Älter werden

Über das Älterwerden

Meine Mutter lacht, wenn ich sage, dass ich spüre, dass ich älter werde. Wenn ich morgens aufwache, fühlt sich die Haut unter meinen Augen unangenehm an, gespannt, zerknittert, wie ein ungebügeltes Bettlaken.

Natürlich geht es beim Altern nicht nur um den Verlust von Hautelastizität, wenngleich in einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Frauen vor allem durch Attraktivität und Jugend Wert beigemessen wird, der ängstliche Blick in den Spiegel für viele dazugehört.

Wenn sich die Richtung ändert

Aber ich fühle noch etwas anderes, wenn ich sage, dass ich jetzt, langsam Mitte 30, eine Veränderung wahrnehme, eine Art Meilenstein, eine unumkehrbare Verschiebung meiner Perspektive auf das Leben.

Wenn wir jung sind, ist unser Blick fest an die Zukunft geheftet, unser Leben eine einzige Vorwärtsbewegung, wir wollen älter, reifer, erwachsener sein, wir wollen alle Rechte haben und haben gleichzeitig noch so wenig Pflichten. Die Hoffnung liegt wie ein goldener Gipfel vor uns, hell, blendend, leuchtend, alles dahinter entzieht sich unserer Kenntnis.

Aber wir alle steuern auf diesen Punkt zu, an dem wir den Zenit erreichen – an dem das Leben es sich für einige Jahre auf diesem Hochplateau gemütlich macht, von dem aus wir die Sonne genießen können, gleichzeitig aber plötzlich auch die andere Seite des Berges sehen können, die noch vage im Schatten liegt, von der wir aber wissen, dass sie auf uns wartet.

Wie wir den Abschwung verzögern

Als ich kürzlich mit einer Freundin darüber sprach, dass dieses Gefühl dieser scheinbar grenzenlosen Vorwärtsbewegung langsam abebbt, kamen wir auf das Thema “Gestaltung der Lebensmitte” – und damit auch auf das Thema Kinder. Nun ist das Thema Kinderwunsch für mich sowieso ein wundes. Viele Jahre habe ich darüber nachgedacht, ob ich mich trotz meiner psychischen Erkrankungen in der Lage fühle, eine Familie zu gründen . Abschließend ist es nicht entschieden, aber natürlich macht diese Frage heute etwas anderes mit mir, als noch in meinen Zwanzigern.

Mit einem Kind geschehen zwei entscheidende Dinge: zum einen ist die Geburt eines Kindes eine Zäsur, die eine Frau von der Tochter zur Mutter macht. Es ist ein ganz unmissverständliches Signal einer neuen Lebensphase, in der sich alles, wirklich alles, noch einmal grundlegend ändert. Aber mit einem Kind beginnt auch die Vorwärtsbewegung wieder von Neuem – das erste Wort, der erste Schritt, die Einschulung, die Berufswahl. Wer Kinder hat, verwirklicht in ihm auch das eigene Streben nach Wachstum. In den Kindern überdauert ein Teil des Selbst und die Angst vor dem Ende der eigenen Existenz wird etwas gemildert. Ähnlich verhält es sich wohl mit Männern, die sich im reiferen Alter noch einmal eine wesentlich jüngere Gefährtin suchen – sie ist dann immer auch Jungbrunnen, lässt das eigene Altern weniger präsent werden und verleiht die Möglichkeit, noch einmal so zu tun, als wäre man wieder 30 und hätte Familie, Zukunft und den Großteil des Lebens noch vor sich. Dass man sich zwischendurch zum Mittagsschlaf hinlegen muss, weil die Energiereserven natürlich nicht mehr die gleichen sind, scheint da verzeihlich.

NATÜRLICH sind Kinder nicht die einzige Möglichkeit, der eigenen Existenz Sinn zu verleihen, mitnichten. Natürlich kann man auf zahlreiche andere Arten etwas zurücklassen, etwas vererben, natürlich ist Wachstum nicht nur auf die eigene Reproduktion beschränkt, sondern kann viele Formen annehmen. Und wunderbarer Weise ist geistiges oder auch spirituelles Wachstum etwas, das gerade mit zunehmenden Alter an Tiefe und Bedeutung gewinnt.

Dennoch ist es ein gewaltiges Gefühl, zu ahnen, dass vielleicht niemand mehr nach einem kommt, dass das eigene Leben, das von Generation zu Generation, von unseren Großeltern zu unseren Eltern weitergegeben wurde, mit uns eventuell in einer Sackgasse endet. Sind keine Kinder da, keine Enkelkinder, kein Fortleben in einem anderem, dann rücken der Abschwung, das Alter, der Abschied und die Auslöschung der eigenen Existenz plötzlich beeindruckend nahe an einen heran. Einfach, weil nichts mehr oder besser niemand mehr dazwischen steht.

Wie wir die Angst vor dem Altern ausblenden

Es ist nicht leicht, hinzunehmen, dass das Leben eben aus diesen Phasen besteht, aus dem Wachsen, dem Blühen, dem Vergehen. Gerade Letzteres wollen wir nicht sehen, nicht fühlen und das gilt in besonderem Maße immer noch besonders für Frauen – wir verbannen ihre Gesichter von den Leinenwänden und Fernsehbildschirmen, nur hier und da machen wir eine Ausnahme, aber nur, wenn eine Frau „für ihr Alter“ noch erstaunlich jung aussieht.

