinander austauschen, das meinem Klinikaufenthalt erfolgreich gemacht hat.

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