Angst- und Panikstörung

Was meine Angst- und Panikstörung für mein soziales Umfeld bedeutet

Von “Ach, wie ist das schön hier!” zu “Ich muss hier raus. Jetzt! Nein, nein, nicht anfassen, lass mich, ich ruf dich an!” binnen weniger Sekunden – wer das aushält und auch noch immer wieder, der hat wohl einen Menschen mit Angst- und Panikstörung in seinem Freundeskreis.
Ich weiß nicht, wie oft ich andere schon vor den Kopf gestoßen, Verabredungen abgesagt oder mittendrin abgebrochen habe. Und meine normalerweise höflichen Umgangsformen der akuten Todesangst zum Opfer fielen – Luft, nur wieder Luft bekommen! Der Blick wird tunneleng, Schweiß bricht aus allen Poren, es gibt nur noch einen einzigen Gedanken: Weg. Von. Hier. In meinem Fall auch: bloß weg von allen Menschen und meinen sie es noch so gut mit mir.

Die Attacken und ich, wir kennen uns seit 16 Jahren, mit meinen generalisierten Angstgefühlen führe ich bereits eine innige Beziehung seit dem Kindergarten (mehr zu meiner Geschichte gibt es hier zu lesen). Nach vielen ambulanten und stationären Therapien habe ich die Attacken ganz gut im Griff – wir können koexistieren, zusammen U-Bahn fahren und Aufzug und ICE. Aber sobald andere Menschen ins Spiel kommen, hört der Spaß auf.

Im Wesentlichen gibt es wohl zwei “Lager” von Angsterkrankten – diejenigen, die sich panisch an eine Hilfsperson klammern, um möglichst nicht alleine zu sein und die, denen die Anwesenheit selbst der allerliebsten Herzensmenschen im Moment der Attacke eine Extraportion Stress bereitet, die das Fass zum Überlaufen bringt. Beide Ausprägungen sind für das nahe Umfeld der Betroffenen eine Herausforderung.

Ich kenne phasenweise beide Formen, auch wenn meine Angst vor “ZeugInnen” meiner Attacken deutlich überwiegt. Enttäuschung, Schuldgefühle, soziale Isolation – all das bekommt man mit einer Panikstörung also meistens frei Haus mitgeliefert. Für mich war die Enttäuschung meiner Lieben, wenn wieder einmal etwas nicht ging, zeitweise sogar schlimmer, als die Panik an sich. Nicht noch einmal absagen. Nicht noch einmal in diese Gesichter schauen, die sich auf eine Unternehmung mit mir gefreut hatten.

Alle meine TherapeutInnen waren sich einig: Herrin auch dieser letzten Bastion der Panik, auf der sie Woche für Woche ihre schrecklichen Partys feiert, werde ich nur, wenn ich zulasse, dass Menschen um mich sind. Auch dann, wenn ich mich gerade in schlimmer seelischer und körperlicher Verfassung befinde und mein baldiges Ableben oder zumindest einen schwerwiegenden Zusammenbruch für wahrscheinlich halte. Besonders hart an der Kandare hat mich dabei meine Emetophobie (Angst vorm Erbrechen), da mir bei fast jeder Panikattacke auch übel wird. Der Emo werde ich in Kürze einen eigenen Artikel widmen, heute soll es vor allem um die sozialen Folgen von Angsterkrankungen gehen.

Oft genug sage ich meine Verabredungen nur sehr einsilbig ab – aus Scham. Die Frau der Worte, vor der eigenen Verzweiflung bleibt sie oft genug stumm. Ich weiß ja, wie anstrengend und nervtötend und enttäuschend es ist, wenn wieder etwas nicht klappt, denn all diese Gefühle habe ich ja selbst. Dann will ich mir oft am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr sehen, denken, fühlen.