Es ist nicht nur misogyn, diese Doppelmoral, mit der alternde Männer noch aktiver, akzeptierter Teil der Gesellschaft sind, während viele Frauen jenseits der 50 unsichtbar werden (und Meryl Streep ist hier wirklich die Ausnahme) – es ist auch ein Ausdruck unserer Weigerung, uns mit der Endlichkeit der eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Auf ältere Frauen projizieren wir unsere Angst vor dem Tod.

Ganzheitlicher aufs Leben schauen

Was für ein Verlust! Denn gerade die Tatsache, dass das Leben eben endlich ist, wirft einen anderen Glanz und Blick auf alles, was wir darin tun und erleben. Es verändert unsere Entscheidungen. Es gibt unserer Existenz eine andere Bedeutung. Eine Party ist es aber nicht. Zu spüren, dass man altert, ist nicht leicht. Es schmerzt und manchmal ertappe ich mich dabei, junge Menschen mit einer Prise Neid zu beobachten, ob all der Möglichkeiten, die noch vor ihnen liegen und auch ob ihrer Unbekümmertheit, mit der sie in den Tag hineinleben, als ob es noch unzählige weitere gäbe.

Jeder Mensch, der das Glück hat, alt zu werden, hat diese Zeit für sich gehabt und jeder Mensch, der alt wird, erlebt diesen Richtungswechsel. Indem wir uns ängstlich abwenden, verschwindet diese Tatsache nicht. Sie lässt sich nicht wegcremen, unterspritzen oder überschminken. Und die Gefühle, die damit einhergehen, Trauer, Verlust, Wut, Widerstand, Akzeptanz – sie bedürfen unserer liebevollen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Es ist so anstrengend, so qualvoll, so lebensfeindlich, dem Altern und dem Tod ausweichen zu wollen. Begrüßen wir das Altern in unseren Reihen.

So, wie wir der Jugend zu recht viel Platz einräumen und uns von ihrer überquellenden Energie mitreißen lassen, so wäre es wünschenswert und heilsam, wenn wir auch die andere Phase des Lebens, das Altern, wieder in unser Bewusstsein holen würden, in die gesellschaftliche Mitte, und aus den Weisheiten zehren, die sich uns in dieser Zeit aus dem Leben heraus entgegen lehnen.

2 Comments

  1. Liebe Kea,
    wieder ein wunderschöner Artikel von dir!
    (Ich stöbere seit langem wieder hier und hole das nach, was ich in der Zwischenzeit verpasst habe.)

    Ich muss gestehen, dass ich andauernd vergesse, dass zwischen uns fast 10 Jahre Altersunterschied liegen. Irgendwie denke ich immer, du bist so alt wie ich.
    (Keine Ahnung, ob das jetzt gut oder schlecht ist, gemeint ist es neutral. ;) )

    In letzter Zeit erschreckt mich aber auch, dass ich vor allem das hier:

    “Es schmerzt und manchmal ertappe ich mich dabei, junge Menschen mit einer Prise Neid zu beobachten, ob all der Möglichkeiten, die noch vor ihnen liegen und auch ob ihrer Unbekümmertheit, mit der sie in den Tag hineinleben, als ob es noch unzählige weitere gäbe.”

    total gut nachvollziehen kann.
    Ich gucke mittlerweile auch manchmal neidisch auf die 17-19-Jährigen und denke: Mensch, was liegt noch alles vor euch! Genießt es, saugt es auf, lebt es so krass intensiv wie es nur geht.

    Liebe Grüße an dich!
    Jenni

    1. Hallo liebe Jenni!

      Ich freu mich sehr über deinen Kommentar, denn ich habe schon befürchtet, den Menschen zu viel zugemutet zu haben, wenn ich vom Altern und der Endlichkeit des Lebens schreibe. Die Reaktionen auf Ausschnitte aus dem Beitrag auf Insta waren jedenfalls auffällig zurückhaltend. Aber klar, in unserer heutigen Gesellschaft sind diese Themen so stark an den Rand geschoben, dass wir oft wortlos sind.

      Du, ich vergesse das mit dem Altersunterschied genau so :) – nehmen wir es einfach als unsere gute Wellenlänge!

      Zu dem Punkt mit dem Neid: Ja, so ist es wohl. Dann, wenn man sich noch keine Gedanken über die Endlichkeit des Lebens macht, geht man verschwenderisch mit Zeit um, später ändert sich das. Natürlich ist diese Sorglosigkeit auch schöner und wichtiger Bestandteil der Jugend.
      Es ist aber einfach auch total schade, dass wir als Gesellschaft dem Leben in höheren Lebensjahrzehnten so wenig Wert beimessen (bei Frauen eben auch noch mal ganz besonders). Schließlich hat jede Lebensphase ihre Berechtigung und ihre Stärken und Schwächen.

      Ganz liebe Grüße an dich zurück!
      Kea

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