Arbeiten Rhythmus

Warum 9 to 5 im kreativen Beruf für mich nicht funktioniert

Das Licht fällt durch die schlecht geputzten Fenster. Helles, klares Winterlicht. Im Zimmer ist es warm, Vögel singen in den laublosen Linden vorm Balkon. Ich sinke tiefer in mein Kissen, ziehe die Decke bis zur Nasenspitze und lasse die Sonne Funken auf die Innenseite meiner geschlossenen Lider malen. Der Tag vor mir, glatt, eine windstille See. Warum kann es nicht öfter so sein, warum gönne ich mir viel zu selten diesen Genuss? Die Arbeitsethik der Welt ist mir tief in die Seele geprägt. So schön ich Licht und Leben finde, Momente des Müßiggangs werden flankiert von schlechtem Gewissen. Sollte ich nicht längst mein E-Mail-Fach geöffnet, meine Projekte begonnen haben? Dringen nicht von draußen die Geräusche der geschäftigen Welt herein, das eilige Martinshorn, das Türenklappern des Postautos, die Motorsägen der Garten & Landschaftspflege? Donnerstag, sagt der Kalender. Anderswo Feiertag, in Berlin janz normaler Werktag. Arbeiten, das ist kein Rhythmus aus Anspannung und Entspannung, das ist konstanter Druck, das ist ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit. Ob angestellt oder selbstständig, das ist ganz egal. Wir zwingen unsere Körper aus dem Bett und an den Schreibtisch, pressen unsere Gehirnwindungen aus wie die Zahnpastatube und ignorieren Bewegungsdrang, Schlafbedürfnis oder Spielfreude. Unser Körper sendet uns Signale, die wir nicht befolgen oder nicht einmal verstehen. Wir leben antizyklisch zu unseren Bedürfnissen, sitzen still, wenn wir tanzen wollen, bingewatchen uns die Augen rot, statt zu schlafen und versuchen, unsere Stimmung auszugleichen, indem wir nach Feierabend im Fitness-Center eine Stunde auf dem Laufband schwitzen. All das loben wir dann als deutsche Tugenden, den Fleiss, die Pünktlichkeit, die Ordnung, die alles haben muss und nur manchmal fragen wir uns, warum wir uns so oft erschöpft und lustlos fühlen. Aber lustloses Pflichtbewusstsein schlägt lustvollen Müßiggang auf der Werteskala eben um Längen.

Und dabei meine ich nicht, dass mein Leben aus permanentem Nichtstun bestehen sollte. Auch wenn es meiner Generation gerne nachgesagt wird – es geht mir nicht um Hedonismus, Wochenendtrips nach Kopenhagen mit bleischwerem ökologischem Fußabdruck oder die Anspruchshaltung, das Leben solle weniger scharfe Kanten haben. Mir geht es um Rhythmus.

Ich sehne mich danach, meinem eigenen Rhythmus von Kreativität folgen zu können.

Denn es gibt sie, diese Phasen in denen mich mein eigener Augenaufschlag morgens um sechs weckt und mein Hirn begeistert fragt: was tun wir als Nächstes? In denen Ideen aus mir heraussprudeln, unablässig wie aus einem Schokobrunnen. In denen ich freiwillig erst aufhöre, wenn der Durchbruch geschafft ist. Aber das sind Phasen. Es ist natürlicherweise kein Dauerzustand. Es folgen Abschwung, Energietief, Regeneration.
Nein, ich bin nicht „überaus belastbar“ und „bereit immer 150 % zu geben“. Mein Schaffen unterliegt inneren Jahreszeiten, blüht und welkt im einem steten Wechselspiel. Und wenn nichts fließt, dann möchte ich mal zwei Wochen lang nichts tun. Oh mein Gott, ja, das hat sie gerade wirklich geschrieben. Denn das ist die Realität. In diesem leeren Raum entsteht der Dünger für zukünftigen Ideenreichtum. Dumm nur, dass ich damit ziemlich allein zu sein scheine. Alle anderen sitzen schließlich brav im Büro, wie produktiv sie dabei auch immer sein mögen. Und so kann ich meinen Morgen im Bett kaum genießen. Komme mir unerhört dreist vor, obwohl ich fühle, dass es richtig wäre, mein Arbeitspensum an den Fluss meiner Kreativität anzupassen.

Weil wir aber kollektiv immer verinnerlicht haben, dass eine gute Arbeitskraft die ist, die acht Stunden ihren Hintern an die Form ihres Schreibtischstuhls angepasst hat, wirken diese notwendigen Phasen des Leerlaufs in meinem Gehirn wie unverdientes auf der faulen Haut Liegen. Allen Unkenrufen, das digitale Zeitalter breche mit traditionellen Arbeitsstrukturen, zum Trotz. 
Es ist ja nicht einmal so, dass ich während dieser vierzehn Tage, in denen ich nichts tun möchte, für das ich später eine Rechnung schreiben kann, nicht nutzen würde. Es ist ja nicht einmal verlorene Zeit – es ist ein Invest in die Zukunft. Wann immer ich mir mal einen, zwei oder, mein Gott, drei solcher Tage am Stück gegönnt habe, in denen ich keinen Pfifferling in Akquise, Auftragsbearbeitung oder das Beantworten von E-Mails investiert habe, hat sich das dreifach ausgezahlt. Mit neuer Frische, Inspiration und vor allem Spaß ging ich danach wieder an die Arbeit. Aber nicht, weil ich musste, sondern weil ich wollte. Und ja, mir ist bewusst, dass das in unserer Welt Stand 2018 ein verdammtes Privileg ist. An dieser Stelle wünsche ich mir aber kein entweder-oder, sondern ein sowohl-als-auch. Obwohl meine Ansprüche an meine Arbeit auch Ausdruck meiner Privilegiertheit sind, sind sie deshalb nicht inhaltlich falsch. Und ich träume von einem Tag, an dem alle Menschen die Wahl haben, wo, wie und zu welchen Konditionen sie ihre Kreativität, Schaffenskraft und Zeit in den Dienst anderer Menschen stellen. Ohne, dass diese individuelle Entscheidung etwas darüber aussagt, ob sie als Mensch wertvoll und in den Augen der Gesellschaft achtbar sind.

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