Nicht jeder kann mit einer Krankheit diesen Ausmaßes umgehen. Nicht jeder hat die Kraft dazu. Wie sehr ich mir manchmal wünschte, ich könnte noch einmal über Los gehen, könnte noch einmal in dieses Leben starten und die Hindernisse umgehen, die meine Seele zu Fall gebracht haben.
Ich möchte neu starten, möchte ein besseres Ich sein, eines, das den Menschen um mich weniger zur Last fällt, mehr Freude macht. 
Der liebe Zuspruch, der mich unter meinen Postings über meine psychischen Erkrankungen erreicht, tut gut, aber aus der Ferne ist es vergleichsweise auch leicht, Verständnis aufzubringen. Wenn jeder Urlaub, Kino- oder Supermarktbesuch zum Desaster wird, reißen auch Nerven vom Durchmesser einer alten Eiche. Nur meine, meine dürfen nicht reißen. Aber das ist nicht immer möglich, weil man so gerne einfach leicht wäre. Und sich so schwer fühlt.

Manchmal bin ich nur verzweifelt. Dann frage ich mich: bin ich überhaupt zumutbar? Sollte ich lieber ein Eremitendasein führen?

Ein Arzt, der mir einmal meine Angst vor der kommenden Blutentnahme ansah, wollte mich beruhigen, als er sagte, dass Ängste oft wirkten, wie Löwen, aber eigentlich gar nicht so furchteinflößend seien. Er mag recht haben. Aber mein Leben ist voll von Löwen und meine Seele kommt nicht mehr hinterher. Was mir von morgens bis abends alles Angst einjagt, kann sich ein gesunder Mensch vermutlich gar nicht vorstellen. Schon wenn ich morgens die Augen aufschlage, ist mein erster Gedanke: Oh Gott, wie geht es mir? Ist mein Körper gesund? Und in 95% der Fälle habe ich irgendwelche Symptome, die von mir eine Menge Mut erfordern – alleine, um aufzustehen und unter die Dusche zu steigen. Unter der ich wieder befürchte ohnmächtig zu werden und zu sterben oder von SanitäterInnen behandelt werden zu müssen… ihr versteht langsam, wie es funktioniert.

Ich für mich ganz allein – ich könnte damit wohl leben. Nicht, dass ich es will und es darauf beruhen lasse, nein, ich gehe weiter zur Therapie, ich lese Bücher, meditiere, lasse mich jeden Tag auf angstauslösende Situationen ein, versuche, meine Gedankenmuster zu durchbrechen. Aber wirklich schwer wird die Last auf meinen Schultern durch die Interaktion mit anderen Menschen, die so oft misslingt. 

Diesen damit verbundenen Schmerz, ich kenne ihn seit Kindertagen. Seit ich beim Theaterstück meiner Grundschulklasse, in dem ich die Hauptrolle spielte, vor lauter Angst vorm Erbrechen von der Bühne stürmte und meine Lehrerin für meinen Part einspringen musste. Seit ich lange Gesichter, traurige Blicke und wütendes Unverständnis geerntet habe für die Welt aus Angst, die in mir ist. Als wäre dieses Leben voller Löwen nicht genug.

Während ich die letzten Zeilen getippt habe, für einen Moment mental wieder auf der Bühne in meiner Grundschule stand und ich diesen Augenblick wieder so lebendig vor Augen hatte, fiel mir der letzte Satz ein, den ich in diesem Theaterstück sagte, bevor meine kleine Katastrophe ausgelöst wurde. In dem Stück ging es um einen Mord in einem Wanderzirkus. Ein bißchen spooky irgendwie, dass er lautete: “Haben Sie irgendjemanden in der Nähe des Löwenkäfigs bemerkt?”. Verrückt! Ausgerechnet Löwen. Ich kann es mir vielleicht als Motto nehmen, denn mein Weg durch meine Angst- und Panikstörung wird wohl nochmal ein heftiger Ritt – er führt mich, und das wird mir immer klarer, geradewegs durch die Konfrontation. Ich werde lernen müssen, Gesellschaft zu ertragen, obwohl ich dabei innerlich vor Angst fast umkomme. Jemanden zuzulassen in der Nähe meines persönlichen Löwenkäfigs. Die Alternative dazu wäre sehr sehr einsam.

11 Comments

  1. oh wow… ich hab eine variante davon und dennoch trifft es das hier sooo genau! und ich fühle mich von diesem text um so viel mehr verstanden als von meinen bisherigen therapeutinnen, die sich nur enttäuscht gaben, wenn es mir nicht gelang die angst herunterzuspielen und somit den kreislauf zu durchbrechen. ich hätte mich dann einfach nicht genügend bemüht, es nicht genügend gewollt, mich entschieden, ihr das ruder zu überlassen – kopfschütteln, enttäuschter blick. ganz prima und hilfreich, wenn man angst hat, dass der körper und das gesamte system versagt… und dann kommst du!

    mir hat die wut auf die angst (und die behandelnden) ein bisschen geholfen. alles kann ich immer noch nicht aushalten und manchmal ist auch weniges schwer, aber einiges geht doch. kostet enorm kraft und es ist immer einfacher ohne zeugen – ich bin auch so ein fall…

    ich wünsche dir alles gute und der umwelt dickste nerven!

    1. Oh, das ist ein schönes Kompliment, dass du dich von meinem Text so verstanden fühlst – ich danke dir!
      Schade, dass du mit den TherapeutInnen so schlechte Erfahrungen mache musstest, ich denke, die Kunst ist es, das angeschlagene Selbstwertgefühl, das man ja ohnehin hat, wenn man mal wieder vermieden hat, wieder aufzurichten und für den nächsten Versuch zu motivieren.
      Natürlich haben sie recht, wenn sie sagen, dass der Weg zur Heilung nur durch die Angst führt, aber in der Theorie kann man das so leicht erzählen und die Praxis ist einfach nur knallhart.
      Deshalb wünsche ich dir Geduld mit dir selbst, denn die hast du verdient! Der Weg zur Heilung führt durch unsere tiefsten Täler – da sind alle Begleitgefühle erlaubt!

  2. Liebe Kea,

    dankeschön für diesen authentischen und ehrlichen Beitrag.
    Deine Beiträge sind immer eine Bereicherung; das Lesen selbiger nie Zeitverschwendung. Ich mag wie du schreibst und deine Gedanken in Worte fasst. Mutig und begabt.
    Liebe Grüße
    Marie

  3. Liebe Kea,

    ich habe oft genug wässrige Augen, wenn ich solche Texte von dir lese – und das ist wieder einmal so ein Fall.
    Ich kann dieses Mal zwar nicht mitreden, das ich persönlich keine Angststörung habe – aber ich kann so gut fühlen, was du meinst; allein durch deine Worte.

    Ich fühle mich als Introvertierte in manchen Situationen zu manchen Zeiten (wenn es sehr schlecht läuft) ähnlich – dass die Situation sofort verlassen werden muss, weil ich es sonst einfach nicht aushalte. Und ich kann es immer noch nicht richtig annehmen – dass das zu mir gehört. Und frage mich häufig (obwohl ich weiß, dass es müßig ist), was eigentlich falsch ist mit mir.

    Ich glaube, der einzige Weg ist wirklich, sich diesen Löwen zu stellen und zu lernen, nicht von ihnen gefressen zu werden. Wenn man sie schon nicht zähmen kann.

    Liebste Grüße an dich!
    Jenni

    1. Liebe Jenni –

      ich danke dir für deine Worte! Ich fühle mich reich beschenkt durch eure tollen Rückmeldungen ♥.
      Sich selbst so löwenreich zu akzeptieren ist wirklich schwer – auch ich habe Tage, an denen ich frustriert bin, zornig, ungeduldig. Sie sind vermutlich Teil der Reise.

      Ich wünsche dir alles Liebe & finde es schön, dass du (auch als Introvertierte) deine Gedanken hier mit uns teilst!
      Kea

  4. Ich möchte etwas sagen, aber mir fällt nichts ein. Nichts, was du nicht schon 1000 Mal gehört hast. Vielleicht würde ich dich einfach gehen lassen und das berühmte Licht anlassen, wenn du zurückkommst. Vielleicht würde ich es nicht schaffen… Vielleicht ist das auch nicht wichtig. Vielleicht ist das Wichtigste gerade, dass wir alle hier diese Text gelesen haben.

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